Nicht nur christliche Pilger kamen zu Weihnachten nach Bethlehem, auch westliche Revolutionstouristen.
Nach Bethlehem zu kommen, ist im Prinzip kein Problem. Zumindest, wenn man im Besitz eines Reisepasses der Europäischen Union ist. Bethlehem gehört zur Zone A, ist also, wie alle Städte im Westjordanland, Hoheitsgebiet der Palästinensischen Autonomiebehörde. Israelische Bürger dürfen nicht einreisen. Das heißt, wenn sie es doch tun, dann auf eigene Gefahr. Und das bedeutet: Wenn sie dort in Schwierigkeiten geraten oder ihnen etwas zustößt und die IDF sie rausholen muss, haben sie die Kosten des Einsatzes zu zahlen und ein happiges Bußgeld obendrein. Für mich ist es wie gesagt kein Problem. Ich nehme in Jerusalem ein Taxi, das mich zum Grenzübergang bringt, gehe durch die Sicherheitsschleuse und – stehe vor einem zweiten massiven Grenzgebäude, wo ich noch einmal meinen Pass vorzeige, und dann bin ich endgültig in Bethlehem.
Dort wartet ein ganzer Pulk Taxifahrer auf Touristen, denn es ist der 24. Dezember, der lateinische Patriarch von Jerusalem wird heute in Bethlehem die Heilige Messe halten. Der Grenzzaun ist auf dieser Seite über und über mit anti-israelischen Graffiti besprüht – „Gasbomben gegen Demonstranten heute, Gaskammern morgen“ gehört noch zu den harmloseren –, die christlichen Pilger scheint’s nicht groß zu stören. Frohe Weihnachten.
Ich trinke Tee im Souvenirladen von Majdi Ata Amro, der sein Sortiment ganz auf die christlichen Touristen eingestellt hat. Den größten Teil seines Jahresumsatzes macht er während der Weihnachtszeit. Wie schätzt er die politische Situation in den Palästinensergebieten ein? „Die Fatah-Führer sind korrupt, und die Hamas ist keine Lösung“, sagt er. „Die einzige Hoffnung ist Marwan Barghouti.“ Doch der Fatah-Politiker sitzt wegen mehrfachen Mordes in einem israelischen Gefängnis, weil er für mehrere tödliche Terroranschläge verantwortlich ist.
Amro fährt mich in seinem Wagen durch Beit Jala, einen christlich geprägten Stadtteil von Bethlehem. Wirkt Bethlehem ohnehin schon nicht wie eine arme Stadt, ist Beit Jala regelrecht schmuck. Sechs Kirchen gibt es hier und zwei Moscheen. Und doch wandern immer mehr christliche Araber ab, und das liegt nicht nur an der israelischen Besatzung, die sich ohnehin nicht auf die Stadt Bethlehem erstreckt. Die Wahrheit ist wohl eher, dass es nicht sehr komfortabel ist, als christliche Minderheit in einer zunehmend radikalisierten islamischen Mehrheitsgesellschaft zu leben. Bei den letzten Kommunalwahlen war die Hamas stärkste Partei. Palästinensische Terroristen schossen während der zweiten Intifada seit dem Jahr 2000 von Beit Jala aus Raketen in Richtung des Jerusalemer Vorortes Gilo. Die Bewohner von Beit Jala wagten es nicht, sich dagegen aufzulehnen; als „Verräter“ zu gelten, ist lebensgefährlich.
Unser Ziel ist das Dörfchen Al-Walaja zwischen Bethlehem und Jerusalem. Dort demonstrieren die Bewohner jeden Freitag gegen die Erweiterung der israelischen Sperranlage zum Westjordanland, im ortsüblichen Jargon Apartheidsmauer genannt. Die Anlage, sagen die Bewohner von Al-Walaja, würde ihr Dorf ringsum einschließen und sie von ihren Olivenhainen abtrennen. Dies in dem Ort, der sich rühmt, über den ältesten Olivenbaum der Welt zu verfügen.
Etwa zweihundert Demonstranten haben sich an der Baustelle eingefunden. Nur etwa die Hälfte von ihnen, schätze ich, sind Palästinenser, die übrigen sind Europäer und Israelis. Zwei Mitarbeiter der britischen Charity-Organisation Oxfam entsteigen gerade ihrem Auto. Eine blonde Demonstrantin brüllt das knappe Dutzend IDF-Soldaten, das stoisch in einiger Entfernung zur Demonstration seinen Dienst tut, auf Englisch an: „Was ihr hier anrichtet, ist ein Holocaust! Ihr seid eine Schande für alle Juden!“ Und in der gleichen Lautstärke fügt sie hinzu: „Ich komme selber aus einer jüdischen Familie. Ich schäme mich für euch!“ Andere Aktivisten schreiben und sprühen auf den fertig gestellten Teil der Mauer Sprüche wie: „Israel=Apartheid“ oder „Nazistaat Israel“. Es scheinen eher die europäischen Revolutionstouristen als die Dorfbewohner zu sein, die derartige Vergleiche bemühen, aber es hat auch keiner etwas dagegen.
Eine füllige, resolute Frau mit Kopftuch kommt heftig winkend auf mich zu. Ich denke, sie will mich davon abhalten, Fotos zu machen, doch als sie in Hörweite ist, ruft sie mir zu, ich solle mich nicht in so weiter Entfernung von der Demonstration aufhalten, das sei zu gefährlich. Sie stellt sich mir als Shirin A. vor, sie sei eine der Organisatorinnen der Demonstration. Ich antworte ihr, dass ich nicht als Teilnehmer, sondern als Beobachter angereist bin und ich mich von der Anwesenheit der IDF-Soldaten keineswegs bedroht fühle. Sie stutzt einen Augenblick und sagt dann: „Heute ist es harmlos, weil so viele internationale Teilnehmer dabei sind. Aber wenn wir Palästinenser unter uns sind, werden wir immer wieder von den israelischen Soldaten zusammengeschlagen. Ich selber bin schon oft verhaftet worden, obwohl ich nie etwas getan habe.“ Wieder so eine Aussage, die ich nicht nachprüfen kann.
Der 31-jährige Udi, ein jüdischer Israeli aus Jerusalem, ist zusammen mit seinen Genossen von der linken Organisation „Combatants for Peace“ gekommen, um Solidarität mit den Bewohnern von Al-Walaja zu zeigen. Ich frage ihn, ob ihm die unverhohlenen Holocaustvergleiche seiner Mitdemonstranten nicht zu Denken geben. „Wir haben nicht genug Zeit, um alle Fragen und Missverständnisse zu klären“, sagt Udi. „Aber wir sind im Dialog.“
Unter dem auf einer Anhöhe gelegenen Al-Walaja liegt die israelische Siedlung Har Gilo (nicht zu verwechseln mit Gilo) wie auf einem Präsentierteller ausgebreitet. Man könnte von hier oben bequem Raketen auf Har Gilo abschießen. Vom Sicherheitsstandpunkt aus ist die Entscheidung der israelischen Regierung, die Sperranlage an diesem Ort zu erweitern, also durchaus nachvollziehbar. Allerdings haben sich im vergangenen Frühjahr Siedler aus Har Gilo mit den Bewohnern von Al-Walaja getroffen, um gemeinsame Aktionen gegen den Ausbau der Anlage zu planen. Es habe nie Probleme zwischen den Siedlern und den palästinensischen Dorfbewohnern gegeben, sagten Siedlervertreter aus Har Gilo damals der israelischen Presse. Die Mauer sei nicht hilfreich.
Und doch nehmen an der heutigen Protestkundgebung keine Siedler teil. Die Demonstranten haben mit ihrer Radikalität, ihren Auschwitz-Vergleichen und ihrer klar artikulierten Feindseligkeit gegen Israel als Ganzes alles getan, um sie abzuschrecken. Ihrem Anliegen, nicht von ihren Grundstücken abgeschnitten zu werden, haben sie damit sicher keinen guten Dienst erwiesen – vorausgesetzt, dies ist ihr einziges Anliegen.
***
Nachdem die Demonstration weitgehend ereignislos zu Ende gegangen ist, habe ich mit anderen Journalisten Gelegenheit, noch einmal mit Shirin A. zu reden. Sie ist in Al-Walaja geboren, erzählt sie, arbeitet für die Vereinten Nationen und hat ein Büro in Addis Abeba. Ihr offizieller Wohnsitz ist Ostjerusalem, das heißt, sie verfügt über den blauen Personalausweis, der es den arabischen Bewohnern Jerusalems erlaubt, sich frei in ganz Israel zu bewegen. „Meine Familie wohnt seit Generationen in Al-Walaja“, sagt Shirin A. „Nie werde ich unser Haus und unseren Hof dort aufgeben.“ Hat sie denn gar kein Verständnis für die israelischen Sicherheitsbedenken? Schließlich ist nach dem Bau der Grenzanlage die Zahl der Selbstmordattentate erheblich zurückgegangen. „Man kann kein Land besetzen und erwarten, dass es keine Antwort gibt“, sagt sie lapidar. „Außerdem sterben sehr viel mehr Israelis durch Autounfälle als durch Selbstmordattentate.“
Aber was ist denn nun eigentlich ihr Ziel, ihre Vision? „Mein Ziel ist die Einstaatenlösung. Und das Rückkehrrecht für alle palästinensischen Flüchtlinge in die Orte, von denen sie 1948 vertrieben wurden.“ Dies würde aber doch das Ende Israels als jüdischer Staat bedeuten? „Israel ist kein jüdischer Staat, Juden stellen dort nur gerade zufällig die Mehrheit“, sagt sie bestimmt. „Juden haben kein Recht auf einen eigenen Staat. Das Judentum ist eine Religion, keine Nation.“ Das würden die Israelis selbst aber anders sehen, wendet jemand ein. Nun redet Shirin A. sich regelrecht in Rage: „Wenn sie sich als Nation definieren, ist das ihr Problem, nicht meins. Was kann ich dafür, dass die Juden aus Europa hierhergekommen sind? Ich bin das lebende Opfer des Holocaust.“
Wäre es nicht sinnvoller, anstatt von einer Rückkehr aller palästinensischen Flüchtlinge (und ihrer Nachkommen) ins historische Palästina zu träumen, sich für die Auflösung der Flüchtlingslager in Syrien oder im Libanon einzusetzen und dafür zu kämpfen, dass die Palästinenser dort die vollen Bürgerrechte erlangen? Shirin A. wartet das Ende der Frage gar nicht erst ab und verkündet mit lauter, fester Stimme: „Wir sind die Opfer. Wir sind nicht dafür verantwortlich, das Flüchtlingsproblem zu lösen. Dafür sind andere verantwortlich. Warum sollen wir für Bürgerrechte in Syrien und im Libanon kämpfen? Das hieße, unser Recht auf Rückkehr aufzugeben. Warum sollten wir das tun? Unsere Chancen stehen gut. Wir brauchen keine Waffen, nicht einmal Steine. Die Demographie arbeitet für uns. Und Israels Ansehen in der Welt ist so schlecht wie nie zuvor. Die internationalen Boykottkampagnen werden Israel zu Fall bringen, wir müssen nur zusehen.“
Keine Fragen mehr. Natürlich, warum sollte man Kompromisse schließen und eine Friedenslösung vereinbaren, wenn man sich seines Sieges gewiss ist? Es sei denn, man fände einen friedlichen Kompromiss erstrebenswerter als einen Sieg, der die vollständige Niederlage der anderen Seite bedeuten würde – was zugegebenermaßen schwer ist, wenn man sich als unschuldiges Opfer sieht und sich hundertprozentig im Recht fühlt. Und wir reden hier nicht mit einer radikalen Islamistin, sondern mit einer weltgewandten Mitarbeiterin der Vereinten Nationen.
Ich verabschiede mich und breche auf zu einem Besuch im Flüchtlingslager Aida. (zu Teil 2)
(Ursprünglich erschienen auf CICERO Online)



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