Israel-Splitter

Ganz anders als in Berlin gehe ich hier nur selten ins Kino. Als ich mir allerdings in Tel Aviv Clint Eastwoods sehr spannenden „The Changeling“ mit Angelina Jolie in der Hauptrolle angesehen habe (in dem es eine dermaßen verstörende Mordszene gibt – in der man das eigentliche Geschehen nicht einmal direkt gezeigt bekommt -, daß sogar ich als abgebrühter Thrillergucker schlecht geträumt habe), fiel mir auf, daß in den hiesigen Kinos wie im Theater nach der Hälfte der Vorführung stets eine Pause gemacht wird, auch wenn der Film keine Überlänge hat. Doch die Israelis haben anscheinend kein Sitzfleisch. Sobald das Licht angeht, rennt die eine Hälfte hinaus, um auf die Toilette zu gehen oder sich neues Popcorn zu kaufen, die andere Hälfte liest die inzwischen eingegangenen SMS oder ruft die Mutter an.

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Beim Schabbatmahl mit vier bezaubernden israelischen Politologie-Studentinnen verliere ich haushoch den Wettbewerb, wer Hitler am besten imitieren kann.

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Meine geliebte Exfreundin C. sagte einmal zu mir, ich besäße „unmännlich viele Schuhe“. In der Tat habe ich mehr als ein Paar mit nach Israel genommen. Zwei Paar schwarze, ein Paar hell- und ein Paar dunkelbraune. Bei zweien davon habe ich mir die Sohlen bei meinen Streifzügen durch Jerusalem inzwischen durchgelaufen. Gut, daß es im Stadtteil Nahlaot, gleich am Mahane-Jehuda-Markt, sehr preiswerte russische Schuhmacher gibt.

Schuhmacher

Es gibt sie noch, die guten Dinge.

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Nicht jeder liebt die russischen Zuwanderer. Ein Taxifahrer ereifert sich während der Fahrt über die vielen Russen, die nach Israel kommen, „obwohl sie gar keine richtigen Juden sind“, und den richtigen Israelis die Arbeitsplätze wegnähmen. Kein Wunder, daß es hier keine vernünftigen Jobaussichten mehr gäbe. Er wolle, sagt der Taxifahrer, so bald wie möglich in die USA auswandern. Das Problem: Die nähmen auch nicht jeden.

Russischer Laden

Russischer Laden in der Jaffa Street

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Wenn man auch nur ansatzweise den Eindruck macht, Tourist zu sein, nennen einem die Taxifahrer astronomische Fahrpreise. Sobald man aber zu erkennen gibt, daß man sich mit den marktüblichen Preisen durchaus auskennt, gibt es kein großes Feilschen mehr, sondern man wird klaglos zu eben diesem marktüblichen Preis transportiert.

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Oder man nimmt den Bus. Am Zentralen Busbahnhof wird an den Bussen nach Tel Aviv gedrängelt, was das Zeug hält, obwohl es dadurch keinen Deut schneller geht. Am schlimmsten und rücksichtlosesten drängeln übrigens mittelalte bis ältere Frauen. (Genau dieselben, die an der Supermarktkasse besonders lange brauchen.) Offenbar nach der Devise: Ich habe fünf Söhnen das Leben geschenkt, ich darf das.

Zentraler Busbahnhof

Sicherheitskontrolle am Zentralen Busbahnhof

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Weil man sich an den Bushaltestellen nicht selten die Beine in den Bauch wartet – und zwischen Freitagnachmittag und Samstagnacht überhaupt keine Busse fahren –, habe ich mir ein gebrauchtes Fahrrad zugelegt. Mein erstes Mountainbike – in Kombination mit meinem ersten Fahrradhelm. Der ist hier nämlich gesetzlich vorgeschrieben, was angesichts den Fahrverhaltens der motorisierten Verkehrsteilnehmer durchaus sinnvoll ist. Nicht vorgeschrieben ist hingegen Fahrradbeleuchtung, weswegen mein Fahrrad auch keine solche hat. Aber wenigstens eine gut funktionierende Klingel.

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Die Arbeiten an der Jerusalemer Straßenbahn, die ich in einem früheren Blogbeitrag als „neuen Blaumilchkanal“ bezeichnet habe, machen übrigens inzwischen Fortschritte. In der Jaffa Street wird fleißig gewerkelt, die Waggons sind bereits gekauft und warten im Depot zwischen French Hill und Pisgat Ze’ev auf ihren ersten Einsatz. Der soll, wenn alles glatt läuft, bereits im Jahr 2015 stattfinden.

Straßenbahn

So schick und modern soll die Jerusalemer Neustadt irgendwann aussehen.

(Ursprünglich erschienen auf WELT Online)


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