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Buchcover von Birgit Birnbachers "Sie wollen uns erzählen" mit verwaschener Waldszene, grün und braun mit Lichtflecken

Zsolnay

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Reizüberflutung im Innergebirg

„Sie wollen uns erzählen“, der neue Roman von Bachmannpreisträgerin Birgit Birnbacher, behandelt die Unbarmherzigkeit gesellschaftlicher Normierung und eine besondere Beziehung zwischen Mutter und Sohn.

Von Daniel Grabner

Birgit Birnbachers vierter Roman heißt wie ein Tocotronic-Song. In „Sie wollen uns erzählen“ vom allerersten Album der Band lautet eine Zeile „Und unsere Leidenschaft ist ihnen rätselhaft“. Diesen Satz kann man auch programmatisch für den Roman der Bachmannpreisträgerin verstehen. Die Geschichte handelt von der Soziologin Ann und ihrem Sohn Ozzy. Irgendwie tun sich beide schwer in der Welt, beide auf ihre Art. Und die Welt, oder besser: die Gesellschaft, tut sich schwer mit ihnen. „Unsere knisternden Nerven“ sagt Ann einmal über sie beide. Während Ozzys Zustand einen Namen, nämlich die Diagnose Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (kurz ADHS) trägt, vermutet Ann bei sich selbst eine nicht diagnostizierte Form von Neurodivergenz.

Am ersten Sommerferientag

Ein toter Hase, eine abgängige Oma, ein Sommercamp für Kinder mit ADHS. Den ersten Ferientag hat sich der Volksschüler Ozzy anders vorgestellt. Den Hasentod hat er selbst zu verschulden, das verschweigt er lieber. Seine Oma ist eigenmächtig aus dem Krankenhaus verschwunden und das ADHS-Sommercamp war die Idee seiner Mutter. Doch zuerst müssen Ann und Ozzy die Oma finden, also machen sich die beiden auf den Weg ins Salzburger Innergebirg. Soweit die Rahmenhandlung des Romans, die sich über drei Sommerferientage auf gut 200 Seiten erstreckt. Dabei lernen wir Ozzy und seine Mutter Ann gut kennen. „Sie ist nicht so die klassische Spielplatz-Mutter. Vom Temperament her ist sie eher der Pulverfass-Typ.“

Porträt von Birgit Birnbacher, eine Frau mit zurückgebundenen brünetten Haaren in einem grauen Mantel vor grauem Hintergrund

Erika Mayer

Die Salzburger Autorin Birgit Birnbacher hat 2019 den Bachmannpreis gewonnen.

Im Zwiespalt

Es ist eine liebevolle, aber nicht ganz einfache Beziehung zwischen einer Mutter und ihrem Sohn. Das große Motiv in der Geschichte ist der nachvollziehbare Zwiespalt, in dem sich Ann befindet. Einerseits weiß sie, wie es ihrem Sohn ergeht, will ihn vor den starren Anforderungen eines Systems schützen, das für Kinder, die „anders“ sind, weder gemacht ist noch die Ressourcen hat. Ozzy soll sich in seiner Besonderheit entfalten können. Auf der anderen Seite will Ann, dass ihr Kind die Schule schafft und aufs Gymnasium geht. Dieser Zwiespalt zeigt sich in Szenen wie dem gemeinsamen Aufsuchen einer Bildungsberaterin, der Ann mit einer gehörigen Portion (durchaus witzigem) Zynismus begegnet.

„Sie will so nicht sein. Trotzdem kann sie nicht aufhören, sich die Vorurteile zu übertrieben bunten Bildern auszumalen, während die Bildungsberaterin sich erfahren fühlt, weil sie selbst eine Tochter hat, dabei natürlich aber konsequent ausblendet, dass diese leichter zu erziehen ist als jede Ikea-Palme. Auch ihr Lernverhalten wird das eines mitteleuropäisch-statistischen Normgrößenkindes sein, was die Bildungsberaterin selbstverständlich zu großen Teilen ihren exzellent ausgeprägten pädagogischen Fähigkeiten zuschreibt.“

Witz und Ernst

Birgit Birnbachers Protagonist*innen bringen einen immer wieder zum Lachen. „Sie wollen uns erzählen“ ist ein humorvoller Roman, ohne dabei die Ernsthaftigkeit seiner Themen zu untergraben. Die Diagnose ADHS ist in den letzten Jahren deutlich sichtbarer geworden. In Deutschland etwa ist die Zahl der Diagnosen zwischen 2015 und 2024 um fast 200 Prozent gestiegen. Für Kinder und Jugendliche mit dieser Diagnose stellt vor allem die Schule eine Herausforderung dar. Häufig fällt es ihnen schwer, aus der Vielzahl an Eindrücken die wichtigen von den unwichtigen zu unterscheiden. Das sensorische Durcheinander im Klassenzimmer, Geräusche, Stimmen oder auch Gerüche prasseln gleichzeitig auf sie ein und können überwältigend sein. In solchen Momenten ziehen sich die Kinder innerlich zurück, schalten gewissermaßen ab. Von außen wird das jedoch oft als Desinteresse oder mangelnde Motivation missverstanden.

Buchcover von Birgit Birnbachers "Sie wollen uns erzählen" mit verwaschener Waldszene, grün und braun mit Lichtflecken

Zsolnay

„Sie wollen uns erzählen“ von Birgit Birnbacher ist im Zsolnay Verlag erschienen.

Literarische Empirie

Der Roman erzählt sehr einfühlsam aus der inneren Perspektive von Ozzy und Ann. Diese personale Erzählperspektive ist virtuos ausgeführt und wechselt immer wieder zwischen Mutter und Sohn und ihrer ganz eigenen Sicht auf die Welt. Ozzys Gedanken sind sprunghaft, zweigen ab, verlieren sich in Träumereien. Birnbacher hat lange zu ADHS recherchiert, das merkt man. Und es ist eine große Stärke des Romans, dass er diese Erkenntnisse nicht erklärt oder einfach nur erzählt, sondern durch die Erzählperspektive erfahrbar macht.

Gerade dadurch tritt auch ein Themenkomplex hervor, der uns in vielen Büchern von Birgit Birnbacher begegnet: das Verhältnis zwischen der Gesellschaft auf der einen Seite und dem bzw. der Einzelnen auf der anderen. Es geht darum, wie wir in die Gesellschaft eingegliedert werden und uns eingliedern müssen, wenn wir erwachsen werden. In ein Netz aus Beziehungen, Konventionen, Gesetzen und Kategorien. Und es geht darum, wie die Gesellschaft das Normale definiert, und damit auch das Abweichende überhaupt erst hervorbringt: den Weirdo, den Freak, und das Pathologische. Auch hier: Es wird nicht einfach beschrieben, sondern durch die Geschichte veranschaulicht - eine Art literarische Empirie, könnte man sagen.

Ein richtiges Leben im falschen?

Wie fügen wir uns ein und werden trotzdem glücklich? Diese Frage betrifft Ozzy genauso wie Ann, aber auch Anns Mutter, die sich weigert, zurück ins Krankenhaus zu gehen. Und wie gehen wir damit um, wenn uns andere erzählen wollen, wie und wer wir sind? Literatur kann uns vielleicht helfen, einander besser zu verstehen. Birgit Birnbachers Roman zeigt, wie das gelingen kann.

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