Gänsefüßchen

Kinderen met een jonge leeuw (welpje) in een Nederlandse dierentuin, jaren '60.

Nicht mit und auch nicht ohne.
Man mag all diese abgegriffenen (vernutzten) Redewendungen, Begriffspaare, das übliche Laberzubehör gar nicht mehr benutzen. Doch neues herzustellen (da spricht die Produktionsgesellschaft) anzufertigen, zu erfinden und zu verteilen wie Flugzettel (Flyer), ist ein so mühseliges Unterfangen, zumindest dann, wenn man verstanden werden möchte, dass man am besten gleich die Flinte ins Bockshorn jagt.

Man bin in diesem Falle ich. Icke, für die Berliner unter uns und moi für die Franzosen.
Trauer, Entsetzen, Horreur indes sind international. Katastrophen und Ausnahmezustand auch, zumal wenn sie in Europa stattfinden, passieren, sich ereignen.

Menschen kommen ums Leben, werden ihres Lebens beraubt (was bleibt ihnen dann noch?) sterben, werden getötet, verrecken, krepieren. In Kriegen, kleinen wie großen. Manche landen schon als Säuglinge in Blumenkübeln. Andere rauchen ohne Unterlass und werden, bei klarem Verstand, 96 Jahre alt.

So geht das.

Es gibt nichts zu relativieren. Traurig, entsetzlich, furchtbar ist das. Die Antwort in Form von Bombardements ist schrecklich und wird nicht zu mehr Frieden, pace, peace führen.
Was passiert ist, wird auf Kosten unserer viel besungenen beschworenen Freiheit gehen und zu noch mehr Kontrolle, Überwachung und Einschränkungen führen, begründet mit der Wahrung unserer Sicherheit, die ich jetzt in Anführungszeichen (Gänsefüßchen) setzen müsste, um anzuzeigen, dass ich ironisiere.
Ironie entlarvt, kennzeichnet, markiert den Connaisseur als solchen. Sie zeigt, wer es drauf hat und besser weiss als die Idioten ringsum. In Verbindung mit ach so (örks) weisen, gestanzt-genormten Formulierungen, ist sie mir zuwider wie corned beef oder ehemals Sarah Kuttner.
Sie kotzt mich*, die Ironie, weil sie schon per se den Sprechenden ins Recht setzen soll, und den Besprochenen ins Unrecht.
Man könnte ganz unverbrämt mit Gernhardt sagen:  Du viel dumm, ich viel klug, hugh.
Aber dafür ist man halt zu schlau und gebildet.

Wieso nicht gleich jemandem in die Fresse, Schnauze, Visage schlagen, treten, dreschen? Zum Beispiel, weil falsche Hautfarbe, Schienenersatzverkehr, schlechtes Wetter oder weil ein dummer Mensch anderer Meinung ist, einfach so. Das möchte man doch eigentlich, aber Gewalt wäre viel zu primitiv, vulgo animalisch und nicht nur das gepflegte Selbstbild nähme Schaden, nein, auch der Ruf, die Reputation etc. etc. litten darunter.

Europa und die USA enthaupten nicht. Hier leben keine Barbaren. Wir schicken Flugzeuge und Drohnen oder drehen den Geldhahn nach Gusto auf oder zu.

Ich habe übrigens nicht zu allem eine klare, eindeutige Meinung, auch wenn es hier so klingen mag.
Im Gegenteil: mir gehen die Leute auf den Zeiger (Wecker, Zünder), die immer über alles Bescheid wissen oder jetzt gerade gelähmt vor lauter Fühligkeit in Tränen ausbrechen. Das sind die Guten. Die Guten lieben das Leben und die Bösen bringen den Tod. Die bösen Unmenschen, gegen die wir schon seit 14 Jahren kämpfen, in einem Krieg, der bereits lange zuvor gesät worden war.

Wann wird das aufhören?

 

 

 

 

  • unbedingt ohne „an“!

trotzdem feiern

Meinen Geburtstag zu feiern, wenn in Paris Tausende auf die Straße gehen um ihrer Trauer und ihrem Entsetzen Ausdruck zu verleihen, fühlt sich nicht richtig an. Aber auch nicht nur falsch. Denn ich kann nichts ausrichten gegen die Gewalt, nicht gegen den Schmerz derer, die einen Menschen verloren haben und nichts gegen die Angst, die durch diese schrecklichen Morde in die Welt gekommen ist. Das berührt mich. Sehr sogar. Es ist ständig da, ich bewege es in meinem Kopf und Herz hin und her und ich mache mir Sorgen, welche Konsequenzen diese furchtbaren Taten für die Menschen in Europa, auch und gerade für die Muslime unter uns, haben werden. Mehr Überwachung, für alle, soviel scheint sicher.
Ich kann nichts gegen das tun, was da passiert ist und vermutlich auch nicht gegen die Zeitbomben, die noch ticken. Heute bleibt mir nur, das Leben zu feiern, trotzdem. Zusammen mit meiner Familie, den Freunden, meinem Lebensretter und dem Einen.
Den Erlös des Abends (Geld statt Geschenke), werden wir der Welthungerhilfe und Brot für die Welt spenden. Etwas tun für die, die noch leben, auch wenn mir klar ist, dass es nicht mehr als eine Ablasszahlung ist.

Die Geburtstagsmail der liebsten Freundin. Ihre Erinnerungen an die gemeinsamen Jahre, unsere unzerstörbare und ewige Zuneigung füreinander. Unausgesprochen und immer da. Die Fürsorge. Zusammen reifen, älter werden, sich immer wieder neu und anders verstehen. Weicher werden, vor allem ich. Stadtkind und Landpomeranze, wie sie es formuliert. Brünett die Eine, blond die andere. Icke mit der großen Klappe, sie schüchtern. Ihr liebevoller Blick auf mich und meine Eigenheiten. Ich bin so dankbar, dass es sie gibt in meinem Leben. War knapp bei ihr und dann bei mir. Heute ist es zum Glück nur ein harmloser Infekt, der sie das Bett hüten lässt.
Vor 10 Jahren war ich ein unglücklicher Mensch. Vor 20 Jahren todunglücklich.
Heute Abend werde ich mit fast allen, die mir lieb sind zusammen sein können, weil wir alle, alle am Leben sind. Das ist soviel, dass es fast schon wehtut.
Liest sich wie Kitsch, fühlt sich sehr warm an.

Gute Besserung liebe Isa, wir holen das nach.

 

Unsterblich

330px-File-Elisium_by_Leon_Bakst_2Nach einem kurzen Streit hat sie zwei Koffer gepackt, ein Taxi zum Bahnhof genommen und ist mit dem nächsten Zug zu ihren Eltern in die Schweiz gereist. Nichts Ungewöhnliches.
Mein Vater allerdings hat nicht versucht sie von ihrem Plan abzubringen und am Abend hat er nicht kleinlaut angerufen, um sich für Dinge zu entschuldigen, die er nicht getan oder gesagt hat.
Eine Art innerer Frühling scheint ihn mitten im Herbst überkommen zu haben, und als er beim Durchgehen der täglichen Post feststellt, dass die Versicherung inzwischen bezahlt hat, bucht er kurzerhand 4 Flüge und setzt sich am nächsten Morgen mit uns in eine Lufthansa-Maschine nach Paris. Zum ersten Mal in meinem Leben sehe ich die Welt von oben und fühle mich wie eine inkognito reisende Millionärstochter. Dass die leuchtend weissen Wolkenberge keine federleichten Kissen, sondern ein besonderer Aggregatzustand des Wassers sein sollen, kann ich bis heute nicht glauben.
In Paris angekommen, fahren wir zu unserem Hotel in der der Avenue des Champs-Élysées, dieser prächtigen Straße aus Licht und Geschichte.
Das Hotel ist modern und luxuriös und ich bin aufgeregt und zugleich verlegen, als ich mit meinen Geschwistern die große, glänzende Eingangshalle durchquere und die Blicke der Umstehenden auf mir spüre. Ich bin 12 Jahre alt und bald werde ich eine Frau sein.
Mein Zimmer ist groß, das Bett mit einem edlen, cremefarbenen Damastüberwurf bedeckt, der Teppich hochflorig und der Blick nach draußen überwältigend. Drei Stockwerke weiter unten liegt die große Avenue der elysischen Felder.

Elysion, die Insel der Unsterblichen im ewigen Frühling.

Ich öffne das Fenster. Draußen tost der Verkehr, in der Ferne sehe ich den großen Triumphbogen. Ich atme tief ein. Eine Vorahnung auf mein zukünftiges Leben weht mich verheißungsvoll an und ich fühle ein unbeschreibliches Glück, einen Aufbruch, der sich ohne mein Dazutun vollzieht, ein So-soll-es-sein, das sich in diesem Augenblick zeigt und gleichzeitig in Gang setzt. Der Blick in ein Leben, an dem ich mich berauschen werde, weil es endlich mir gehören wird.

 

Als ich 6 Jahre alt war, saßen wir an einem Sonntagnachmittag im Sommer in der Frankfurter Innenstadt in einem jugoslawischen Lokal. Ich aß Ćevapčići mit Đuveč-Reis. Meine Eltern unterhielten sich über das Herabsetzen des Volljährigkeitsalter von 21 auf 18 viele Jahre zuvor und diskutierten, ob man in diesem jungen Alter bereits die Reife habe, politische Entscheidungen zu treffen, also wählen gehen zu dürfen. Ich saß da und spielte mit meinem Essen herum, die Würstchen waren Einbäume, der rotgefärbte Reis ein blutiges Meer voll sterbender Wale, während ich in meinem Kopf eine Rechnung aufmachte, deren Ergebnis in einen lauten Jubelschrei mündete, der die beiden augenblicklich verstummen ließ. Mir war soeben eine unglaubliche und freudige Erkenntnis gekommen: mit der Herabsetzung des Volljährigkeitsalters hatte man mir die Hälfte meines bisherigen Lebens geschenkt, und wenn ich noch einmal die doppelte Zeit, also 12 Jahre durchhielt, dann war ich frei. Ich hatte 3 kostbare Jahre gewonnen, in denen ich endlich selbst würde bestimmen können, was ich tun oder lassen wollte. Ich würde mir ein großes Haus kaufen, Tierärztin werden und gläserweise Nutella löffeln. Außerdem hätte ich in dem Alter bereits Kraft genug, um alten Menschen zu helfen. Seit einiger Zeit nämlich ging ich an manchen Nachmittagen auf den nahegelegenen Friedhof und beobachtete, wie sie sich mit langgezogenen Armen abschleppten und ihre ohnehin müden Beine leicht ins Straucheln gerieten, wenn sie die großen, grünen Gießkannen zu den Gräbern ihrer Verstorbenen trugen. Dort schippten, pflanzten und wässerten sie, zupften hier und da mit gebeugtem Rücken ein wenig Unkraut oder welke Blüten, die sie später auf den großen Komposthaufen neben der Wasserstelle warfen, der so modrig und erdig duftete, dass ich mich am liebsten hinein gelegt hätte. Stattdessen wühlte ich darin herum und pflückte jede nur halbwegs intakte Blüte heraus, um sie auf vermooste, ungeschmückte Gräber zu legen.
Alte Menschen starben. Das war traurig und deswegen musste man ihnen helfen.

 

Die kommenden Tage verbringen wir im warmen Herbstlicht, bummelnd und schlendernd. An der Seine, unter den Platanen, bei den Bouquinisten, den Boule-Spielern, den Kunstmalern auf dem Mont Martre und in den altehrwürdigen Restaurants der Stadt, in denen mein Vater mehrgängige Menues genießt, während wir Kinder mit Pommes und Eis zufrieden sind.
So könnte es immer sein, und das war erst der Anfang.

 

Sechs Jahre später, mit 18, werde ich an der Küste Eric, den jungen Bretonen kennenlernen, als er am Strand beignets aux pommes verkauft. Sein schönes Gesicht erinnert an den blonden Fotografen von Blow up, seine Augen sind berückend blau wie die von Capotes Tico Feo.
Stripes of sky
Von Zeit zu Zeit werden wir uns treffen. Unsere Intimität wird in diesem heissen August ihren Höhepunkt an einem Abend erreichen, an dem wir bekifft in irgendeiner Wohnung beieinander sitzen, während er beim Gläserrücken Adolf Hitler anzurufen versucht. Trotz unseres Zustandes werden wir nicht imstande sein die Illusion einer Begegnung mit ihm herbei zu zaubern. Stattdessen werden sich unsere Oberschenkel berühren, und von Zeit zu Zeit wird er mir einen tiefen Blick aus seinen betörenden Augen zuwerfen, der mir wie ein Versprechen erscheinen wird. Bei Tagesanbruch dann werden wir Hand in Hand zum Bäcker schlendern, und uns gemeinsam über eine ganze Tüte petits pains au chocolat hermachen.
Nach den Ferien werden wir uns Briefe schreiben und uns sagen wie sehr wir uns vermissen.
Als wir uns drei Monate später in Paris treffen werde ich bereits magersüchtig sein.
Genau eine Nacht werden wir in einer billigen Absteige miteinander verbringen.
Danach werde ich ihn nie wieder sehen.

 

Musik zum Text:

 

(Photo credit Wikipedia, Elysion)

Klassenfahrt

Klassenfahrten habe ich nie gemocht. Genau so wenig wie Schulsport.

Bundesarchiv Bild 183-N0912-0304, Neubrandenbu...

(Photo credit: Wikipedia)

Es war mir zuwider, wenn sich verschwitzte. dampfende Menschen, auszogen und ihre käsigen Körper, deren madenartige Nacktheit mich ekelte, vor meinen Augen mit großen, ausholenden Bewegungen einseiften. Schenkel, Achseln, Brüste. Später balancierten sie mit gespreizten Beinen, umständlich auf den Zehenspitzen und zogen sich das Handtuch mehrfach durch den Schritt. Vor und zurück. Danach trockneten sie unter ächzenden Verrenkungen die rückwärtige Spalte, und zu guter Letzt popelten sie zwischen ihren Zehen herum, bevor sie ihre Füße wieder in die alten Socken und die miefenden Schuhe zwangen. Die Verklemmten waren mir da lieber, obwohl auch deren Umgang mit Körper mich peinlich berührte. Außerdem wollte ich mit soviel ungebetener Nacktheit nichts zu tun haben.
Bis heute bin ich keine Kandidatin für den FKK-Strand, oder die Sauna.
Haut gefällt mir wohldosiert und privat am Besten.
Dann die Gruppendynamik. Gemeinsames Kichern, Johlen, sich verbrüdern. Intime Geschichten heraus posaunen. Sich einen Prügelknaben suchen, den man die ganze Reise über immer wieder anzählt,
bloßstellt, demütigt.
Die weniger autoritären Lehrerinnen wurden gepiesackt, wo es nur ging. Ausgelacht, verhöhnt, zur hilflosen Verzweiflung getrieben. Demontiert.
Bei der Abschlussfahrt nach Paris, wir waren ein Französisch-Leistungskurs, führte sich ein Großteil der Horde so auf, wie man es von Deutschen erwartet: laut, polternd und unsensibel.
Kaum hatten wir Notre Dame erreicht, rannten die Jungens (hat man die so genannt?) auch schon zu den afrikanischen Händlern, die vor der gotischen Kathedrale Schlapphüte aus Leder verkauften. Nach kurzem Feilschen hatte jeder von ihnen, bis auf den Blindschachspieler, einen Hut auf dem Kopf.
-Höhö, die sinn bestimmt mit Elefantenpisse gegerbt!
-Quatsch, da habbe die selbä druffgepisst! Harharhar!
Um Straßenmusiker, bildeten sie reflexartig einen Kreis und hotteten, mit ungelenkem Enthusiasmus,
bemüht connaisseurhaftem Gesichtsausdruck und taubenartigem Kopfrucken, ab. Dabei blieben die Hüften, um die sie ihre Pullover gebunden hatten, starr und fast unbewegt. Stattdessen verlagerten sie das Gewicht von einem Fuß auf den anderen, und wippten, mit leicht gebeugten Knien, wie ein hospitalisiertes Kleinkind im Laufstall, das die Windeln voll hat. Den Takt zu treffen gelang nicht immer.
Es wurde auch übermäßig viel Alkohol getrunken. Komasaufen war ja damals noch nicht. Aber zum
Im-Hohen-Bogen-Kotzen, und zu jeder Menge verbalen Entgleisungen hat es spielend gereicht.
Natürlich gab man sich die Kante nicht mit Rotwein, sondern mit Sangria oder selbst mitgebrachtem Apfelkorn. Den Alkopops von früher. Rülpsen, furzen, grölen.
Was hab ich mich geschämt, wenn ich in dieser Zwangsgemeinschaft unterwegs sein musste. Auf gar keinen Fall wollte ich mit ihnen in Verbindung gebracht werden. Gesenkten Hauptes lief ich durch eine der schönsten Städte der Welt. So verbrachte ich möglichst viel Zeit in Museen, auf Flohmärkten, bei den Bouquinisten an der Seine und in Bistros bei einem café au lait. Manchmal war auch der
Blindschachspieler dabei. Ein schweigsamer, angenehmer Mensch, der auf eine stille Art sehr komisch und unterhaltsam war.
Wie bei jeder Klassenfahrt, befiel mich bald irgendein körperliches Unwohlsein, so dass ich einen Arzt aufsuchte.
In Paris war mir derartig schlecht (nausée), dass ich zu einem Internisten im zweiten Arrondissement ging. Die Praxis befand sich in der Belle Etage eines palastartigen Altbaus, der an einem lauten Boulevard gelegen war. Über 4 Meter hohe Decken, Stuck, Intarsienparkett, Flügeltüren und originale, durch die Jahre abgenutzte, Art Deco Möbel.
Der Arzt war ein freundlicher, betagter Herr, der ein wenig mit mir plauderte, meine Zunge ansah, und mir dann ein Medikament mitgab, das ich nicht nahm, denn ich war bereits geheilt, als ich die Praxis verließ.
Meine Abscheu gegen Klassenfahrten, verursacht durch die beschriebenen Erlebnisse,  ging soweit, dass ich bei einer Reise ganz auf die Teilnahme verzichtete, und es vorzog statt dessen am Schulunterricht der Parallelklasse teil zu nehmen. Wenigstens konnte ich den Rest des Tages dann ohne Vorgabe gestalten, und musste auch nicht den üblichen Jugendherbergsfraß, geschweige denn meine unerträglichen Mitschüler erdulden.
Nur die Fahrt nach Berlin ist mir in guter Erinnerung geblieben. Es war bitterkalt. Wir hörten Ton,Steine,Scherben, David Bowie und The Stooges, zogen durch Kreuzberg und kifften im Schatten der Mauer.
Macht kaputt, was euch kaputt macht!
Die Luft roch nach Kohleöfen.
Am Nollendorfplatz gab es einen Flohmarkt in einem stillgelegten U-Bahnhof. Dort erstand ich Schallplatten, Stoffe und alte Knöpfe.
In der Garage wurden Klamotten zum Kilopreis verkauft. Alte Lederjacken, zerschlissene Jeans, schwere Gürtel. Jede Menge Nieten, Federn und Pailletten. Ein Paradies.
Dann natürlich der Punk-Himmel, das SO 36.
Sogar in den Dschungel wurde ich eingelassen, und war berauscht von soviel Coolness und Gin.
Ich wusste, dass ich eines Tages in West-Berlin leben würde.
Inzwischen bin ich seit 19 Jahren hier.
Der Dschungel schloss vor 20 Jahren endgültig seine Pforten, und die Mauer war auch schon gefallen, als ich nach Berlin zog. Das SO 36 gibt es noch, und hier wohne ich. In Kreuzberg Süd-Ost. Dort, wo ich immer sein wollte, und das mir bei aller Liebe auch mächtig zum Hals raushängt.
Bin gespannt, ob ich hier jemals weg komme.
Gestern in der Friedrichstraße, am Checkpoint Charly, und später beim Holocaust-Mahnmal habe ich sie mal wieder gesehen. Die Grüppchen von Schülern, die durch die Stadt ziehen, von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit. Manche sind laut, andere tragen blinkende Teufelshörner auf  ihren leeren Köpfen. Die Mädchen Shorts, Leggings, Chucks, Berlin-Stoffbeutel, und immer ein iPhone in der Hand, mit dem sie sich gegenseitig fotografieren. Posierend.
Nur ein paar trotten peinlich berührt hinter ihrer Klasse her, schämen sich, und schwören, irgendwann mal allein hierher zu kommen, und zum Studium nach Friedrichshain, Neukölln oder Kreuzberg zu ziehen. Vielleicht sogar auf eine Wagenburg, ein Hausboot, oder in ein Hausprojekt. Mal seh´n.

Bis dahin allerdings, wird sich soviel verändert haben, dass sie der Illusion von der geilsten Stadt der
Welt ein bisschen hinterher trauern, und trotzdem für immer bleiben werden.