Barbara, kann ich noch

Google übersetzt:

solitude and loneliness mit Einsamkeit und Einsamkeit,
Bedürfnis und Bedürftigkeit mit need and need
und
Dürftigeit und Armut mit poverty and poverty

Der Testamentsvollstrecker ist am Werk und stellt uns vor Wahlen, die er anschließend stillschweigend kassiert. Meine Gefühle dazu lassen sich in etwa übersetzen mit: powerlessness und helplessness bzw.: wenn das der Kanzler wüsste, oder: gut, dass der Kanzler das nicht mehr erleben muss.
Das gegen unseren Willen (wir hatten gebeten, einen erfahrenen Makler zu beauftragen) vom Vollstrecker in dilettantischer Hybris (Kameraknipse) erstellte Exposee zeigt anstelle des kleinen Schlößchens eine gruftartige Bruchbude. Zu besichtigen auf einschlägigen Immoportalen. Fast könnte man meinen, der Vollstrecker trachte danach, das Haus zu einem möglichst niedrigen Preis zu verschleudern.

Um den schlechten Gefühlen keinen Raum zu lassen, mache ich ausgiebige Spaziergänge oder radele mit Wokilein zum Schloss und beobachte auf dem Rückweg die Pilgerströme am Alex, glücklich, Geschäfte nur betreten zu müssen, um Lebensmittel einzuholen. Und selbst da schafft Rewe Abhilfe.

Anfang November werde ich noch einmal, vielleicht zum letzten Mal, nach Frankfurt reisen und dort meine Cousinen und Cousins treffen. Selbst die US-amerikanische Cousine wird anreisen und mit ihr ihre Mutter, die Schwester meines Vaters. Auch der Cousin mit den Drillingen wird dabei sein und der Prof. Dr. aus Bremen wird ebenso erwartet.
Am 16. Januar, dem Tag der Bestattung meines Vaters, hatten wir uns beschworen, nicht auf den nächsten Sterbefall zu warten bis zum nächsten Wiedersehen. Und es scheint, als würden diesem Vorsatz (Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert, höre ich den Kanzler mahnen) nun wirklich Taten folgen.
Ich freue mich!
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Der Titel dieses Textes ist übrigens ein Diktierfehler ohne tiefere Bedeutung.
Er hätte genauso gut Hibou & Chouette oder Momme & Karat heißen können.

Zum alten Gang

Die Gegenwart fühlt sich endlich wieder so gegenständlich und echt an wie die vollgestopfte Kammer in der ich zwischen Swiffer, Kärcher, Neutralreiniger und Sauger hocke, eine Hand am Ohr, und mit Nomen nominandum telefoniere.

Unter Ausblendung aller Realitäten schrubbe ich die Piste, reihe Pylonen auf und schnüre durch den schmalen Korridor meines strukturierten Alltags.

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Schade, dass ich es nie geschafft habe, das ehemals nahe des Lausitzer Platzes gelegene Lokal „Zum alten Gang“ zu besuchen, denke ich, als ich am Nachmittag mit Woki unsere gewohnte Runde drehe, und den Laden, wie viele andere längst nicht mehr finde.
Der Name der Lokalität hatte etwas ehrwürdig sakrales, ähnlich dem Arbeitszimmer meines Großvaters, und in meiner Vorstellung herrschte dort bei gedämpftem Licht eine samtene Stille, unterbrochen nur vom Zeitungsrascheln und dem gelegentlichen Geklapper alten Porzellans.

Das Internet liefert zu dem Namen keinen einzigen Eintrag. Stattdessen finde ich fast ausnahmslos Artikel über die 36-Boys-Gang und über Sinan Tosuns Tod, dessen Gesicht mir vertraut ist wie der Feuerwehrbrunnen am Rio-Reiser-Platz oder die 36-Boys Shirts, die er am Kotti vertrieb.

Etappen

Fängt gut an, klingt ungut aus. Das Zusammensein mit manchen Menschen bewegt sich verlässlich  vom grünen in den roten Bereich und auch die besten Vorsätze und Bemühungen können daran nichts ändern. Es gibt ein Maß für alles (und irgendwann ist es voll, möchte ich hinterher binsen).

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Samstag Vormittag. Von dem Bekannten habe ich seit seiner Abreise nichts gehört. Dass er noch lebt, verrät mir ein Blick auf seinen Social Media Account. Herzchen als kleiner Gruß bleiben aus. Ob es ihm gut oder schlecht geht, lässt sich schwer sagen. Nachfragen unterbrächen seine regenerative Stille und so schweigen wir beide.

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Morgen vor einem Jahr sah ich den Kanzler zum letzten Mal.
Ein ungewöhnlich heißer Oktobernachmittag, den wir Eis essend auf der Terrasse der Henry-und-Emma-Budge-Stiftung verbrachten.
Jahrzehnte zuvor war meine Mitschülerin Ch. als Hausmeisterkind hier aufgewachsen und obwohl ich sie nicht besonders mochte, was wahrscheinlich auf Gegenseitigkeit beruhte, verbrachten wir viele öde Stunden miteinander, in denen wir so taten, als erlebten wir halsbrecherische Abenteuer in dem ausgestorbenen Stiftungsgarten. Aus Höflichkeit (oder der Unfähigkeit, mich abzugrenzen) und weil es mir leidtat, dass Ch. als einziges Kind unter alten Menschen leben musste, folgte ich ab und an (de vez en cuando) ihren Einladungen, elendigte mich aber mit jedem Mal mehr, bis endlich die anflutende Pubertät mich von dieser Gnadenpflicht befreite.

Am 13. Oktober also, keine Woche nach dem Überfall der Hamas und den entsetzlichen und unvergesslichen Bildern von Shani Louk, saßen der Kanzler, die Schwester, Woki und ich Eis essend in der Sonne.
Ehe wir Platz nehmen konnten, hatten wir noch einige Minuten warten müssen, bis ein randalierendes Reinigungswägelchen seine ohrenbetäubende Mission, über die Terrasse zu karriolen, um diese bürstend und blasend von nicht vorhandenem Herbstlaub zu befreien, erfüllt hatte.
In gewohnter Komplizenschaft schaute ich amüsiert zu meinem Vater, ein spöttisches Lächeln als Antwort erwartend. Doch da war nichts. Gar nichts.
Weder der Lärm, noch die Absurdität der Situation oder meine Blicke erreichten ihn mehr.

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Die beiden letzten Etappen des Trauerjahres liegen noch vor mir: der 9. Dezember, sein Todestag, und der 16. Januar, die Beisetzung. Dann schließt sich der Kreis. Der erste Jahresring.

(Weißt du eigentlich woher das Wort Etappe kommt, hätte er jetzt gefragt, das ist nämlich hochinteressant).

Erinnern ist Bewahren und Bewältigung in einem.

Asservate

Die städtischen Baustellen, die vermüllten Gehwege und die lärmende Urbanität tun mir gut.

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Nebenan singen die Kinder (noch immer) ihr Morgenlied nach der Melodie von Frère Jacques.
Was willst du heute machen, kräht die Gruppe  und eines aus ihrer Mitte antwortet mit Inbrunst.
So viel Vertrauen.

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Es macht mir Spaß, mich in paranoid-dystopischen Phantasien zu ergehen, wie beispielsweise der Vorstellung, von mir angeleckte Briefmarken würden am Zielort abgelöst und analysiert, um damit zum einen für künftige Forschungsvorhaben, meiner Gene habhaft zu werden, und zum anderen, um Beweismittel für irgendein prospektives Vergehen meinerseits zu sammeln.

Je wahnsinniger meine Ideen, umso sicherer und normaler fühlt sich meine eigene kleine Existenz mit ihren Ritualen, Gewohnheiten und Begrenzungen an.

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Der Bekannte war für einige Tage hier und ich bin nicht sicher ob wir eine gute oder keine so gute Zeit miteinander hatten.
Manchmal plagen mich für einen Moment Verlassensängste, doch dann stehe ich wieder auf meiner Fähre, halte die Nase in den kühlen Wind und bin zuversichtlich, dass alles seine Ordnung hat und ich mich bloß in den gegebenen Takt fallen lassen muss.