Ein Tag der guten Taten März 19, 2026, 22:29
Posted by Lila in Land und Leute.Tags: alltag, Israel, krieg, zug
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Wieder Donnerstag, wieder ein Tag, den ich für das Dackelmädchen freimachen kann. Doch seit letzter Woche, als ich in Tel Aviv war, ist der Bahnhof Savidor Centre in Tel Aviv, von Raketentrümmern getroffen worden. Es war schon ein seltsames Gefühl, im Fernsehen die Bank an Gleis 1 zu sehen, auf der ich noch am Donnerstag gesessen hatte. Savidor ist ein Knotenpunkt: man kann von dort viele, viele Busse erreichen, aber auch die „light rail“, die teils unterirdische Stadtbahn, die im Moment nicht fährt. Alle Bahnhöfe der Light Rail sind zu riesigen Bunkern geworden, gläsern, sauber, neu.
Jedenfalls fuhr ich heute früh los, und ein Bahnmitarbeiter sagte mir: ja, Savidor funktioniert wieder. Innerhalb weniger Stunden ist der Bahnhof wohl wiederhergestellt worden.
Während der Fahrt gab es Alarm, aber wir waren gerade an der Grenze zwischen „rotem Gebiet“ und „grünem Gebiet“, und der Zug fuhr einfach weiter, aus dem Alarmgebiet raus. (Hinterher habe ich in den Nachrichten die Erklärungen eines Home-front-Offiziers gehört, dass es für alle Fälle genaue Anweisungen gibt und auch Kontakt zwischen der Armee und der Bahn.) Es war aber lustig, als im relativ stillen Waggon (wir sind alle müde, oh Mann, so müde) auf einmal verschiedene Alarmtöne trällerten, dröhnten und jaulten, je nachdem, welche App die Leute installiert haben.
Nach zwei Stunden war ich bei Quarta, und erstmal gingen wir zusammen mit Dackel Winnie in den U-Bahnhof (ich nenne die Light Rail der Einfachheit halber so), weil Alarm war. Winnie freute sich total, mich zu sehen, und rannte aufgeregt durch die Wohnung, um mir ihr ganzes Spielzeug vorzuführen und wieder wegzunehmen. Ich mußte natürlich hinterherjagen, und wir bemerkten nicht mal, dass Quarta weg mußte.
Insgesamt war ich heute dreimal mit Winnie in der Unterwelt, und wir kennen schon Leute dort, natürlich nur Leute mit Hunden. Ich war wieder beeindruckt davon, wie sich manche Familien dort unten im Bahnhof eine Art kleiner Welt errichtet haben. Die Kinder malen, die Erwachsenen unterhalten sich. Manche Leute haben sich mit Schlafmasken und Ohrstöpseln eine Art Blase geschaffen, und sie liegen dort und schlafen, wo normalerweise alle eifrig von Bahnsteig zu Rolltreppe und umgekehrt hasten. Das wird uns später vorkommen wie ein Märchen.
Den ganzen Tag kamen Alarme im Norden, in West-, Ober- und Zentralgaliläa, aber das sind wir ja alles gewöhnt und soweit ich weiss, ist niemandem dabei was passiert.
Der Tag hatte seinen Aufreger mit dem Treffer auf die Raffinerie in Haifa, aber im Vergleich zum Treffer vom letzten Jahr ging es diesmal glimpflicher ab. Erstens sind keine Menschen zu Schaden gekommen. Letzten Sommer stand ich mit Secundus auf der Straße vor unserem Haus, wo man noch mal besser sieht als vom Deck aus, und sah das Feuer in der Raffinerie und wußte: verdammt, da sind Leute, garantiert. Und so war es auch. Das war also heute nicht.
Zweitens habe ich den Eindruck, und mein Mann, der sich besser auskennt, bestätigt es, dass der Schaden sehr begrenzt ist. Die große Kettenreaktion, wo wie im Film die ganze Raffinerie nacheinander in einem Feuerball aufgeht, ist ausgeblieben. Ich bin ja vorhin auch mit der Bahn daran vorbeigefahren. Der betroffene Teil der Raffinerie wurde von den anderen abgeschnitten, man sah die eigentlich verbotenen Flammen, wo Material abgefackelt wird. Ich verstehe wirklich nichts davon, aber allein schon die Tatsache, dass die Bahn in nächster Nähe zu den Raffinerien fahren durfte, ist ein guter Hinweis, dass wir Glück gehabt haben.
Ich komme irgendwie sehr oft mit netten Leuten ins Gespräch, und diesmal habe ich die ganze Fahrt über mit einer sehr netten Frau gequasselt, gar nicht über den Krieg, sondern über Hunde, Häkeln und den Unterschied zwischen Tel Aviv und dem Norden. Wir waren uns in allen Punkten einig, wie schön!
(Ich habe nicht nur von Winnie erzählt, sondern auch von Tertia, die immer wieder traumatisierte Hunde aufnimmt, bis ein liebevolles Heim für diese Tiere gefunden ist. Sie hatte mir heute ein Bild von einer wunderschönen Hündin geschickt, die so einen traurigen Blick hat. Ihr Schicksal war mir so nahegangen, und ich bin so froh, dass Tertia sich so für Tiere engagiert.)
Als meine Plaudergefährtin im Zug hörte, dass meine Handybatterie fast leer war, holte sie sofort ihr Ladekabel raus. Außerdem verdanke ich ihr die Adressen von drei Wollgeschäften, wo ich wieder Garn für Projekte kaufen kann, für die ich eigentlich keine Zeit habe.
Mein Mann wartete auf mich in Nahariya und fragte mich, ob es okay ist, einen jungen Mann, der ihn um Hilfe gebeten hatte, nach Hause zu fahren. Selbstverständlich. Um die Zeit fahren zu den kleinen Nestern keine Busse mehr. Der junge Mann stieg also bei uns ins Auto und wir fuhren los nach Yaara, einem sehr interessanten kleine Örtchen. Dort wohnen zwei sehr unterschiedliche Bevölkerungsgruppen zusammen: eine ultraorthodoxe Gemeinde und Beduinen.
Ich bin früher oft mit dem Bus durch Yaara gefahren und habe dabei einen alten Rabbiner kennengelernt, der sehr nett war. Ich erinnere mich noch gut, wie höflich die jungen Beduinen in Uniform, die in den Bus stiegen, ihn gegrüßt haben. Schon seltsam, dass die jungen ultraorthodoxen Juden nicht zur Armee gehen, aber die Beduinen schon, aber das ist Israel. Widersprüche überall, die trotzdem im Alltag irgendwie funktionieren.
Natürlich fingen die Alarme an, sobald wir Nahariya hinter uns hatten. Wir fuhren praktisch direkt in das Gewitter rein, nur dass es kein Gewitter war, sondern Raketen. Wir stiegen aus und setzten uns in sicherer Entfernung vom Auto auf eine Leitplanke. Der junge Mann rauchte, und über uns zauberte die Luftabwehr irrsinnige Lichteffekte in den Himmel. Der Angriff war wohl auf Haifa, und wie bei einem Gewitter dauerte es ein bisschen, bis der Radau von den Abschüssen zu uns drang. Irgendwann war der Alarm vorbei, und wir fuhren den jungen Mann bis vor die Haustür in Yaara.
Kaum waren wir bei uns zuhause angelangt, kam schon der nächste Alarm durch – in Yaara. Das hatten wir also sehr gut abgepasst.
Unter dem Druck dieses Krieges, mit allem, was auf dem Spiel steht, fiel mir auf, wie nett heute alle zueinander waren. Junge Leute boten mir im Bahnhofs-Bunker ihre Campingstühle an. Ein hundeloser Mann lief mit Leckerli rum und fragte, ob er den vielen Hunden etwas geben darf.
Kleine Kinder streichelten Winnie liebevoll, und eine junge Frau rannte hinter uns her, voller Entzücken, um Winnie gebührend zu huldigen. Ein gehbehinderter alter Mann hielt den Betrieb auf der Rolltreppe ein bisschen auf, aber niemand wurde ungeduldig, sondern junge Männer halfen ihm über die Schwellen bis in den geschützten Bereich. Dort stehen übrigens Wasserflaschen, ein Heißwasserspender und Kaffee bereit, alles umsonst. Im Bus lief eine Kontrolleurin durch, und als sie einen Jugendlichen ohne Fahrkarte erwischte, brummte sie ihm keine Strafgebühr aus, sondern meinte nur, er soll das nicht noch mal machen.
Ich habe heute nur nette Menschen getroffen. Es fühlte sich ein bisschen an, als würde das Beste in uns zum Vorschein kommen, und wenn ich später an diese Phase des Kriegs erinnere, möchte ich auch das nicht vergessen. Und darum teile ich es hier.


