Immer mehr Fallstricke und mögliche Gruben (nicht GrĂ€ben) tun sich auf, die mit berĂŒcksichtigt werden wollen. Und immer hĂ€ufiger stellt sich die Frage, ob und wie aus der Geschichte wieder heraus zu kommen sei.
Plötzlich eine ganz andere Version erzÀhlen oder die eigene Biographie neu erfinden? Einfach von vorne anfangen in einer fremden Stadt? Und dort von Beginn an auftreten als der Mensch, der man ist?
Und ist man ĂŒberhaupt derjenige, der eine Biographie hat, oder jener, der sie erfindet, ein GeschichtenerzĂ€hler? Jemand, der die Skulptur durch Schweigen und Weglassungen, durch Unterschlagungen und das Fördern falscher Annahmen aus dem Klumpen Leben herausformt, sichtbar fĂŒr andere und fĂŒhlbar fĂŒr sich selbst.
Familienaufstellungen, bei denen fremde Menschen sich weinend umhalsen, weil einer so sehr in der Geschichte des anderen aufgeht.
Stellen wir auf, inszenieren wir nur? Sind wir alle Burgschauspieler, die ihre authentischsten Augenblicke auf der BĂŒhne erleben und in der heimischen Einsamkeit zusammensacken wie HeiĂluftballons am Boden? Oder ist es umgekehrt und nur wenn wir alleine sind, fĂ€llt alles Beiwerk und jede Zierde von uns ab und wir sind ganz wir, frei und ohne Rollenerwartungen?
Wieviel Geheimnis und Privatleben darf sein, und wem gegenĂŒber?
Die Wahrheit erzĂ€hlen, die Ă€uĂere. Auf die Menschen zugehen und ihnen zeigen, wer man ist. Ein Setzkasten voller Erinnerungen und Erfahrungen. Wem schulden wir die Wahrheit? Jenen, denen wir nahe sind? Und wieder: welche Wahrheit wĂ€re das? Die erfundene, inszenierte, die selbstgeschöpfte, erdichtete, oder jene Wahrheit der FormalitĂ€ten und Fakten, der objektiven UmstĂ€nde? Eckdaten.
Was bedeutet NĂ€he ĂŒberhaupt, wenn wir uns nicht zeigen?
Wenn es so etwas wie ein empfundenes Geschlecht gibt, das von dem phĂ€notypischen, dem aktenkundigen Geschlecht abweicht, ein Mensch sich z.B. als Frau fĂŒhlt, aber im falschen Körper geboren wurde, gibt es dann nicht auch falsche UmstĂ€nde, die dem Selbstbild, den Empfindungen, der Idee von sich widersprechen, und mit denen man einfach nicht leben möchte?
Sind wir nicht alle schon Prinzessinnen oder Helden gewesen und nicht bloĂ schnöde Durchschnittsmenschen mit einer Durchschnitts-Vita? MĂŒssen wir vor uns selbst eingestehen, dass wir klein und unbedeutend sind, und es dann wahrheitsgemÀà den anderen mitteilen, um sie nicht zu tĂ€uschen und um bei ihnen zu sein. Nackt und nah und schutzlos?
Oder dĂŒrfen wir erzĂ€hlen, behaupten, lĂŒgen und manipulieren, wenn es um unseren Lebenslauf geht? Wem schaden wir damit?
Bis zu welchem Grad spricht man noch von Ehrlichkeit und wann ist die schonungslose Aufrichtigkeit bereits exhibitionistisch und somit eine Zumutung? Möchten wir, dass der andere uns seine TagebĂŒcher vorliest und ĂŒber die geheimsten Empfindungen detailgenau informiert? Uns explizit auf dem Laufenden hĂ€lt ĂŒber seine ever changing moods, seine Entwicklung, sein Werden?
Wieviel Selbstbeherrschung, Selbstinszenierung und Dichtung erwartet man von uns, und wann erreicht das Theater ein AusmaĂ, das als LĂŒge zu werten ist?
Was dĂŒrfen wir unterschlagen und was schulden wir einander, an Diskretion, wie auch an Offenheit?
Ich erfinde mich und versuche heraus zu finden, mich zu erinnern, wer ich bin oder sein könnte. Ich weiss es nicht.
Jeden Morgen, wenn ich erwache, bin ich eine andere, als die, die sich am Abend ins Bett gelegt hat, und ich staune, wie ich ĂŒber die Jahre hinweg Beziehungen zu Menschen aufrecht erhalten kann, die mich immer wieder erkennen und lieben, trotz aller Wandlungen, die ich erfahren habe.
Ich scheine die Rolle gut zu beherrschen.
Ich kann gar keine andere.
Ich zeige mich niemandem, nicht einmal mir selbst.
Nur meine Zellen teilen sich ungefragt weiter. So lange ich lebe.
Mein Beitrag zu txt, das sechzehnte Wort (Distanz)


