Marianne

Manchmal, immer seltener, unterliege ich wieder den Impuls zu schreiben, und mich darzustellen vor den fremden Menschen im Internet.

(Die Verstorbenen, die bis zum Schluss ihre Follower auf dem Laufenden hielten und schließlich abtraten. Wie lange dauerte es, bis sich die Decke des Vergessens über sie gelegt hatte).

Meine Physiotherapeutin aus Frankfurt fällt mir ein. Ich googele sie und finde eine Todeanzeige. Ihr Sohn als einziger Hinterbliebener trauert dort mit Vor- und Nachnamen plus Doktortitel um sie, und ich weiß nicht weshalb mich das so befremdet und gleichzeitig anrührt.

Wir werden immer zusammenbleiben, steht dort. Ob das stimmt?

Als die fränkische Kahlo schwanger wurde, klebte ihr heroinsüchtiger Partner einen Zettel in den Garderobenspiegel. We are family, stand darauf. Genug, um Frida fürs Erste bei der Stange zu halten.
Die Schwangerschaft verbrachte sie ab Woche 20 dann aber doch allein, derweil der angehende Kindsvater seine Sucht mit Taxifahren finanzierte.

Auf nicht mehr nachvollziehbaren Umwegen vermittelte ich dem Junkie eine kleine Souterrain-Wohnung, die er als Atelier nutzte, um dort sein Liebligsmotiv- die Verbindung zwischen Mensch und Zitrone- in verschiedensten Ausführungen, auf die Leinwand zu bringen: Zitronen aus deren prallen gelben Leibern Schläuche direkt in Armvenen führten.


Während ihrer Schwangerschaft hatte Frida sich mit ausnahmslos allen Freundinnen und Freunden überworfen und als im Spätsommer das Kind zur Welt kam, war die Kahlo ganz allein.

Jetzt sind wir beide elternlos und zum ersten Mal sehe ich ein Bild von dir in deinen 20ern.
Wie lieb und wie verletzlich du aussahst und wie gut, dass wir uns erst trafen, als die Sonne tausende Male über uns aufgegangen war.

Morgen wird deine Mutter beigesetzt. Es tut mir sehr Leid, mein Herz.