Sous mon calme apparent la tempete fait rage
Wenn ich über unwichtige Belanglosigkeiten wie beispielsweise den Kauf eines BHs schreibe,
dann denke ich immer auch: wieso schreibe ich so einen Schrott, während es überall in der Welt brennt?
Es gibt wahrhaftig dringendere Themen, als die, über die ich mich hier auslasse.
Kapitalismus, Armut, Hunger, Umwelt, Polizeigewalt, Griechenland, Türkei, Syrien, Brasilien u.v.a.m.
Stattdessen schreibe ich über deprimierende Kiezkneipen, über Träume, über Berlin und über Gentrifizierung,
Themen, die ich als -vergleichsweise- unwichtig erachte.
Der Grund: ich weiß einfach nicht genug über all die Schweinereien und ihre Hintergründe,
um selbst darüber zu schreiben, und wenn ich etwas nicht leiden kann sind das Menschen,
die zu allem jede Menge Meinung haben, diese überall kundtun und ihr Halbwissen marktschreierisch unter die Leute bringen.
Andere wissen viel mehr als ich, sind sehr gut informiert, und sie fassen diese Informationen mit dem nötigen Pathos,
und zudem überaus trefflich in Worte.
Also lese ich dort mit, und schreibe über das was ich gut kenne, und die Dinge die ich weiß.
Aber während ich mitlese, werde ich immer wütender, und immer größer wird mein Bedürfnis all diese Informationen,
die ich bekomme weiter zu geben, weil sie meilenweit über das hinaus gehen, bzw. sich deutlich von dem unterscheiden, was Tageszeitungen und TV, also jene Medien aus denen die meisten ihr Wissen speisen, verbreiten.
Das tue ich auch in meinem persönlichen Umfeld. Aber bis jetzt nicht in diesem Blog.
Obwohl mir beispielsweise die Geschehnisse in der Türkei schwer unter die Haut gehen und mich rasend machen,
habe ich hier bislang dazu geschwiegen.
So, wie ich schon seit Monaten zu Griechenland, zu Ungarn, zu Syrien oder zu Frecking, Monsanto etc. schweige.
(Sicher habe ich jetzt viele andere wichtige Themen nicht benannt, die mir erst wieder einfallen,wenn dieser Text veröffentlicht ist)
Es ist mir ganz und gar nicht gleichgültig, was da an Grauenvollem in der Welt passiert.
Im Gegenteil: es brodelt in mir.
Denn in Wahrheit passieren die Dinge ja nicht einfach irgendwie.
Sie sind keine Naturereignisse, sondern sie werden gemacht, weil Menschen die Macht und den Willen haben sie zu tun.
Und das ist das Schlimmste daran.
Es gibt ja auch unendliche viele Blogs, die was dazu schreiben und das auch noch richtig gut. Ich traue mich auch nur selten einen Ausflug in die Tagespolitk,, sondern bleib lieber bei meinen Leisten, bei dem, was ich kenne und bei dem ich mir sicher bin.
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Ja, geht mir genau so.
Es gibt so viele gute Blogs, die sich mit Politik befassen.
Trotzdem wünsche ich mir manchmal, dass auch ich meinen Beitrag dazu leisten würde.
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Du hast mir da aus der Seele gesprochen:
ich schreibe ebenfalls über Erdbeereis, während in vielen Ländern der Welt nicht einmal genießbares Trinkwasser für alle vorhanden ist. Aber während ich in anderen Blogs lese, verzage ich oft, weil ich nicht so eloquent und mit so viel Hintergrundwissen darüber schreiben kann und ich mir dann zu wenig wissend vorkomme, darüber meine Meinung ebenfalls noch kund zu tun.
Danke, dass du es „ausgeschrieben“ hast….
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Wahrscheinlich geht das noch vielen anderen auch so.
Ein Blog, das ich besonders wert schätze, das sich in meiner Blogroll befindet, und das ich im Text auch verlinkt habe ist: http://dierotenschuhe.blogspot.de/
von Mrs. Mop.
Unbedingt mal reinschauen!
Ich werde wohl auch weiter über die Dinge des Alltags schreiben. Das kann ich wenigstens…
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Genau! Genau, genau, genau!!
Und: dierotenschuhe lese ich mit- seit ich in Deiner Blogroll darauf gestoßen bin :-) danke dafür!
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Es kommt doch darauf an, wie man über scheinbare Belanglosigkeiten schreibt, finde ich. Warum sollten die Dinge des Alltags vergleichsweise unwichtiger sein als die anderen, vermeintlich größeren Themen? Immer und überall auf der Welt geht es auch darum, Alltag aufrecht zu erhalten oder Alltag wieder einkehren zu lassen. Mit einem guten Blick darauf, ironisch-melancholisch z. B., so wie Deiner, ist er ein ganz wunderbares Thema, finde ich.
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@Fjonka: Das finde ich gut!
@Pagophila: schwieriges Thema. Natürlich finde ich Alltag auch wichtig. Er macht ja am Ende mein Leben aus, oder zumindest den Löwenanteil davon.
Trotzdem erscheint es mir oft so lächerlich, worüber ich nachdenke und schreibe, wenn ich z.B. daran denke, dass jedes Jahr 40.000 Kinder verhungern.
Aber du hast Recht: es geht auch darum Alltag aufrecht zu erhalten, zu leben,und dabei möglichst wenig Schaden in der Welt anzurichten.
Danke für das Kompliment! Freut mich sehr!
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Oh, so ähnlich geht es mir ja auch. Ich mein, oke, ist überall die gleiche Scheiße. Aber die eigene kann man vllt. irgendwann verstehen. Funktioniert auch gar nicht anders. ^^
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Ist wohl so. Das eigene Leben kann man vielleicht eher verstehen, oder zumindest am besten beschreiben.
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Danke für die anerkennenden Worte, tikerscherk!
Ich möchte mich @Pagophila anschließen: Schreib über das, was Dir nahe und am Herzen (und auf demselben) liegt, denn das macht Dich für den Leser erkennbar als aufrechten Menschen, der etwas Authentisches über sich und sein Umfeld zu erzählen hat. Dies als „unpolitisch“ abzutun, halte ich für, nun ja, hm, unpolitisch – ist ja nicht so, dass das sogenannte Politische nur im großen Weltmaßstab stattfindet. Zumal gerade Dein und Kiezneurotikers Blog aus fast jeder Beitrags-Pore eine höchst vitale Renitenz und Widerständigkeit atmen bezüglich der erlebten Kommerzialisierung und Entfremdung Eures Nahbereiches; das hat für mich eine starke politische Dimension, die Du bitte nicht kleinreden solltest. Ihr schreibt ja aus dem Alltag Eurer Stadt keine Heile-Welt-Stories, sondern zeigt widerborstig Flagge und scharfe Zähne. Bitte weiter so!
Wobei es in meinem Fall sich so entwickelt hat, dass mein fulminanter Abstieg ins Prekariat mich zunächst dazu getrieben hat, bloggend all das Neue zu verarbeiten, was ich in meinem persönlichen prekären Nahbereich erlebt und gesehen und gehört habe, was mir gestunken, was mich erstaunt und was mich gefreut hat. War das unpolitisch? Kommt auf die Definition von „politisch“ an, siehe oben. Im Rückblick kann ich nur sagen, dass mein prekäres Dasein (und das Schreiben darüber) mir im Laufe der Zeit einen gewaltigen Politisierungsschub in den Hintern getreten und mich sukzessive dazu bewegt hat, mich für „größere“ Zusammenhänge zu interessieren, in diesen Zusammenhängen zu denken, zu schreiben und zu handeln. Und zwar ohne jeden falschen „Respekt“ davor, dass ich von „richtiger“ Politik zu wenig Ahnung haben könnte – meine Alltagswahrnehmungen haben mich schlicht in diese Richtung des Schreibens getrieben. Und wenn es an prekären Lebensverhältnissen etwas höchst Sinnstiftendes gibt, dann das: Man verliert falsche Hemmungen, man wird respektlos, man gibt seinen Senf auch zu Dingen, wo man sich früher nicht getraut hätte. Ich jedenfalls ;). Und eins steht fest: Das fühlt sich richtig befreiend an.
Bisschen lang geworden, mein Senf, tschuldigung. Aber das passiert halt, wenn Blogpost samt Kommentare so anregend sind wie hier. Danke Euch allen.
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Danke für den langen Kommentar und die ermunternden Worte!
Da ich sowieso nicht anders kann, werde ich immer weiter über das schreiben, was hier in meine Stadt geschieht.
Und vielleicht werde ich eines Tages auch über die größeren Zusammenhänge schreiben können. ich denke aber schon, dass dazu einiges an Informationen nötig ist, wenn es nicht bei einfachen „Gefällt mir“ oder „gefällt mir nicht“ Äußerungen bleiben soll. Und du bist eben überaus informiert, so dass ich jedes Mal, wenn ich deinem Blog einen Besuch abstatte wieder etwas lerne. Meistens Dinge, die mich aufregen, und in mir genau diesen Wunsch wecken ebenso andere mit Informationen zu versorgen.
Aber klar: das Private ist politisch, und was das anbelangt mache ich mir auch keine Vorwürfe. Es reicht mir aber nicht.
Inzwischen halten sich so viele Leute aus meinem allernächsten Umfeld mit verschiedenen Jobs gerade so über Wasser, alten und kranken Menschen wird die Wohnung, unter größtem Polizeieinsatz, geräumt.
Rentner sammeln Flaschen, Kinder gehen hungrig zur Schule oder müssen zur Arche gehen. Während sich gleichzeitig immer mehr Geldsäcke hier breit machen, gated communities errichten, das Ordnungsamt zur Hilfe rufen, und sich mit ihrem beschissenen Geld alles einverleiben.
Mal sehen, wie lange ich noch in Kreuzberg wohnen bleiben kann.
Darüber werde ich auf jeden Fall berichten.
Bei so interessierter Leserschaft macht das auch Spaß.
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