Der Geist der Proteste ist aus der Flasche

Eine Million war es zwar nicht, wie von den Veranstaltern erhofft, aber immerhin 450.000 Menschen versammelten sich am vergangenen Samstag in mehreren Städten Israels, um gegen steigende Mieten, hohe Lebenshaltungskosten und für mehr soziale Gerechtigkeit zu demonstrieren – allein 300.000 waren es in Tel Aviv. Damit war eine enorme Anzahl von Menschen auf die Straße gegangen, ungefähr sieben Prozent der israelischen Bevölkerung. Auf die Einwohner Deutschlands umgerechnet, wären das fünfeinhalb Millionen Demonstranten. Dabei hatten manche Beobachter schon angenommen, mit den neuerlichen Terrorangriffen auf den Süden Israels aus dem Gazastreifen und dem ägyptischen Sinai sei den Sozialprotesten der Wind aus den Segeln genommen. Doch das war nicht der Fall. Alte und Junge, Linke und Rechte, Schwarze und Weiße, Juden und Araber marschierten in Tel Aviv vom Habima-Nationaltheater zum von Luxusboutiquen gesäumten Kikar HaMedina, wo die Abschlusskundgebung stattfand. Nachdem Redner auf der Bühne erklärten: „Wir wollen den Staat Israel nicht nur lieben, sondern auch in Würde in ihm leben“, sorgten der Popsänger Eyal Golan und die HipHop-Band Hadag Nahash für Stimmung. Und anders als bei den jüngsten Aufständen in London ging in Tel Aviv nicht eine einzige Fensterscheibe zu Bruch, wurde kein Auto abgefackelt, kein Laden ausgeplündert. weiterlesen


Lose Blätter

Jerusalem

Für die Europäische Union ist der Stadtteil, in dem ich wohne, eine illegale Siedlung. Giv’at Shapira, nach dem Sechstagekrieg auf dem French Hill im Nordosten Jerusalems erbaut, ist heute eines der ethnisch gemischtesten Viertel in ganz Jerusalem. Nicht nur viele Einwanderer aus der früheren Sowjetunion und aus Ostasien leben hier, auch Studenten aus aller Welt – die Hebräische Universität auf dem Scopusberg ist nicht weit – sowie zahlreiche Araber. In dem Haus, in dem ich mich zur Zeit aufhalte, habe ich überwiegend arabische Nachbarn. (Für jüdische Israelis ist es hingegen nahezu unmöglich, in arabischen Vierteln und Ortschaften Wohnraum zu bekommen.) Der Parkplatz vor dem Haus bietet eine Aussicht auf den Schutzwall, der Jerusalem vom Westjordanland trennt, und auf das Depot, in dem die Straßenbahnen für die neue Linie 1 seit Jahren auf ihren Einsatz warten. Die Bahn wird im jüdischen Pisgat Ze’ev starten, die arabischen Viertel Shuafat und Sheikh Jarra durchqueren, von der Altstadt durch die Jaffa Road zum Zentralen Busbahnhof führen und von dort ihre Fahrt zum Herzlberg in der Nähe der Holocaustgedenkstätte Yad Vashem fortsetzen. weiterlesen


Flirten mit dem Hummuskönig

Der Schriftsteller Ilan Heitner wurde in Israel zum Star – mit einem gnadenlos ehrlichen Liebesroman.

Der Bus von Jerusalem nach Tel Aviv ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Der Grund sind die vielen Teenies, die vom Casting für „Israel sucht den Superstar“ kommen. Ein einziger Platz neben einem religiösen Juden, der in seinem Gebetbuch liest, ist noch frei. Ich fahre nach Tel Aviv, um den Schriftsteller und Regisseur Ilan Heitner zu treffen. Der hat mit seinem Roman „Melech haHummus u Malkat haAmbatja“ (wörtlich: Der Hummuskönig und die Badewannenkönigin) vor sechs Jahren einen Überraschungserfolg in Israel gelandet. Zur Vorbereitung blättere ich im Bus noch einmal in der sehr verdienstvollen deutschen Übersetzung aus dem Kein&Aber-Verlag, die den Titel „Liebe und anderer Schlamassel“ trägt. (Ohne unmotiviertes Gejiddel verkauft sich israelische Literatur offenbar schlechter.) Und so lese ich Sätze wie „Besonders attraktiv war sie nicht, aber ich konnte den Blick nicht von ihren Möpsen losreißen. Sie quollen aus dem Büstenhalter und schienen mir zuzurufen: Nimm uns, leck uns, knet uns richtig durch“, während mein Sitznachbar leise und melodisch seine Gebete vor sich hinsingt. weiterlesen


„Das Westjordanland ist verhandelbar“

Der arabisch-israelische Journalist Khaled Abu Toameh lebt in einem jüdischen Viertel von Jerusalem, sagt von sich, er sei pro-palästinensisch und bemängelt die fehlende Selbstkritik der Palästinenser.

Er sei ein israelisch-arabisch-muslimischer Palästinenser, sagt Khaled Abu Toameh. Sein Vater ist arabischer Israeli, seine Mutter Palästinenserin aus Tulkarem. Geboren wurde er 1963 im Westjordanland, heute lebt er in Israel. Natürlich habe er eine Identitätskrise, sagt er und lacht. Aber das gelte für alle israelischen Araber. Was nun folgt, ist allerdings keine Klagelitanei über das schwere Los der Araber in Israel. Abu Toameh wirkt sehr zufrieden mit sich und seinem Leben, als wir uns bei einem Gespräch in der Lobby eines Jerusalemer Hotels gegenübersitzen. Und er kann auch erklären, warum. weiterlesen


Ein schlaues Walross

Ein Gespräch mit Louise Kahn, Leadsängerin der Band Terry Poison, über Pop, Politik, Israel und Europa.

Eigentlich hatte sie gar keine Zeit, da sie mitten in den Aufnahmen zu ihrer neuen CD steckt. Aber ich habe Louise Kahn so lange mit Telefonanrufen traktiert, bis sie schließlich zu einem Treffen bereit war. Und nun sitzen wir in einem Café gegenüber dem Habima-Nationaltheater und plaudern, denn eine entspannte Caféplauderei ist in Tel Aviv trotz aller Termine letztlich immer drin. Louise ist die Sängerin der Elektropopband Terry Poison, die in Israel extrem populär ist und, wenn mich meine prophetische Gabe noch nicht verlassen hat, sehr bald Europa und die USA erobern wird. Das liegt nicht nur, aber auch, am Bühnenauftritt der Band: vier Frauen (und zwei Männer im Hintergrund) mit sehr langen Beinen und sehr kurzen Hotpants weiterlesen


Das Jahrhundert in einem Koffer

Sonja Wolf fand in Tel Aviv eine Heimat, nachdem ihre Familie von Hitler und Stalin zerrieben wurde. Ihre Tochter Ester Noter erzählt ihre Geschichte.

Jemand musste Sonja Wolf verleumdet haben. Denn eines Morgens, während des Zweiten Weltkriegs, wurde sie in ihrer Moskauer Wohnung verhaftet und in das Arbeitslager Karaganda in Kasachstan deportiert. Zuvor schon, 1937, war ihr Vater, der deutsche Arzt Lothar Wolf, vom sowjetischen Geheimdienst NKWD verhaftet worden. Von ihm verlor sich jede Spur, Sonja Wolf sah ihn nie wieder. Ihre Mutter, Martha Ruben-Wolf, nahm sich im August 1939 aus Kummer und Angst das Leben. Sonja Wolf lernte im Gulag den jüdischen Ingenieur Israel Friedmann kennen. Die beiden heirateten, und 1943 wurde, noch im Lager, die Tochter Ester geboren.

Heute, 68 Jahre später, öffnet mir Ester Noter die Tür ihrer Wohnung im Zentrum von Tel Aviv. weiterlesen


Im falschen Film

Viele israelische Künstler und Journalisten übertreiben es mit der Selbstkritik und entmündigen damit ungewollt die Palästinenser, für die sie sich einsetzen.

Als es den jüdischen Einwanderern aus Europa in der arabischen Hafenstadt Jaffa zu eng wurde, gründeten sie bekanntlich Tel Aviv. Weniger bekannt ist, dass schon mehr als zwanzig Jahre zuvor, 1887, die Gemeinde Neve Tzedek nördlich von Jaffa entstand. Im Laufe der Zeit vom Stadtgebiet Tel Avivs umwuchert und von Wolkenkratzern umkreist, verfiel Neve Tzedek zusehends, und in den achtziger Jahren sollten die meisten der pittoresken Jugendstil- und Art-Noveau-Bauten sogar abgerissen werden. Doch der Denkmalschutz rettete sie, in den Neunzigern wurden sie saniert, und heute ist Neve Tzedek eines der schicksten Ausgehviertel von Tel Aviv. weiterlesen


„Ich verstehe die deutsche Ängstlichkeit nicht“

Ein Wüstenspaziergang mit dem Schriftsteller Chaim Noll.

Der Bus ist bis auf den letzten Platz gefüllt, die meisten Passagiere sind junge Wehrpflichtige. Die blonde Soldatin auf der anderen Seite des Ganges ist in ihr Buch vertieft: „Emil and the Detectives“ von Erich Kästner. Nach zweistündiger Fahrt ist man mitten in der Wüstenhauptstadt Beer Scheva – der viertgrößten Stadt Israels und Sitz der Ben-Gurion-Universität. Im Falafel-Imbiss in der Nähe des Busbahnhofs sitze ich neben einer Frau mit Kopftuch und ihren drei Kindern. Viele Beduinen leben hier, sind aus ihren Zeltdörfern in der Negev-Wüste in die Stadt gezogen. An der hiesigen Universität studieren hunderte Beduinen, zwei Drittel davon sind weiblich. Beer Scheva ist für mich heute aber nur eine Zwischenstation – ich reise weiter in einen 6.000-Einwohner-Ort nahe der Grenze zum Westjordanland. Ich bin mit dem Schriftsteller Chaim Noll verabredet, der seit einigen Jahren dort wohnt. weiterlesen


Flüchtlinge aus freien Stücken (Bethlehem II)

Im palästinensischen Flüchtlingslager Aida haben sich die Menschen eingerichtet. Sie hegen die grimmige Hoffnung, eines Tages „zurückzukehren“ in ein Land, das viele noch nie betreten haben.

(zu Teil 1) Das Flüchtlingslager Aida bei Bethlehem gibt es seit 1950. Heute leben dort etwas mehr als 3.000 Menschen – Nachkommen jener Araber, die im Krieg von 1948 aus Israel geflohen sind. Unterhalten wird das Lager Aida vom UN-Hilfswerk für Palästinaflüchtlinge (UNRWA), und es sieht nicht so aus, wie man sich ein „Lager“ vorstellt. Aida besteht aus massiven Häusern und gleicht somit eher einem Stadtteil – nicht einmal einem Slum. Das Eingangsportal zum Flüchtlingslager ziert ein riesengroßer Schlüssel, auf dem in Englisch und Arabisch geschrieben steht: „Not for Sale“. Was nicht zu verkaufen steht, ist nicht schwer zu erraten: die arabische Scholle vom Jordan bis zum Mittelmeer, die nicht für einen Friedensvertrag mit Israel aufgegeben werden darf. Eine unzulässige Interpretation meinerseits? Warten wir’s ab. weiterlesen


Grenzwertiges (Bethlehem I)

Nicht nur christliche Pilger kamen zu Weihnachten nach Bethlehem, auch westliche Revolutionstouristen.

Nach Bethlehem zu kommen, ist im Prinzip kein Problem. Zumindest, wenn man im Besitz eines Reisepasses der Europäischen Union ist. Bethlehem gehört zur Zone A, ist also, wie alle Städte im Westjordanland, Hoheitsgebiet der Palästinensischen Autonomiebehörde. Israelische Bürger dürfen nicht einreisen. Das heißt, wenn sie es doch tun, dann auf eigene Gefahr. Und das bedeutet: Wenn sie dort in Schwierigkeiten geraten oder ihnen etwas zustößt und die IDF sie rausholen muss, haben sie die Kosten des Einsatzes zu zahlen und ein happiges Bußgeld obendrein. Für mich ist es wie gesagt kein Problem. Ich nehme in Jerusalem ein Taxi, das mich zum Grenzübergang bringt, gehe durch die Sicherheitsschleuse und – stehe vor einem zweiten massiven Grenzgebäude, wo ich noch einmal meinen Pass vorzeige, und dann bin ich endgültig in Bethlehem. weiterlesen


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