landschaftlicher irrtum

norden
so dachte ich
norden
riecht nach freiheit
dort
wo die möwen wohnen
wo der wind weht
wo es weite atmet

norden
wo die möwen wohnen
ihr kreischen und lachen
jubelnd und zankend
in den stürmischen himmel tragen

im noch nicht ganz
so echten norden
angekommen
erkenne ich
möwen sind in unterzahl

dafür hat es gänse
aller arten

***

Mit diesen Zeilen füttere ich heute sowohl das Format ‚Der Dienstag dichtet‘, das von Katha geführt wird, als auch die Impulswerkstatt von Myriade, die ein Möwenbild spendiert hat.

Und ja… ich mag auch Gänse. Weniger mag ich, dass sie zu manchen Zeiten Deich und Deichvorland so zuscheißen, dass man kaum eine Möglichkeit hat, nicht mit hundert Punkten nach Hause zu kommen. Dann… in punkto Scheiße… lieber Schafe. Da liegen die Tretminen in weiteren Abständen.

Alltag

Sommerzeit. Hamburg. S3 Richtung Pinneberg.

Stickige Wärme hängt im Waggon. Halt auf der Strecke zwischen Halstenbeck und Krupunder. Signalstörung. Eine Frau im Businessoutfit, das Haar struppig zusammengebunden, steht an der Tür. Unweit von ihr in einem Viererblock drei Männer, eine Frau. Zwei der Männer miteinander im Gespräch. Einer von ihnen deutet mit dem Kinn auf die Frau an der Tür:

„Haste gesehen? Die Neue aus der Kundenbetreuung.“
„Mmh… wie ein aufgeplatztes Sofakissen.“
„So wird sie die Stelle auch bekommen haben. Heiner hat sich ja auch drauf beworben.“
„Die aus dem Billing auch, ist aber schon übers Verfallsdatum.“

Beide grinsen wissend.

Die Frau im Viererblock läuft rot an. Ihr Blick huscht kurz zur Tür, wo ‚die Neue‘ inzwischen die Haltestange so umfasst, dass ihre Fingerknöchel weiß hervortreten. Sie senkt den Blick wieder auf ihre Hände, sagt nichts.

Der dritte Mann lächelt zuerst mit. Reflex. Dann erstarrt er, als hätte er sich verschluckt.

„Ey“

Die beiden anderen schauen ihn an.

„Was soll der Scheiß?“

„Ach komm“, sagt einer, „wir sticheln nur—“

„Nee.“ Er schüttelt den Kopf. „Ihr redet hier über Kolleginnen wie über Ware. Ist einfach daneben.“

Kein großes Aufrichten, kein erhobener Ton. Ein Moment, in dem das Umfeld den Atem anhält.

„Jetzt übertreib mal nicht.“

„Ihr seid diejenigen, die es zu weit treiben.“, sagt er. „Und zwar jedes Mal, wenn ihr meint, das wäre normal.“

Die Frau im Vierer, atmet flach.

Die Gesprächspartner schweigen. Einer kramt sein Handy hervor. Der andere starrt aus dem Fenster. Deutlich zu sehen: Die Mahlbewegungen seines Kiefers, das vorgeschobene Kinn.

Die Frau an der Tür bewegt sich nicht. Nach einer Zeit lockert sich ihr Griff, die Schultern sinken, ein tiefer Atemzug bis in den Bauch.

Die S-Bahn ruckt wieder an.

Es ist nichts Besonderes passiert. Genau das ist der Punkt.

***

Dies ist eine ABC-Etüde. Verwendet wurden dafür die von Christiane gespendeten Wörter: Sommerzeit + sticheln + struppig.

Ich weiß nicht, wie viele solcher Gespräche ich gehört habe. Bei wie vielen von ihnen ich mit am Tisch gesessen habe und geschwiegen habe. Über viele sexistische Witze habe ich, selbst als Frau, mitgelacht. Immer gut, wenn es die anderen traf. Wenigstens durfte ich so dazugehören. Nur ab und zu habe ich die Männer darauf hingewiesen, ob sie eigentlich schon bemerkt hätten, dass eine Frau hier mit ihnen zusammensäße, die in all ihren Witzen mitgemeint wäre. Aber nein… ich war halt die Kumpel-Frau. Die stellt sich nicht so an.

Ich bin froh, dass das weitgehend meiner Vergangenheit angehört. So wirklich gut bin ich im Ansprechen aber immer noch nicht. Bei Freunden… da geht’s. Aber auch, weil ich mit niemandem mehr befreundet sein will, der da nicht lernfähig ist. Bei Bekannten ist es schwieriger für mich. Nicht nah genug, aber auch nicht weit genug weg. Bei vollkommen Fremden ist es schon wieder einfacher. Da gibt es nichts zu Verlieren, nur (Selbst-) Achtung zu gewinnen.