3 Wochen

Heute vor drei Wochen. Es könnten Jahre sein. Unwirklich und fern der Tag und der Anruf vor dem ich solche Angst hatte.

Die Wut hat sich gelegt, wir sind im Gespräch. Unter freiem Himmel, beim Füttern der Krähen, bei der Runde um den Block, im auffrischenden Wind. Gleißend und verheißungsvoll das Dezemberlicht.
Am Nachmittag seines bevorstehenden Todes blickte ich nach Süden in den leuchtenden Himmel und dachte mit heller Zuversicht ans Sterben, mein eigenes.

Wie ist das Wetter bei euch?, habe ich ihn oft gefragt.
Da müsste ich erst mal gucken, sagte er dann meist, und ich sah ihn vor mir, wie er ans Fenster trat, auf die Straße und den Neubau gegenüber blickte, in den grauen Himmel darüber und sich achselzuckend wieder in seinen Bau aus Büchern, Tupfern, Musik und Kanülen zurückzog.

Die Tage werden wieder länger, die Tigerin hat nun doch Lindi auf der hohen Plexiglassäule* entdeckt und setzt seither alles daran, die Pflanze zu zerstören. Der bisherige Schaden beläuft sich auf 3 große Blätter.
Um Lindi zu retten, habe ich eine Art Arche aus Karton gebaut, sie mit knisternder Alufolie zur akustischen Abschreckung umwickelt und mir damit eine ästhetische Zumutung gebastelt.

Außerdem habe ich den großen Wandkratzbaum abmontiert, der der Tigerin als Sprungbrett zu Lindi diente. Neue Angriffsversuche wehre ich mit einem Wasserzerstäuber ab.
Als Quittung hat die Katze seit gestern nicht mehr gegessen, nicht in meinem Bett geschlafen und mich auch nicht mehr wach geschrien bei ihren nächtlichen Wanderungen durch die dunklen Räume.

Es ist der erste ernsthafte Streit seit wir zusammen leben.
Die Tigerin wird im kommenden Frühjahr 21.

  • auf der in Moabit gekauften Holzsäule steht nun Palmita. Von ihr soll ein anderes Mal berichtet werden. Nur soviel: sie entwickelt sich prächtig und blieb bislang von der Tigerin unentdeckt.

Die Wellen der Trauer werden durchbrochen von Momenten der Wut.
Der Kanzler hat uns Kinder wahrscheinlich geliebt, aber nicht den Mut oder die Kraft aufgebracht uns vor roher körperlicher und psychischer Gewalt zu schützen, noch vor Missbrauch. Sein ab und an laut geäußertes Bedauern über sein väterliches Versagen mit Berufung auf seine unheilbare Depression und seine Hörigkeit gegenüber unserer Mutter, stürzte uns Kinder in Schuldgefühle. Wir wollten ihn glücklich sehen.

irgendwann, vor etwa 5 Jahren, ließ er mich unter dem Druck seiner Lebensgefährtin, die den Namen meiner Mutter trägt, ganz fallen.
Seitdem trauere ich um ihn.

Irgendwer muss sich Zugang zum Postfach meines Vaters verschafft und dort alle Mails gelöscht haben. Das erzählt mir die Schwester. Herausgefunden hat es der Bruder, der sich Zugang zum Postfach des Vaters verschafft hat, um dort die Mails zu sichten und dann auf die große Leere stieß.

Am 16. Januar wird mein Vater beigesetzt.
Gleich vier Freundinnen werden mich begleiten.


Heute ist es eine Woche her, dass er gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin das letzte Mahl zu sich genommen hat.
Dann kamen Tod, Notarzt und später Polizei.


Auf dem Display der Name meiner Schwester. Sie sagt: Der Papa ist eben gestorben.
Um 19.32 Uhr zeigt meine Smartwatch einen ungewöhnlich hohen Puls.

Ich schlafe, ich esse, ich streichle Hund und Katze.
Ich suche im Netz nach einer Hose für die Beisetzung.
Ich arbeite, ich weine und ich lache manchmal. Ich versuche, zu essen.
Der Körper meines Vaters liegt in der Kühlung.
Ich verstehe das alles nicht.

Ganz gleich was mir durch den Kopf geht, jeder Gedanke führt zu meinem Vater und die Erinnerungen an ihn.

Verwandte schreiben mir Mails. Alle liebten ihn.
Er verachtete das Geld, sagt die Tante.
Er war der christlichste von uns, auch wenn er aus der Kirche ausgetreten war.

Der Kanzler legte seinem Rennrad Zügel an und fuhr, ein schwarzgekleideter großer Mann, fortan aufrecht sitzend durch unsere kleine Welt.

Eines Tages, ich war im Kindergartenalter, holten wir meine Eltern (ich weiß nicht, wie lange sie fort waren und von wo sie kamen) vom Bahnhof ab.
Viel später erzählte mir mein Vater, dass ihre Abwesenheit mich zum Nachdenken gebracht haben musste, denn als wir am Abend ihrer Rückkehr zusammen bei Tisch saßen, soll ich (zum Ärger meiner Mutter, die mein Reden für Wichtigtuerei hielt) gesagt haben : Eigentlich ist man immer allein.
Dieses Gefühl hat mich mein Leben lang begleitet und in den vergangen Tagen spüre ich das Gewicht der Einsamkeit wie selten zuvor.

Mein letzter Eintrag war kein Nachruf. Ich schäme mich, dass ich ihn totgeschrieben habe. Es war keine Absicht. Entschuldigt bitte. Entschuldige, lieber Papa.
Er lebt, wir schauen ihm beim Sterben zu. Auf einer Pflegestation in einem Heim. Ich halte das nicht aus. Alles tut weh.

Ein naives Gemälde an der East Side Gallery fällt mir ein. Menschenmassen, Schulter an Schulter, die sich durch eine Lücke in der Mauer drängen. Verschwommene Gesichter im Strom der Zeit

In der Zwischenwelt erzeugt der Mann in seinem Kaffee kleine Wellen und der Tisch in seinem Zimmer gefährdet die Statik des Raumes. Er schwingt nicht mehr, sagt die Schwester.
Wie konnte er uns von einem Tag auf den anderen verloren gehen.
Ich vermisse dich mit jeder Faser. Mein geliebter Papa.