Posts mit dem Label Frankreich werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Frankreich werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Donnerstag, 21. August 2025

Great Women #428: Nathalie Cabrol

Auf meine heutige außerordentliche Frau bin ich bei der Lektüre des Buches "Abendflüge" der Engländerin Helen Macdonald gestoßen und war sofort so fasziniert, dass ich sie spontan in meinen Blog-Plan  für dieses Jahr aufgenommen habe: Nathalie Cabrol

"Seit meiner Kindheit wollte ich die Grenzen der Vorstellungskraft 
und der Wissenschaft überwinden 
und ließ mir nie einfach sagen: 'Weil es nun einmal so ist!'"
.....
"L’exploration est ma passion." 

Natalie Cabrol kommt am 30. August 1963 in Bagneux zur Welt und wächst in La Celle-Saint-Cloud, 16 Kilometer westlich des Pariser Zentrums ( beide Orte in der Île-de-France ),mit ihren Eltern, der 21 Jahre alten "Mimi", von Beruf Röntgentechnikerin, und dem 25 Jahre alten Jean Cabrol auf, der auf Computersystem- Management spezialisiert ist.

Mit ihrer Mutter (1964)

"Oberflächlich betrachtet war ich auf ein Leben als Entdecker nicht vorbereitet, weder auf diesem Planeten auf einigen der höchsten Vulkane der Welt, in Seen, Wüsten und extremen Umgebungen noch auf anderen Planeten – was zeigt, dass der Schein trügen kann. Ich kam unerwartet Ende August 1963 zur Welt, statt Ende September, und damals drehte sich meine Welt um Mimi, eine kleine Wohnung westlich von Paris und den Bois de Saint-Cucufa. Ich wuchs ohne Brüder oder Schwestern auf, und unsere Katzen waren oft meine einzigen Spielkameraden. Mit ihnen teile ich eine wilde Unabhängigkeit und eine rebellische Haltung gegenüber Autoritäten. Ich scherze oft, dass ich so bin, weil ich von Katzen aufgezogen wurde, aber tief im Inneren bin ich mir nicht so sicher, ob das ein Scherz ist." ( Quelle hier )

In ihrer Einsamkeit schafft sie sich eine eigene, fantasievolle, hermetische Welt, in der sie ihre Zeit mit Wörtern, Symbolen und Zahlen füllt, Linien in Atlanten nachzeichnet und Dinge miteinander verbindet, die für andere nicht offensichtlich sind.

"Lange Zeit dachte ich, ich könnte ohne den Kontakt mit anderen auskommen. Ich hatte kaum Freunde und suchte auch nicht nach ihnen. [...] Ich war geistig genug beschäftigt."

Nathalie ist neugierig auf alles und will unbedingt erwachsen werden. Schon vor dem Eintritt in die École maternelle hat ihr ihre Mutter Lesen und Schreiben beigebracht, daher schlägt die Lehrerin vor, sie solle direkt in die École élémentaire gehen. Die Mutter wünscht aber, dass das Mädchen unter Gleichaltrigen bleibt. In der Louis-Pasteur-Schule in La Celle-Saint-Cloud hat sie eine engagierte ältere Lehrerin, die jede Woche mit den Schüler*innen in den nahen Wald geht und sie entlang eines kleinen Pfades mit Bäumen, Pflanzen, Insekten und anderen Tiere bekannt macht. 

Sie ist sechs Jahre alt, als sie bei der Mutter - der Vater arbeitet immer nachts - auf dem Schoß auf ihrem Schlafsofa in der Einzimmerwohnung sitzt und Neil Armstrongs erste Schritte auf dem Mond im Fernsehen beobachtet. "Das will ich auch tun!", ruft sie aus. Die Leidenschaft für den Himmel ist also schon früh da...

Ihre Mutter versteht ihre Leidenschaft. Ihren Vater sieht Nathalie in den ersten Jahren ihres Lebens fast nur während der Wochenenden und Feiertage, denn er kommt von der Arbeit nach Hause, wenn sie schon in der Schule ist. Die Beziehung zur Mutter ist hingegen sehr eng, und das Kind fühlt sich bei ihr sehr frei & aufgehoben.

"Ich wünschte mir so sehr, dass meine Eltern stolz auf mich waren. Unbewusst setzte ich mich selbst schon damals unter Erfolgsdruck. Ich verstand schon früh, welche Opfer sie brachten, um mir eine Ausbildung zu ermöglichen. Irgendwie hatte ich mich selbst davon überzeugt, dass ich kein Recht hatte zu scheitern, kein Recht, sie zu enttäuschen. Ich hatte mich auch davon überzeugt, dass sie meinetwegen zusammenblieben, und ich fühlte mich schuldig. Ihr Leben wäre wahrscheinlich anders und glücklicher verlaufen, wenn sie sich getrennt hätten."

ca. 1970
Als Nathalie sieben Jahre alt ist, stellt der Vater seine Arbeitszeit um. Der Beziehung zwischen ihm, seiner Frau & seiner Tochter ist das nicht unbedingt förderlich. Die Eltern streiten viel, und Nathalie empfindet ihn als Eindringling, denn sie hat mit ihrer Mutter auch eine Routine etabliert gehabt.

Dazu gehört auch das abendliche Vorlesen. Die Großeltern mütterlicherseits in Italien haben dem Kind die in Frankreich klassische weiß-goldene Sammlung an Geschichten und Legenden geschenkt. So lernt sie die Ilias und die Odyssee, die Aeneis, mittelalterliche Geschichten und Mythen und vieles mehr kennen. Später entdeckt sie als Lieblingsautor Jules Vernes sowie seine "Voyage au centre de la Terre". Mit der Mutter teilt sie die Leidenschaft fürs Lesen und hat so Zugang zu vielen Büchern, Werken über alle Kulturen, alle Religionen der Welt. Ihre Eltern sind der Anschauung, dass, wenn alle einander besser kennen und verstehen würden, die Erde ein friedlicher Ort sein könnte. 

Als sie acht Jahre alt ist, zieht die Familie in eine geräumigere Zweizimmerwohnung in Marly-le-Roi um, die sie von der Firma des Vaters mieten. Sie liegt im siebten Stock eines Neubaus in einem sehr großen Wohnkomplex. Ein neuer Zyklus beginnt für das Kind, das seinen einzigen Freund sowie "den Zauber meiner frühen Kindheit" zurücklassen muss. Die Sommerferien verbringt sie sowohl bei den Großeltern mütterlicherseits in Italien wie bei denen väterlicherseits in Nîmes, besonders gern an den Flüssen Tarn, Gardon, Ardèche, denn Wasser fasziniert sie mindestens so wie das Weltall, seit sie mit zwei Jahren im Gardasee gewesen ist. Dort in Südfrankreich bleibt sie mit anderen Kindern nachts in den Feldern & Weinbergen, um in die Sterne zu schauen ( ja, das kann man dort sehr gut! ) und UFOs oder andere Himmelsobjekte zu entdecken - ein großes Thema damals. Auch der Großvater unternimmt mit ihr mit seiner Kutsche Fahrten unter dem Sternenhimmel - magische Momente für das Mädchen!

Doch sie meint auch: "In meiner Familie war alles sehr kompliziert, überall gab es Probleme." Gefühle werden selten gezeigt, vor allem vom Vater: "Wir brauchten fast vierzig Jahre, um uns näherzukommen, aber schließlich taten wir es."

Im Alter von neun Jahren entdeckt das Mädchen, ohne es zu wissen, das Titius-Bode-Gesetz, indem sie die Entfernungen der Planetenbahnen von der Sonne vergleicht. Zuvor hat sie in einem Astronomiebuch eine Tabelle mit den Bahneigenschaften gefunden. "Ich suchte ständig nach Symmetrien, Zusammenhängen und Anagrammen."

Die nächsten zehn Jahre, Nathalies Teenagerjahre, sind schwierig. Zwischen den Eltern gibt es ständig Streit, sie selbst sitzt zwischen den Stühlen, in der Schule wird sie gemobbt und einige ihrer Lehrer denken, sie lebe in einer Fantasiewelt. Ein Schulberater äußert sogar: "Das macht nichts, wenn du wegen Mathe keine Astronautin wirst, dann wirst du eine gute Mutter oder Sozialarbeiterin." Nathalie scheint das völlig absurd. Sie ist eine sehr gute Schülerin, nur eben nicht in den beiden Fächern, aber extrem introvertiert, so dass sie mit niemandem spricht, was sie belastet. Einmal unternimmt sie sogar einen Suizidversuch ( der zum Glück nicht gelingt ). Sie beginnt aber darüber zu schreiben.

"Ich hatte mich selbst unter Druck gesetzt, den sich meine Eltern nicht vorstellen konnten. Ich war wahrscheinlich etwas reif für mein Alter, aber als ich noch sehr jung war, sah ich, wie viel sie arbeiteten, und trotz ihres geringen Geldes verbrachten sie ihre Zeit damit, mir Bücher zu kaufen, um meine Leidenschaft zu fördern, mir eine Ausbildung zu ermöglichen." ( Quelle hier )

Ihre Eltern fahren auch mit ihr in den Urlaub nach Cap d'Agde, wo ihr ein Freund der Familie verschiedene Tauchtechniken beibringt. Als sie sich einmal beim Tauchen das Knie aufschlägt, sind die Freunde der Eltern entsetzt. Ihre Mutter kommentiert nur: "Schon wieder?". Diese Gelassenheit wird sie auch später ermutigen. Zeitweise denkt Nathalie auch daran, Taucherin zu werden und setzt sich in Verbindung mit Jacques-Yves Costeau, der ihr aber rät, länger zur Schule zugehen.

Aufgrund der Schwierigkeiten mit Mathe und Physik, legt Nathalie zuerst ein Abitur in Literatur und Philosophie ab ( der Vater meint, sie könnte doch Journalistin werden ). Aufgrund der Tatsache, dass sie ein Jahr jünger ist als der Durchschnitt ihrer Mitschüler, kann sie sich auf Initiative ihrer Mutter noch einmal für ein weiteres Schuljahr einschreiben, diesmal im naturwissenschaftlichen Bereich. ( Das französische Schulsystem ist da etwas anders. ) Und jetzt klappt es!

Nathalie entscheidet sich anschließend, die Classe Préparatoire aux Grandes Écoles, oft kurz Prépa genannt, als  Vorbereitungskurs zur Aufnahmeprüfungen an den Grandes Écoles zu absolvieren. "Das war wahrscheinlich die beste Entscheidung, aber, oh mein Gott, das war brutal, genau wie angekündigt." Ein glücklicher Zufall: Sie lernt in diesem Jahr auch einen Professor für Physische Geographie kennen, faszinierend und leidenschaftlich, und plötzlich wird ihr klar, dass es eine völlig neue Welt gibt, die sie interessiert: Physische Geographie. Die beschäftigt sich mit der Erdoberfläche als Gesamtsystem, bestehend aus den Subsystemen Atmosphäre, Hydrosphäre, Lithosphäre, Pedosphäre und Biosphäre. Dabei werden sowohl natürliche Prozesse als auch die Wechselwirkungen zwischen Mensch und Umwelt untersucht.

Nathalie studiert dieses Fach anschließend an der Universität Paris-Nanterre. 1985 schlägt ihr ein Laborleiter vor, das historische Observatorium Meudon südlich von Paris zu besuchen und dort André Cailleux, einen Pionier der Planetengeologie. Der zeigt ihr Karten vom Mars und erklärt, wie er mit seinen Kollegen an der Geschichte des Wassers auf dem Planeten forscht. Ob sie Interesse hätte, sich ihnen anzuschließen? "All die Jahre dachte ich, ich würde mich um 180 Grad von meinem Ziel entfernen, aber mein Weg führte mich genau dorthin, wo ich sein wollte."

1990
Tagsüber arbeitet sie nun an ihrer Masterarbeit über die Entwicklung der von Wasser geformten Täler auf dem Mars, die Nächte verbringt sie beim berühmten Teleskop von Meudon aus dem 19. Jahrhundert, um durch die Grande Lunette zu schauen, immer einen Schlafsack dabei, um sich auszuruhen zu können. Das Labor arbeitet auch direkt mit dem französischen Umweltministerium zusammen und führt Bewertungsstudien zu Umweltgefahren wie Lawinen und Überschwemmungen durch. Die Praxisnähe gefällt Nathalie.

Schließlich wechselt sie zur Sorbonne, wo Alain Godard, ein Geomorphologe & Nachfolger des inzwischen verstorbenen Cailleux, lehrt und promoviert dort 1991. 

In dieser Zeit lernt sie Edmond A. Grin kennen, einen angesehenen Hydrogeologen im Ruhestand, der auf seine alten Tage noch mal in Astrophysik promovieren will. Sie ist 23  Jahre alt und er 66, als sie ihn vor Beginn einer Vorlesung zum ersten Mal mit einem Professor sprechen sieht: 

"Aus irgendeinem Grund konnte ich in keine andere Richtung schauen. Ich war wie gelähmt. Ich sah ihn an, und in diesem Moment dachte ich: Ich kenne diesen Mann. Ich kenne diese Person. Woher kenne ich ihn?" Er sitzt im Hörsaal neben ihr, sie sehen sich an und "das war es – es hat uns gepackt [...] Ich kann es nicht erklären, aber ich habe darauf gewartet, dass er auftaucht." ( Quelle hier )

Der aus Genf gebürtige Wissenschaftler wird ihr in den folgenden Jahren helfen, ihre Arbeit und ihre Forschungsmethodik zu fokussieren und Nathalie auf tiefgreifende Weise prägen: "

"Er hat mich wie durch Zauberhand verändert. Für die introvertierten Person, die diese Codes, Symbole, Romane und Aufsätze geschrieben hat, war es, als hätte er einen Handschuh umgestülpt, und plötzlich kam alles zum Vorschein, was darin war."

Kein Wunder, dass sie ihren späteren Ehemann "Merlin", nach dem Zauberer aus dem Artuszyklus, benennt.

Mit Edwin Grin

Nathalie gelingt es zunächst, noch eine Stelle in Meudon zu ergattern, die aber nicht lange finanziert wird, so dass sie gerade etwas in der Luft hängt, als der 31jährigen 1994 vom Planetologen Chris McKay die Möglichkeit eröffnet wird, am Ames Research Center der NASA im Silicon Valley zu forschen. An Halloween trifft sie zusammen mit Edwin Grin und nur einem Koffer, in dem eine Karte des Gusev-Kraters auf dem Mars ist, in San Francisco ein. Sie bekommt die Chance ihres Lebens, in ihrem Traumberuf als Postdoc loszulegen. 

"Die Leute haben mich akzeptiert, ohne zu wissen, wer ich war, woher ich kam oder sonst etwas, nur dass ich etwas beitragen konnte."

Nathalie & Edwin Grin bleiben, werden US-Staatsbürger & heiraten. 1998 wird sie über das Search for Extraterrestrial Intelligence (SETI) Vertragspartnerin der NASA, wo sie nun ihre Mars-Forschung in Eigenverantwortung fortsetzt. Nathalies Arbeit umfasst verschiedene Aspekte der Suche nach außerirdischer Intelligenz ( oft als SETI bezeichnet ). So sucht sie einer der unwirtlichsten Umgebungen der Erde nach Leben, der Atacama - Wüste im Norden Chiles. Die Idee dahinter ist, dass das Verständnis von Pflanzen und Tieren in einer Umgebung, in der es jahrzehntelang ( dort bis 1971, in manchen Gegenden der Atacama- Wüste möglicherweise schon seit 1570 ) nicht regnet, uns etwas darüber verrät, was auf dem Mars überleben könnte. Die Atacama- Wüste ist so unwirtlich, dass, würden Viking-Orbiter, wie es Mitte der 1970er Jahre auf dem Mars der Fall gewesen ist, auch dort kein Leben finden.

2003 ist sie an der Mars Exploration Rover-Mission der NASA im Jahr 2003 beteiligt, bei der ein Roboter zum Mars geschickt wird. 

"Es ist hart hier, man kann es kaum glauben. Es herrscht ständiger Konkurrenzkampf. Ich bin keine Beamtin, das heißt, ich muss Forschungsprojekte schreiben, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen. [... ] Das bedeutet, dass ich für mein Gehalt, meine Krankenversicherung und meine Rente absolut jeden Cent verdienen muss." 
Später wird das etwas besser, als sie 2015 Direktorin des Carl Sagan Institute, Teil des SETI-Instituts, wird, bei dem mindestens die Hälfte ihres Gehalts gesichert ist.

Ende 2003 besucht sie auch ihr Vater in den Vereinigten Staaten. Ihre Teilnahme an der Mars-Rover-Mission ist für ihn etwas Greifbares gewesen, und er kann endlich sagen, dass er stolz auf sie sei und nun verstehe, warum sie ihrer Leidenschaft treu geblieben sei. Sechs Monate später stirbt Jean Cabrol.

Salztonebene in Chile
Andrea Frazzetta/Institute


2003 hat die Forscherin auch den Vulkan Licancabur im bolivianischen Altiplano mit einem Forschungsteam im Auftrag der NASA bestiegen. "Wenn es vor 3,5 Milliarden Jahren Leben auf dem Mars gab, könnte es ähnliche Abwehrmechanismen genutzt haben wie die Organismen am Vulkan Licancabur, um zu überleben," so ihre Ausgangsthese. Auf dem fast 6.000 Meter hohen Gipfel taucht sie in die eisbedeckte Caldera hinab und findet selbst dort, wo die Temperaturen bis zu -30 Grad Celsius betragen, winzige Lebewesen, neue Zooplanktonarten also. Am Gipfel des Vulkans wird mit einem UV-Index von 43 die höchste jemals auf der Erdoberfläche registrierte UV-Strahlung gemessen.

Nathalie fühlt sich extrem von Vulkanen und Seen, zu Feuer und Wasser angezogen. Sie seien völlig gegensätzlich, sagt sie, "aber wenn sie synergetisch zusammenwirken, entsteht Dampf, der Energie liefert. Und dann kann man Strom erzeugen. Und damit kann man Dinge erschaffen. Aber wenn das Wasser ins Feuer gelangt, entsteht Zerstörung. Mein ganzes Leben dreht sich nur darum, diese Balance zwischen Schöpfung und Zerstörung zu finden. Für die Dinge, die ich erschaffe, und die Dinge, die mich innerlich zerfressen. Und es ist ein sehr schmales Gleichgewicht."

Blick vom Gipfellager des Vulkans Licancabur  
Bildnachweis: SETI Institute/NASA/ High Lakes Project

 Sie sagt auch, dass das Tauchen in diesen Hochseen in ihr emotionale Zustände hervorruft, die unglaublich schön und spirituell sind. 2006 noch einmal eine solche Erfahrung: Das Wasser ist arktisch blau, und jeder Sonnenstrahl bricht sich darin, so dass sie sich wie von Diamanten umgeben fühlt. 

"Und dann Ruderfußkrebse, kleines Zooplankton, winzige Garnelen, und sie sind so rot. Es ist eine Symphonie der Farben. Ich schwebe, und die Zeit steht still. Und für den Bruchteil einer Sekunde ist alles perfekt. Ich muss nichts erklären. "

Solche Forschungsvorhaben erfordern natürlich u.a. auch eine enorme physische Kondition, nicht nur einen kontrollierten Geist. Die hat die Astrobiologin, wie ihre Wissenschaft inzwischen heißt, schon lange trainiert & erworben, eigentlich von Jugend an mit dem Freitauchen am Golfe du Lion. Das Bergsteigen erobert sie sich dank ihres Mannes Edmond. Der fragt sie bei der Besteigung des Montblanc zu Beginn ihrer Beziehung:" 'Warum willst du klettern, wenn wir doch wieder runter müssen?', sagte er zu mir: 'Weil es schwierig ist.'" 

Nach Chamonix folgt die Auvergne mit ihren Vulkanen. Auch dort unternimmt Nathalie zahlreiche Bergtouren. Und sie vergleicht: 

"Beim Tauchen fordert man sich mental mehr als körperlich. Natürlich ist es eine körperliche Herausforderung, die man durch Atmen und Fitness erreicht, aber ich würde sagen, wenn man gesund ist, ist es eher eine mentale als eine körperliche Herausforderung. In den Bergen hingegen ist beides wichtig. Man muss sich körperlich und mental anstrengen, und das hat mir wirklich Spaß gemacht."

Leider kann sie Edwin Grin aufgrund seines Alters bei ihren Forschungsunternehmen nicht mehr begleiten, aber 2000 verfassen sie gemeinsam "La Recherche de la vie dans l'univers" und 2010 mit "Lakes on Mars" das erste wissenschaftliche Buch zu diesem Thema. Wissenschaftler, die an Leben auf dem Mars glauben, gehen davon aus, dass sich dort etwas gebildet, entwickelt und den Sprung vom Wasser aufs Festland geschafft hat, bevor das Wasser versiegt ist.

"Die Wissenschaft zeigt uns zunehmend, dass dies möglich sein könnte. Auf unserem Planeten gibt es Leben auf dem Meeresgrund, in kochenden Schwefelgruben und tief in der Erdkruste. Und in der Atacama-Wüste. Es ist nicht schwer, sich vorzustellen, dass einige der Mikroben, die sie auf dem Gipfel des Licancabur fand, mit einigen Anpassungen unter der Marsoberfläche überlebt haben. Aber wir müssen sie finden, und das könnte schwieriger sein, als einfach ein paar Schaufeln matschigen Bodens auf der Suche nach Wasser auszuheben. Wir müssen den richtigen Landeplatz finden und genau wissen, wonach wir suchen müssen. Indem sie ökologische Karten des Mars auf der Erde erstellt, liefert uns Cabrol eine grobe Blaupause dafür, wonach wir suchen müssen, wenn wir das echte Leben sehen," so der Journalist Eric Vance.

2024
CC BY 4.0
Im Oktober 2014 wird die inzwischen 51jährige Forschungsleiterin des NAI-Teams, welches neue Untersuchungsmethoden für Biosignaturen und Forschungsstrategien zur Unterstützung der nachfolgenden Mars 2020-Mission entwickelt. Helen Macdonald schreibt 2018 für die New York Times einen großen Artikel über die Forschungsexpedition 2016, auf der sie Nathalie Cabrol begleitet hat.

Auch wenn es ihr schwer fällt, schmerzhafte Momente ihrer Vergangenheit aufzuarbeiten - was Nathalie jahrelang vom Schreiben abhält - nimmt sie ihr persönliches Erzählung in Angriff, auch weil sie meint, eine sehr positive Botschaft vermitteln zu können.  Im September 2021 kommt das Buch unter dem Titel  "Voyage aux frontières de la vie" in Frankreich heraus. Zuvor, im August, ist ihr Mann Edwin Grin mit 102 Jahren gestorben.

Es gebe ein Muster in ihrem Leben, erzählt sie, wo auf die höchsten Höhen schnell die tiefsten Tiefen folgen. Sie meint damit den Tod ihrer Mentoren, Freunde und Familienmitglieder, über Zeiten, in denen sie dem Tod nahe gewesen ist, über Zeiten, in denen sie mit innerer Dunkelheit gekämpft hat: 

"Die Leute sehen in mir die erfolgreiche Frau, die Führungspersönlichkeit, aber all das baut auf Schweiß, Arbeit und Temperament auf, wissen Sie? Es sind Verluste, Tragödien, Tod und Tränen. Ich glaube, man kann nicht stark sein, wenn man nie verletzt wurde und lernt, das zu überleben."

Bessere Schlussworte konnte ich zu diesem Beitrag über eine ganz außergewöhnliche Frau unserer Tage nicht finden...

                                                                        
Und hier wieder Hinweise auf weitere

Donnerstag, 13. März 2025

Great Women #410: Ré Soupault

Heute also wieder mal so eine "Schattenfrau", eine, die gestern vor 29 Jahren gestorben ist und deren Nachlass sie als ein Multitalent der Avantgarde der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ausweist:  Ré Soupault. 
"Man fragt mich oft, 
was ich bei Itten gelernt habe; 
dann kann ich nur antworten: 
Keine Vorurteile zu haben."
.....
"Die Habsucht ist die Ursache allen Übels."

Ré Soupault kommt als Meta Erna Niemeyer am 29. Oktober 1901 in Bublitz, einer sogenannten Ackerbürgerstadt von fünftausend Einwohnern in der preußischen Provinz Pommern, zur Welt. Sie ist das letzte von acht Kindern der Bertha Marie Auguste Hensel, Tochter eines Fleischermeisters, und des Metzgers & Viehhändlers Friedrich Carl Richard Niemeyer. Nach der Eheschließung 1886 sind dem Paar zuvor 1887 der Sohn Paul, dann Margaretha (*1890), Betty Marie (*1891), Helene (*1893), Carl Wilhelm (*1895), Werner Karl (*1896;  Rés Lieblingsbruder ) und Karl Fritz (*1897) geboren worden.

Es ist eine wohlsituierte, sehr konservative Familie, die dem Mädchen dennoch ab 1912 den Besuch des Lyzeums in Kolberg, 70 Kilometer vom Heimatort entfernt, ermöglicht, wo sie in einer Pension lebt.

Vor der bornierten Enge der Familie & der hinterpommerschen Gesellschaft während des Weltkrieges mit all seinen Schrecken - der Lieblingsbruder fällt 1917 - findet die Jugendliche Zuflucht im Schach- & Klavierspiel und der Wandervogel-Bewegung. 

Gedankliche Freiheit ist ihr wichtig. Die findet sie bei ihrer Zeichenlehrerin, Fräulein Wimmer, "die einzig vernünftige Person", ein Lichtblick. Von dieser Zeichenlehrerin erfährt sie vom Bauhaus-Manifest des Walter Gropius. Die Lehrerin mit sozialistischer Weltanschauung möchte das zeichnerisch hochbegabte Mädchen davor bewahren, den typischen und aussichtslosen Lebensweg einer Lehrerin einzuschlagen, der bürgerlichen jungen Frauen damals nur offen steht. Der Begriff "sozialistisch" wird für Ré immer gleichbedeutend mit "emanzipiert" sein und lebenslang eine große Attraktivität auf sie ausüben. 

Ré weiß also, was sie nicht will: dem Weg überkommener Vorstellungen folgen, denen die Erfahrung des Ersten Weltkrieges endgültig den Sinn geraubt hat. Die Aussage im Manifest - "Es gibt keinen Wesensunterschied zwischen dem Künstler und dem Handwerker"- spricht sie an. "Alle zusammen, in einer neuen Gemeinschaft, sollten wir die 'Kathedrale' der Zukunft bauen. Da wollte ich mitmachen."

Den Einschränkungen, die sie als Mädchen in der bodenständigen Kultur erfahren hat, entflieht sie gegen den Widerstand der Familie 1921 nach Weimar, das für sie für Aufbruch & Freiheit steht. Sie absolviert mit Erfolg die Aufnahmeprüfung am Bauhaus. Die Eltern werden in Sicherheit gewiegt, die Mädchen würden vor Ort schön malen lernen, und sie sind auch beruhigt, dass die Tochter Unterkunft in einer protestantischen Pension ( heute das Hotel "Amalienhof" ) findet. Ré ernährt sich täglich von Mehlsuppe und empfindet es als Fest, als ihr in der Mensa des Bauhauses durch Josef Albers ( siehe dieser Post ) gebratene Kartoffelschalen mit Quark angeboten werden. "Man hatte nichts und war dankbar für die kleinsten Reste. Auch an Unterkünften für die Studenten mangelte es, manchem blieb lediglich der Park zum Übernachten", erinnert sie sich. Die Essensreste kommen vom berühmten Weimarer Hotel zum Elephanten.

Diese spartanische Lebensweise entspricht den Idealen des Johannes Itten, einem bedeutenden Bauhausmeister, der den sogenannten Vorkurs leitet, den jede(r) Anfänger*in zu absolvieren hat. Ré schätzt ihn sehr, prägt der Lehrer doch ihre lebenslangen Wertvorstellungen:
"Bei Itten geschah etwas, das uns befreite. Wir lernten nicht malen, sondern lernten neu sehen, neu denken und zugleich lernten wir uns selbst kennen. Nur das Geistige zählt."
Itten bewegt sie auch zu einem Sanskrit-Zusatstudium in Jena. Aus diesem Studium stammt Rés Lebensdevise: "Die Habsucht ist die Ursache allen Übels."

Das bohèmehafte Leben und Lernen zwischen materieller Armut und künstlerischem Reichtum beeindruckt Ré also, noch stärker aber - und bis an ihr Lebensende - berührt sie die Solidarität unter den Studierenden &  Lehrenden. Als die Eltern herausfinden, dass es sich beim Bauhaus nicht um die Malschule für höhere Töchter handelt, sondern um eine "Revoluzzerschule", eine "Ausgeburt kommunistischer Perversion", lockt man die ahnungslose Tochter mit einer Täuschung nach Hause und hält sie mit Gewalt fest. Man will sie zeitweise sogar entmündigen und in die Psychiatrie einweisen lassen. Nach Wochen gelingt ihr die Flucht. 

Der Bruch mit der Familie scheint erst einmal endgültig, sie nennt sich jetzt Renate, die Wiedergeborene. Die Unterstützung, die sie in Weimar erfährt, ist beeindruckend: Sie braucht ihr Essen nicht mehr zu bezahlen und bekommt eine Atelierwohnung zugewiesen, deren Besitzer für Jahre ins Ausland gegangen ist. So schafft sie sich endgültig ihre "geistige" Familie. Damit meint sie auch die Vorrangigkeit künstlerisch-intellektueller Interessen, die Widerstandskraft freizusetzen vermag gegenüber den Widrigkeiten und materiellen Schwierigkeiten des Alltags.

Von links nach rechts:
Johannes Itten, Viking Eggeling, Kurt Schwitters, Hans Richter
1923 - am Bauhaus eingeschrieben bleibt sie bis 1925 - lernt sie in Berlin den schwedischen Experimentalfilmer Viking Eggeling kennen, der an einer neuen Art von Film, den er "Sinfonie Diagonal" nennt, arbeitet. Ré übernimmt die technische Assistenz bei der Herstellung seines Films, denn Eggeling kann einen Profitechniker nicht mehr bezahlen, und sie ist von seinem Genie überzeugt. Ein Jahr lang setzt Ré für den bereits schwer Erkrankten seine Visionen von "optischer Musik" am Tricktisch um. Mehr oder weniger schafft sie also diesen berühmten Avantgardefilm und erwirbt sich kinomatografische Fertigkeiten, die sie später anwenden kann.

Als der Film fertig ist, fährt Eggeling im Winter 1924 nach Paris, um ihn Fernand Léger vorzuführen. Ré lässt er im ungeheizten Berliner Dachatelier zurück. Dort trifft Kurt Schwitters, Freund Eggelings, bei einem Besuch auf die hungernde & frierende junge Frau und nimmt sie mit nach Hannover. Schwitters bringt sie nicht nur in seiner geheizten Wohnung unter, er tauft sie auch "": "... und das ist dann so an mir hängen geblieben. Seitdem heiße ich Ré." Rés Mutter ermöglicht anschließend mit etwas Geld der völlig erschöpften, von Krankheiten gezeichneten jungen Frau einen Erholungsurlaub in Positano.

Als der Film 1925 endlich uraufgeführt wird, liegt Eggeling schon im Sterben. Auf der Beerdigung trifft Ré den Dadaisten und Filmkünstler Hans Richter wieder, einen Weggefährten aus Weimar. Dort hat das Bauhaus unterdessen einschneidende Veränderungen hinnehmen müssen:
© Nomination File
Nachdem sich die Machtverhältnisse nach der Landtagswahl in Thüringen im Februar 1924 geändert hatten, kürzte die Regierung unter Richard Leutheußer (DVP) den Etat um 50 Prozent. Daraufhin boten sich andere Städte den Lehrern und Schülern als neue Standorte an (... ). Finanziell und politisch von der Thüringer Regierung unter Druck gesetzt, beschloss der Meisterrat 1925 den Umzug nach Dessau. ( Quelle: Wikipedia )

Ré bleibt in Berlin, weil sie die Veränderungen in Dessau hin zum Funktionalismus "schrecklich" findet. Ihr persönlich hat die ganzheitliche Erziehung zur Generalistin in Weimar eher zugesagt. In Berlin zieht sie 1926 mit Hans Richter zusammen:

"Das Wohnungsamt hatte ihn schon seit Jahren als Künstler auf der Liste, der ein Atelier suchte. Und eines Tages bot man ihm ein Atelier im Grunewald mit einem Wohnzimmer und Küche an. Und er meinte, er würde es nur akzeptieren, wenn ich mit ihm dort wohnen würde. Das war nun deutlich. Und schließlich (... ) hatte ich auch genug vom primitiven Leben. Es läßt sich heute im Rückblick nicht mehr so einfach erklären, aber es hat auch nicht lange gedauert bis ich merkte, dass er leider ein Betrüger war. Ich habe immer gearbeitet, damals in einem Verlag. Es war nicht so, dass Richter für mich bezahlte, im Gegenteil. Er kassierte immer alles, was ich verdiente. Dabei hat er mir natürlich am Anfang geholfen. Er hat mir eine Arbeit in einer Textilzeitung verschafft, wo ich Zeichnungen machte. Die wurden schlecht bezahlt, aber sie wurden eben bezahlt." ( Quelle hier )

Unter dem Pseudonym Renate Green bzw. Ré Richter arbeitet sie also ab 1926 nämlich als Modejournalistin und Illustratorin für die Zeitschrift "Sport im Bild" des Scherl - Verlages, der Konkurrenz von Ullstein des späteren Nazi-Unterstützers im Stile von Musk, Alfred Hugenberg

Sie und Richter haben auch 1926 geheiratet, trennen sich im Jahr darauf aber wieder ( scheiden lassen sie sich 1931 ). 1927 meint Ré, sie müsse aus persönlichen Gründen weg, nach Paris, und bietet mit frechem Selbstvertrauen dem Verlag an, dort als Modejournalistin für ihn zu arbeiten. 1929 darf sie endlich an die Seine und beginnt, in den künstlerischen Kreisen zu verkehren. Über ihren Mann hat sie bereits die Bekanntschaft mit Man Ray ( siehe auch dieser, dieser und dieser Post ) gemacht, Fernand Léger wird ein guter Freund, Alberto Giacometti, Kiki de Montparnasse und viele mehr. Mit den Angehörigen der Pariser Avantgarde trifft sie sich täglich im Café Dôme in Montparnasse.

Modefoto von  Man Ray
Während sie  als Modezeichnerin unter dem Namen Renate Green weiter für die angesagten Magazine "Sport im Bild", später "Silberspiegel", zeichnet, entwirft sie Mode, ab 1931 in ihrem eigenen Modeatelier "Ré Sport" "rationale Kleidung für die berufstätige Frau". Finanziell ausgestattet wird sie vom Millionär Arthur Wheeler, eingerichtet von Mies van der Rohe ( siehe auch diesen Post ), dessen Bauhaus - Design in Paris noch völlig unbekannt ist.

Sie entwickelt das "Transformationskleid" ( hier zu sehen ) von schlichtem Schnitt, welches mittels einer Vielzahl von Accessoires – Pullover, Jackett, Schals, knöpfbare Kragen etc. – bis hin zum bodenlangen Abendkleid mit Cape verwandelt werden kann. Man Ray fotografiert die erste Kollektion Rés von zwanzig Modellen. Über ihre Mode berichtet nach Berlin übrigens Helen Hessel

Um ihre Entwürfe bezahlbar zu machen, verwendet Ré die Stoffe der Couturiers des Vorjahres. Mit dieser Besonderheit, gepaart mit ihrem spielerischen Umgang mit der Farb- und Formenlehre des Bauhauses, mischt sie die damalige Pariser Modeszene auf, wohl auch deshalb, wie die Designerin selbst sagt, "weil Kultur dazu gehört, um das Einfache zu lieben". Als Wheeler bei einem Autounfall stirbt, muss Ré das Atelier aufgeben. Sie hält sich noch mit Haute Couture für die Frauen der Bohème über Wasser, verkauft den Schmuck der Elsa Triolet. Zum Glück hat sie noch ihren Korrespondentinnen - Job für Scherl. Nach Deutschland zurück mag sie nach der Machtübernahme der Nazis nicht mehr gehen.

Auf einem Empfang der Pariser Botschaft der Sowjetunion, "die damals unsere große Hoffnung gegen Hitler war", ist sie am 7. November 1933 mit Philippe Soupault  bekannt geworden. 
Soupault, 1897 bei Paris geboren, mit maßgeblichen Intellektuellen der Zeit wie
Marcel Proust und Apollinaire bekannt, hat zusammen mit André Breton und Louis Aragon die Zeitschrift "Littérature" begründet, die zunächst dem Dadaismus verpflichtet ist. Nach dem Zerfall  dieser Bewegung zählt er zu der ab 1924 agierenden Surrealismus-Bewegung, entfernt sich aber von dieser durch seine zunehmend journalistische Tätigkeit und seiner Weigerung, die politische Wende der Gruppe zum Kommunismus mitzuvollziehen.  Zudem schreibt er Romane, was bei seinen Freunden verpönt ist. 1927 wird er von der Gruppe ausgeschlossen. Zum Zeitpunkt ihres Kennenlernens gilt er als der renommierteste Journalist Frankreichs, ist Chefredakteur von großen Tageszeitungen. Vor allem aber ist er ein Mann der großen Reportage für die antifaschistische Publikumszeitschrift "Vu" in der noblen Avenue des Champs-Élysées und die Tageszeitung "Excelsior".

Das Paar 1934
Da Rés Karriere als Modemacherin und Soupaults zweite Ehe gescheitert sind und beide wohnungslos, fährt sie ihn mit ihrem alten Renault zu seinen Reportagereisen durch Europa, darunter später auch Spanien und Skandinavien. Und weil beiden der von den Zeitschriften zur Seite gestellte Fotograf in ihrer frischverliebten Zweisamkeit lästig ist, kauft Ré einen guten Fotoapparat, eine Standard Rolleiflex 6x6 ( später eine 4x4 Leica ) und lernt diese zu bedienen, auch die Laborarbeit übernimmt sie. Sie dokumentiert die gemeinsamen Reisen nun also fotografisch und manches fließt ein in die Reportagen ihres Gefährten. 

Es entstehen allerdings auch zahlreiche Fotos, die sie auf eigenen Streifzügen aufnimmt. Sie entwickelt einen Blick für die "magische Sekunde", der ihr Werk prägen wird. Ein Beispiel für ihr Gespür für den richtigen Augenblick ist das Foto eines Mädchens in Madrid vor Beginn des Bürgerkriegs aus dem Jahr 1936, das mit erhobener Faust die Erwachsenen nachahmt. ( Heute gehören diese Arbeiten von Ré Soupault zu den bedeutendsten Beiträgen der Geschichte der Fotografie des 20. Jahrhunderts. ) Ein Fotograf ist für sie nicht Künstler, sondern Übersetzer, der das Gesehene unverfälscht und mit Genauigkeit wiedergibt. Dabei kommen ihr ihre im Bauhaus erworbenen optischen Fähigkeiten für Räume und Strukturen der Großstadt, Proportionen und Perspektiven zugute.

1937 heiraten sie. 1938 wird Soupault vom französischen Premier Léon Blum in das französische Protektorat Tunesien geschickt, um dort die antifaschistische Radiostation "Radio Tunis" aufzubauen, dem Gegenstück zu Mussolinis faschistischem Sender "Radio Bari". Ré reist zum Fotografieren mit dem Fahrrad durch das Land. Aufgrund ihrer Bekanntschaft mit dem Scheik al Islam kann sie von den Frauen im tabuisierten "Quartier réservé" von Tunis Aufnahmen machen.

Das "Quartier réservé" ist, wie der Name sagt, ein abgeschlossenes Viertel, in dem alleinstehende Frauen, verwaist, verwitwet aber auch oft verstoßen, weil sie nur Mädchen geboren haben, von Prostitution & Bettelei leben müssen, weil ihre Familien sie nicht mehr aufnehmen. Ihr begrenzter Lebensraum wird hinter Türschwellen und vergitterten Fenstern durch Rés Fotos sichtbar. Spuren verwüsteter Schönheit sind in den Gesichtern der Frauen abzulesen, und immer scheinen sie nichts zu tun, als zu warten. 1988 werden die Bilder ihrer Reportage erstmals in einem Buch - Titel: "Eine Frau allein gehört allen" - veröffentlicht werden.

Zunächst lebt das Paar in einem kleinen andalusischen Palast aus dem 14. Jahrhundert „glücklich & zufrieden", bis die französische Marionetten-Regierung in Vichy Philippe Soupault im März 1942 wegen angeblichen Hochverrats sechs Monate lang ohne Gerichtsverfahren inhaftiert. Ré verbleibt lange im Ungewissen über sein Schicksal. Sie ist völlig isoliert, pflegt nur noch ihr Tagebuch. Sie weint so viel, "dass ich danach keine einzige Träne mehr hatte."

Am 13. November 1942, kurz nach der Haftentlassung, müssen sie, da aktenkundig als Gegner des Vichy - Regimes, vor der deutschen Nordafrika-Armee unter Erwin Rommel flüchten. Ré muss ihre gesamte fotografische Ausrüstung einschließlich ihres Archivs zurücklassen. Das Haus wird verwüstet und geplündert. Ré Soupault wird zwangsläufig zur Nomadin.

Fast ein Jahr lang bleiben sie in Algerien, dann bekommt Soupault im August 1943 von General Charles de Gaulle den Auftrag, in Nord-, Mittel- und Südamerika eine neue französische Nachrichtenagentur aufzubauen. Er kann ausreisen, Ré gibt sich als seine Sekretärin aus und darf deshalb mit. Mit Diplomatenpässen & Passwort kommen sie auf dem Schiff nach New York, wo sie auf viele Freunde im Exil, darunter Kurt Weill, Fernand Léger, André Masson, Herbert Bayer, Hans Richter und Marcel Breuer, treffen. Von New York aus unternehmen sie gemeinsam Reisen nach Kanada, Mexiko, Peru, ganz Südamerika, um die "Agence France Press" (AFP) zu organisieren. 

Das Nomadenleben geht weiter mit atemberaubender Geschwindigkeit. Ré wird bewusst, dass sie eine Fremde ist und bleibt. "Früher begeisterte mich alles Neue. Heute macht es mir beinah Angst." Soupault ist wie so oft der Star, gibt Interviews, wird überall eingeladen.

Erst als Rés Mann in Swarthmore, Pennsylvania als Dozent für französische Literatur unterkommt, werden sie kurzzeitig sesshafter, und Ré zimmert sich die Wohnungseinrichtung zurecht, darunter ein großer Tisch, weil es in Amerika üblich ist, dass die Gattinnen der Professoren die Studierenden zum Kaffee einladen... Der Krieg neigt sich dem Ende zu, Ré schöpft neue Kräfte, da bahnt sich die neue Katastrophe an: Sie heißt Muriel Reed , 21 Jahre alt, und ist eine Studentin ihres Ehemannes.

"Für mich war es, als hätte man mich über Bord geworfen und ich musste versuchen, zu schwimmen. Denn eine Frau allein, besonders unter diesen Umständen, ist noch immer weit gefährdeter als ein Mann allein, denn unsere Gesellschaft - in Europa und Amerika - ist von Männern für Männer geschaffen worden. " ( Quelle hier )

Sie geht allein nach New York, während Soupault mit der Geliebten nach Kriegsende nach Europa ausreist. Sie übernachtet im Wartesaal der Grand Central Station, auf der Gästecouch von Lotte Lenya ( siehe dieser Post ) oder bei anderen Freunden aus der Bauhaus - Gemeinschaft. Für US-Zeitschriften zeichnete Ré nun arabische Motive, fünf Dollar das Stück. Schließlich gibt Max Ernst ( siehe dieser und dieser Post ) sein Atelier auf, und Ré kann es übernehmen. Es ist ungeheizt, kostet aber nur ein Drittel von dem, was sie vorher für ein Zimmer gezahlt hat. Ein Suizidversuch misslingt.

Ihr Mann drängt sie, nach Paris zurückzukommen. Im Januar 1946 hört sie auf ihn. Man lebt ein paar Wochen zusammen, doch eine Versöhnung glückt nicht. Da in Paris der Hass gegen die Deutschen grassiert, versucht Ré es noch einmal in New York. Freunde vermitteln ihr 1948 dann eine Möglichkeit im schweizerischen Basel zu leben.

1950er Jahre
Über Lisa Tetzner ( siehe dieser Post ), die sie noch aus Berlin kennt, macht sie die Bekanntschaft mit Hans Oprecht, dem legendären Leiter der Büchergilde Gutenberg, und  beginnt abermals eine ganz neue Karriere, nun als Übersetzerin. Es sind die postum veröffentlichten Tagebücher von Romain Rolland ( siehe auch dieser und dieser Post ), die sie sich vorknöpft. Vier Franken bekommt sie pro Seite, hundert Seiten muss sie im Monat alleine für ihre Miete schaffen. Ihre berühmteste Übersetzung wird allerdings die von Lautréamonts Gesamtwerk, die bis heute gedruckt wird. 

1951 fährt sie mit ihrer Vélosolex - dabei wieder eine Rolleiflex vom Schwarzmarkt -  durch Deutschland für ihr Buch "Katakomben der Seele". Sie reist
"...nach Bayern, Niedersachsen und Schleswig-Holstein, um sich einen Überblick über die Situation von Flüchtlingen und Vertriebenen zu verschaffen. Sie besuchte u.a. die Flüchtlingslager Friedland, Dachau und Geretsried und führte Gespräche mit den Verantwortlichen der Lager, mit Politikern und mit vielen Flüchtlingen und Vertriebenen. Sie beschreibt die erschütternden Zustände in Massenunterkünften, berichtet über neue Flüchtlingssiedlungen, schreibt über Verlust der Heimat und die Hoffnungen für einen Neuanfang." ( Quelle hier )
Am 16. Oktober 1951 ist Ré nach 1500 Kilometern Reiseweg zurück in Basel. Ihr Reisetagebuch "Überall Verwüstung. Abends Kino" wird erst 2022 erscheinen.

In Basel beginnt sie auch für den Rundfunk zu arbeiten und verfasst im Laufe der Jahre 1955-86  für viele deutsche Sender wie das Abendstudio des Hessischen Rundfunks - allein für diesen Sender sechzehn Stück -  und das schweizerische Radio, u.a. über den Surrealismus, über Antoine de St. Exupéry ( siehe dieser Post ), den sie in Algerien getroffen und mit dem sie Schach gespielt hat, die Bartholomäusnacht und ihre eigene Adaptation von Voltairs "Candide" für Radio. Neben ihrer Arbeit studiert sie Philosophie bei Karl Jaspers und freundet sich mit dem Ehepaar an. 

1955, nachdem ihre kleine Basler Dachwohnung gebrannt hat, zieht Ré erneut nach Paris auf die Île Saint-Louis. Wieder über Lisa Tetzner hat sie Kontakt zum Verleger Ulf Diederichs bekommen. Für dessen Verlag schafft sie für die Reihe "Märchen der Welt" Anthologien, auch zusammen mit ihrem Ehemann, darunter "Märchen aus fünf Kontinenten". Diese Sammlungen sind bis heute zu erwerben.

Der Umgang mit ihm ist nie wirklich abgerissen: Er hilft ihr, wenn sie Kontakte knüpfen muss für ihre Radioessays, bei Übersetzungsgeschichten usw. Ihre Verletztheit ist & bleibt aber groß. So groß, dass sie sich schreibend damit auseinandersetzen muss: Es entsteht das Hörspiel "Der Besuch", vom SFB Ende 1964 gesendet. Dennoch liegt ihr diese Arbeit nicht besonders am Herzen. Sie wird auch nie zugeben, dass es ihre eigene Erfahrung ist.

Als Muriel Reed, inzwischen anerkannte Journalistin, dann 1965 aus einem Fenster im 5. Stock springt und nicht überlebt, ist der fast siebzigjährigen Philippe Soupault völlig verstört, so dass er nicht mehr in seiner Wohnung leben kann und sich in ein Zimmer des Hotels "Quai Voltaire" verkriecht. Es ist Ré, so sagt er selber, die ihm damals zum zweiten Mal das Leben rettet ( nach der Episode in Tunis ).

Über ein Filmprojekt 1967 zum Maler Wassily Kandinsky ( siehe dieser Post ), den sie noch am Bauhaus als Lehrer erlebt hat, kommen sie sich wieder näher. Ein letztes Mal richtet Ré 1973, wie sie es immer getan hat, für sich und Soupault ein Heim ein, regelt wieder den Alltag wie gewohnt. Allerdings wohnen sie jetzt in zwei kleinen, durch einen Flur getrennten Appartements in einer Altersresidenz nahe der Porte d'Auteuil. 

Schon 1946 bei ihrem damaligen Paris-Aufenthalt ist durch einen Zufall & eine glückliche Fügung ihr verschollenes fotografisches Werk, bestehend aus etwa 1500 Negativen und etwa 150 Vintage-Abzügen, wieder in ihre Hände gelangt. Sie hat die Negative in metallenen Zigarettendosen und die wenigen erhaltenen Abzüge damals in einen Schuhkarton gepackt. Es ist Vergangenheit gewesen, mit der sie sich nicht weiter mehr beschäftigen wollte. 

Seit 1981 unterhält Manfred Metzner, der eine zehnbändige Werkausgabe von Philippe Soupault für seinen Verlag "Das Wunderhorn" plant, Kontakt zu den Soupaults. 1987 fragt er Ré nach einem brauchbaren Foto ihres Mannes aus der Zeit in Tunesien. Sie erwähnt, dass sie Negative der Fotografien besäße, die sie in Tunis hat zurücklassen müssen, und drückt Metzner den hellgrauen Karton, mit einem weißen Schnürsenkel verschlossen, in die Hand. 

Der spontanen Begeisterung und dem beruflichen Interesse und Geschick des Verlegers ist es zu verdanken, dass von 1988 an diese Fotografien der Ré Soupault in mehr als 14 Ausstellungen und inzwischen acht Fotobänden des Verlags in verschiedenen thematischen Zusammenstellungen und biografischen Übersichten bekanntgemacht werden, und die Fotografin Ré Soupault neu entdeckt und in ihrer ganzen Bedeutung für die Künstler- und Intellektuellenszene der 20er und 30er Jahre gewürdigt wird. Die Reaktionen der Medien lässt sie endlich aus dem Schatten Philippe Soupaults heraustreten.

Ré Soupault ist fast 90 Jahre alt, als ihr Mann am 12. März 1990 in ihrem Beisein zu Hause stirbt. Sie zieht um in eine Zwei-Zimmer-Wohnung am Bois de Boulogne, erblindet allmählich, korrespondiert daher per Audiokassette. Mit drei übereinander gelegten Lupen liest & arbeitet sie weiter an der Veröffentlichung ihres Tagebuchs. 1994 wird sie zum "Mois de la Photo" in Paris eingeladen und eine Ausstellung im Pariser Goethe - Institut findet statt. 

Ré Soupault, müde vom Leben, stirbt am gleichen Tag wie ihr Mann, am 12. März im Alter von 95 Jahren 1996 in einem Krankenhaus in Versailles. Sie findet ihre letzte Ruhe in seinem Grab auf dem Cimetière de Montmartre. 

Kurz vorher ist noch ihr letzter Fotoband "Tunesien 1936–1940" erschienen. "Dass ich mit meinen paar Bildern noch so berühmt werde, kann ich nicht glauben", soll sie gegen Ende noch gesagt haben. Heute wird sie in eine Reihe gestellt mit den Fotografinnen Germaine Krull, Ilse Bing, Marianne Breslauer oder Gisèle Freund. 

Das Verborgene Museum in Berlin - Charlottenburg eröffnet zwei Monate nach ihrem Tod die Ausstellung "Ré Soupault – Photographien aus Paris 1934-1938", zu der Ré eigentlich noch anreisen wollte.

2007 dann gibt es im Berliner Martin-Gropius-Bau eine Retrospektive, die ab Februar 2011 unter dem Titel "Ré Soupault – Künstlerin im Zentrum der Avantgarde" in der Kunsthalle Mannheim, ergänzt um Briefe, Übersetzungen und Textmanuskripte, wieder aufgegriffen wird. Das bewegte Leben der Ré Soupault - sie hat in ihrem Leben alleine mehr als vierzig verschiedene Wohnsitze gehabt - und ihre vielfältigen Berufungen gerät dadurch immer mehr in den Blickwinkel der Nachwelt.
"Es hat sich immer das eine, fast gezwungenermaßen, aus Notsituationen heraus, zum anderen entwickelt, aber das Bemerkenswerte an diesem ganzen künstlerischen Leben für mich ist einfach, dass es immer von allerhöchstem Niveau war, egal, was sie gemacht hat", wird ihr Verleger & Nachlassverwalter über Ré Soupault sagen ( Quelle hier )
Für sie hat die Befreiung der Frau darin bestanden, sich kreativ zu verwirklichen, sei es als Zeichnerin & Modemacherin, Fotografin, Journalistin, Übersetzerin, Schriftstellerin - ihr umfang- & facettenreiches Lebenswerk zeugt davon, wie gebildet, präzise und von hoher ästhetischer Urteilskraft diese Frau gewesen ist.

Wer Fotos von Ré Soupault hier im Post vermisst: Die Urheberrechte verhindern dies. Hier sind welche zu finden.

                                                               

Zum Schluss wieder die Sammlung  der von mir porträtierten Frauen,
die in dieser Kalenderwoche und darüberhinaus
einen Gedenktag hatten:

Donnerstag, 6. Februar 2025

Great Women #406: Assia Djebar

Über den ägyptischen Nobelpreisträger Nagib Machfus bin ich Ende der 1980er Jahre auf den Schweizer Unions-Verlag aufmerksam geworden und in seinem Repertoire an internationaler Literatur auch auf die Bücher meiner heutigen Protagonistin gestoßen, der Algerierin Assia Djebar. Da sie heute vor zehn Jahren in Paris gestorben ist, war das Anlass genug, euch, liebe Leser*innen, mit ihr & ihrem spannenden Leben bekannt zu machen.

"Für mich ist es die erste Freiheit, 
die der Bewegung, 
der Verschiebung, 
die überraschende Möglichkeit, 
die eigene Macht zu haben, 
zu kommen und zu gehen, 
von drinnen nach draußen, 
von privaten zu öffentlichen Orten und umgekehrt."  

Am 30. Juni 1936 kommt Assia Djebar in Cherchell, der einstmals römischen Stadt Caesarea, als Fatima-Zohra Imalayène zur Welt. Die Stadt liegt an der algerischen Mittelmeerküste, rund 90 Kilometer von der Hauptstadt Algier entfernt. Assia ist das erste Kind ihrer Eltern Tahar Imalhayène, geboren 1911 in Gouraya in der Provinz Tipasa und nun Französischlehrer, und der fünf Jahre jüngeren Bahia Sahraoui.  Bald nach ihr kommt ein Bruder auf die Welt, der mit einem halben Jahr stirbt; ein weiterer Bruder wird fünf Jahre, eine Schwester acht Jahre nach Assia geboren werden, Sakina, über die nicht viel mehr bekannt ist, als dass sie später Endokrinologin werden wird.

Die Familie Imalayène,,
Assia rechts neben dem Vater
auf dem Foto ist vorne Maurice,
ein franz. Nachbarsjunge zu sehen 
Der Großvater väterlicherseits ist zur Zeit des bereits kolonialen Maghreb 1871 in eines der Sipahi-Regimenter der französischen Armee ( dort als Spahis bezeichnet ) eingetreten, die auch noch im 20. Jahrhundert in Algerien und Tunis Dienst in orientalischer Tracht leisten werden - freiwillig aus wirtschaftlicher Not oder mit Gewalt, das bleibt dem Mädchen dunkel. Die muslimischen Bauern sind nämlich durch die Kolonialherren einer Pauperisierung ohnegleichen ausgesetzt gewesen.

Als Spahi nimmt der Großvater am Kolonialkrieg der Franzosen gegen die Chinesen in Tonkin/Vietnam teil und ist später in der Ehrengarde in Paris bei Empfängen von Staatsgästen wie dem russischen Zaren beteiligt. 

Sein Sohn Tahar wird an der "L'École normale musulmane d'instituteurs de Bouzaréa" zum "Lehrer der Republik" ausgebildet - eine große Mission unter den gegebenen politischen Verhältnissen. Er unterrichtet als einziger Araber unter lauter Franzosen an der Grundschule von Mouzaïa die Sprache der Kolonisatoren. 1967 wird er erster Generaldirektor der CNEP, einer Art algerischer Sparkasse, werden. 

Die Mutter Bahia gehört zur angesehenen maurischen Familie Berkani, Berber, die in der Region des Berges Chenoua westlich der Hauptstadt zu Hause sind und die Chenouis genannt werden und eine ganz eigene Sprache sprechen. Die wird das Kind zu seinem späteren Bedauern nicht lernen. 

Ihre Großmutter, Lla Fatma Sahraoui, stammt von einem Kämpfer an der Seite von Abd el-Kader ab, der 1830 die Berberstämme in Westalgerien zum Widerstand gegen die französischen Kolonisatoren vereint & angeführt hat. Mit Abd el-Kader wird der Vorfahre auch das Exil in Marokko teilen. 

Mit diesem Hintergrund wird sich das Mädchen immer zwischen den Sphären bewegen: 

Sie wächst einmal hinein in eine Welt, deren Intimität und Zärtlichkeit sie oft beschwören wird, wiewohl es den Frauen verboten ist, aus der eigenen Haustür zu treten, hinaus auf die Straßen, in die Welt, unter der Weite des Himmels auch nur umherzulaufen, die singen und miteinander reden - wie ihre Mutter liebt sie andalusische Musik. Und dann ist da die Welt, in die sie der Vater eintreten lässt, in der er Anzug, Krawatte und eine Aktentasche, aber auch noch den roten türkischen Fez trägt, und sie schnell auf den Geschmack bringt am Lesen.

Mitidja - Ebene



An der Hand des Vaters geht sie an einem Herbstmorgen zum ersten Mal in die Schule von Mouzaïa, mit der Mutter dagegen immer donnerstags in den Hamam. Sie lebt in einer Stadt der Kolonialisierung, grau und staubig, während die andere Welt, leuchtend, voller Farben, Gerüche, Lieder, die der fruchtbaren Mitidja- Ebene ist, jener Region des Landes mit uraltem, landwirtschaftlichen und kulturellen Erbe, voller Weizen- und Gerstenfelder im Wind, Orangen-, Mandarinen- und Zitronenbäumen. Diese Quintessenz wird unbestreitbar eine unerschöpflich inspirierende Quelle für die Schriftstellerin werden. Später wird sie einmal von diesem "Planeten" sprechen, einem "der von wunderschönen Geschöpfen namens Frauen bewohnt wird, die körperlich und geistig so schön sind, dass keine Tortur, nicht einmal der Anblick von uns, sie entstellen kann."

Anders als in ihrer eher westlich beeinflussten Familie leben Assias Cousinen ​​und weiblichen Verwandten von ihrer Verheiratung bis zum Einsetzen des Alters zurückgezogen, vor den Blicken, dem Kontakt und dem Einfluss von Ausländern verborgen. Im Algerien des 19. Jahrhunderts mag das eine Strategie zur Wahrung der Identität gewesen sein, nun ist es zu einer geradezu vollkommenen Unterdrückung des schönen Geschlechts geworden. Auch Assias Mutter kann nicht unverhüllt auf die Straße gehen und  ist hierbei auf die Begleitung ihrer Tochter angewiesen. Die Ehe der Eltern löst sich allerdings vorsichtig aus diesen Traditionen, sie nennen sich beim Namen, statt sich mit "Mann" und "Frau" anzusprechen.

Im frühen Kindesalter fühlt sich Assia durchaus als "Tochter ihres Vaters". Seine Idealisierung erfährt einen ersten Riss, als er ihr das Fahrradfahren verbietet, weil er meint auf dem Fahrrad zeigt sie ihre Beine. Gegenüber der Heranwachsenden erweist er sich als Sittenwächter von puritanischer Strenge, obwohl er sich doch dem Aufstieg seiner Tochter in die Welt der Bildung nicht widersetzt und seiner Frau eine wirkliche Gleichberechtigung ermöglicht, ja sogar daraus eine neue Kraft, neuen Schwung gewonnen hat.

Collège de  Blida
Assias Welt wird schnell die der europäischen Bildung sein: 

Zunächst besucht sie neben der Grundschule noch eine private Koranschule, als eines von zwei Mädchen unter lauter Jungen. Was sie dort erwirbt ist neben dem Glauben ein ungewöhnliches Durchsetzungsvermögen. 

Es folgt das Internat des "Collèges de Blida" in Algier, wo sie sich, da sie kein klassisches Arabisch lernen kann, Latein, Griechisch und Englisch aneignet – und   französische Literatur zu lesen beginnt: die von André Gide, von Paul Claudel, von Marcel Proust - die gesamte französische Literatur dieser ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Diese Leidenschaft teilt sie mit einer gleichaltrigen Freundin mit italienischen Wurzeln, die Assia auch davor bewahrt, sich in sich selbst zurückzuziehen, und die mit ihr kleine Fluchten in die Welt außerhalb des Internats unternimmt.

Im Collège ist sie das einzige muslimische Mädchen, weshalb sie unerschütterlicher in ihren Überzeugungen wird. Es ist aber auch eine Zeit der vorsichtigen Kontakte zwischen den Geschlechtern. Als sie einen Brief von einem Studenten erhält, der um eine Brieffreundschaft nachsucht, reagiert der Vater heftig. Trotz seiner Aufgeklärtheit im Sinne der Französischen Revolution und seiner Überzeugung von den Vorzügen der Bildung, wird er, wie Assia später schreibt, zum "Bewacher des Gynäkeions". 

Mit siebzehn Jahren wirft sich Assia nach einem Streit mit ihrem (Brief-) Freund vor eine Straßenbahn, kommt aber glimpflich davon. Was da in ihr vorgegangen ist, wird sie immer wieder, auch literarisch beschäftigen. Sie sieht es aber auch auf dem Hintergrund der beginnenden Auseinandersetzungen mit dem Kolonialherren, der ab 1954 in einem bewaffneten Konflikt mit einer Dauer von acht Jahren münden ( Algerienkrieg ) wird. Zu diesem Zeitpunkt besucht sie schon die sogenannte Hypokhâgne ( Vorbereitungsklasse auf ein Studium ) des Bugeaud-Gymnasiums in Algier. Der Vater hat keine Einwände gegen den Vorschlag ihres Direktors, dass seine nunmehr achtzehnjährige Tochter anschließend die Khâgne ( letzte Vorbereitungsklasse ) an der "École Normale Supérieure" am Lycée Fénelon in Paris absolvieren soll.

1954 überquert Assia also zum ersten Mal das Mittelmeer. Sie findet sich wieder unter den Söhnen & Töchtern der Pariser des Boulevard Saint-Germain und des Boulevard Saint-Michel im Herzen des Quartier Latin. Mit ihrer Lehrerin Dina Dreyfus, Ehefrau des renommierten Ethnologen Claude Lévi-Strauss, hat sie Glück. Im Jahr darauf tritt sie in "École Normale Supérieure" in der Rue de Sèvres ein. Dort möchte sie das literarische Arabisch lernen. 1956 beschließt sie, der Streiklosung der UGEMA, der Allgemeinen Union algerischer muslimischer Studenten, zu folgen und legt ihre Prüfungen nicht ab. Sie wird deshalb aus der Schule ausgeschlossen. 

Bei dieser Gelegenheit verfasst sie ihren ersten Roman "La Soif". Um ihre Familie nicht zu schockieren, nimmt sie den nom de plume Assia Djebar an: Assia bedeutet im Arabischen "Trost" und Djebar "Unnachgiebigkeit". Im Mittelpunkt des auf Deutsch erst 1993 erschienenen Romanes steht die 20jährige Nadia, Tochter eines Algeriers und einer Französin. Die Autorin beschreibt darin genüsslich und völlig unüblich in der Literatur ihres Heimatlandes die Freuden körperlicher Liebe. Kein Wunder, dass die französische Kritik das Werk mit "Bonjour tristesse" von Françoise Sagan  (siehe dieser Post ) vergleicht.

Schon im nächsten Jahr veröffentlicht Assia "Les Impatients" (dt: "Die Ungeduldigen"). Wieder steht mit Dalila eine Frau im Mittelpunkt, deren psychologische & körperliche Befindlichkeit von der jungen Schriftstellerin einfühlsam u. vielschichtig beschrieben wird. Die junge Frau möchte ihre Liebe zu Salim offen zeigen und lehnt alle Angebote ab, die darauf hinauslaufen, altbewährte Arrangements für die Situation zu finden, um ihrem Bruder die Liebe zu verheimlichen. Weil sie nicht lügen will, ist sie bereit, sich einsperren zu lassen. Schließlich folgt sie dem Geliebten nach Paris. Hier haben wir es mit einem frühen, wenn nicht dem frühesten Werk dieses Genres in der islamischen Welt zu tun...
"Die Erziehung, die ich von meiner Mutter und anderen Verwandten erhielt, basierte auf zwei unumstößlichen Regeln: erstens, sprich nie über dich selbst; und zweitens, wenn es sich gar nicht vermeiden lässt, so sprich zumindest anonym." Daran hält sich die Zwanzigjährige in ihren Romanen nicht.
1957 ist ihr eigener Bruder Samir den algerischen Maquis beigetreten. Er wird verhaftet, freigelassen, wieder in den Widerstand gehen und wieder verhaftet werden. Kurz vor 1960 findet Assias Mutter den Mut und genug Energie, um ebenfalls das Mittelmeer zu überqueren und kreuz und quer durch Frankreich zu reisen, von Gefängnis zu Gefängnis, um ihren Sohn zu suchen - für eine muslimische Frau ihrer Generation ein kühnes Unterfangen. 

1960
Assia selbst heiratet 1958 jenen Freund, vor dem sie fünf Jahre zuvor im Streit geflohen & unter die Straßenbahn geraten ist, den Schriftsteller & Theatermann Ahmed Ould-Rouis, unter dem Pseudonym Walid Garn Mitglied der FLN wie Assias  Bruder und in Frankreich politisch verfolgt. Mit ihm geht sie über die Schweiz nach Tunesien, wo sie als Investigativjournalistin für die Zeitung "El Moudjahid" arbeitet und auf die Not der Flüchtlinge der bombardierten Stadt Sakiet-Sidi-Youssef aufmerksam macht ( literarisch erst verarbeitet in "Les Allouettes naives" 1967 ).

Schließlich kann sie, von General de Gaulle 1959 als "literarisches Talent" anerkannt, ihr Geschichtsstudium wieder aufnahmen und gleichzeitig zeitgenössische Geschichte des Maghreb an der Fakultät für Literatur in Rabat lehren. Sie arbeitet zudem an einer Diplomarbeit über die Schutzpatronin von Tunis am Ende des 12. Jahrhunderts, Aïcha El Manoubia. Am 1. Juli 1962 kann Assia nach Algerien zurückkehren und wird Professorin an der Universität Algier, die einzige, die Kurse zur modernen und zeitgenössischen algerischen Geschichte abhält. In dieser Zeit des postkolonialen Übergangs stellt sich die Frage nach der Unterrichtssprache: Ihr wird Unterricht in Arabisch auferlegt, was sie ablehnt und woraufhin sie Algerien verlässt.

Weil Assia akzeptieren muss, dass sie keine eigenen Kinder bekommen kann, adoptiert sie 1965 Mohammed und 1966, zurück in Paris, Djalila. Sie widmet sich jetzt ihrer Familie statt zu schreiben: Nach "Les Allouettes naives" folgt ein jahrelanges Schweigen, über das sie sich selbst manchmal wundern wird.  Es sind ihre Scharnierjahre - "années charnière". Aber sie hat sich jetzt für das Kino entschieden und ist begeistert von dieser neuen Ausdrucksform. 

Film Still
In "La Nouba des Femmes du Mont Chenoua" (1977) und "La Zerda, ou les Chants de l'oubli" (1979/1982 ) begleitet ein oft dürftiger fiktiver Faden die Frauenstimmen. Das Algerien, in dem sie gelebt hat und ihre Mütter und Schwestern, das der Gefangenschaft und des Schweigens, das des Krieges, des Schreckens, das der Hoffnung, wird dort auf eine sehr einfache Weise erzählt. Es ist Alltag, den sie filmt. Und sie fordert damit die offiziellen algerischen Narrative heraus, die nach der Unabhängigkeit die grosse kulturelle und sprachliche Diversität des Maghreb eingeebnet haben. 

Der erste Film wird auf der Biennale von Venedig gezeigt, wo er den Internationalen Kritikerpreis gewinnt ( es ist nur noch eine einzige digitale Kopie des Films vorhanden), der zweite 1983 den Sonderpreis der Berlinale für den besten historischen Film. Beim zweiten Film hat sie schon mit ihrem gleichaltrigen Dichterkollegen Malek Alloula zusammengearbeitet, den sie 1980 heiraten wird. Von ihrem ersten Mann hat sie sich bereits im Oktober 1975 scheiden lassen, nachdem sie im Jahr zuvor nach Algier zurückgekehrt ist, um dort an der Fakultät für Geschichte zu lehren und dann Kurse für französischsprachige Literatur und Kino zu geben.

Eugène Delacroix "Die Frauen von Algier"
(1834)
1980 auch kehrt sie mit einem Buch mit Kurzgeschichten mit dem Titel "Les Femmes d'Algiers" zurück auf die literarische Bühne. In ihm beschreibt sie die Lage algerischer muslimischer Frauen, die zwischen zwei Ideologien, zwei Identitäten und zwei Welten gefangen sind. Im Gegensatz zu Eugène Delacroix' berühmten Bild lüftet Assia Djebar den Schleier über ihnen und zieht den Hut vor ihrem Mut und ihrer Würde.

Bei ihrem nächsten Buch - " L'Amour, la fantasia" (1985; dt. "Fantasia" der "Algerischen Tetralogie 1. Teil" ) "schneidet" sie wie bei einem Film Szenen aus der historischen Tragödie ihres Landes gegen solche autobiografischer Natur, die von ihrer Kindheit und Jugend erzählen. Es zeigt sich, dass sie eine gewissenhafte Historikerin ist, die die Quellen in Algerien wie Frankreich konsultiert hat. Im intimen Teil des Buches erteilt sie hauptsächlich den Frauen das Wort - bei den Männern ist das nicht nötig, sie haben es ja. Und davon berichtet Assia. Es wird ihr bekanntester Roman, der sie in die Kategorie der wirklich gefeierten Schriftsteller aufnimmt.

Es folgt "L'Ombre sultane" (1987, dt: "Die Schattenkönigin" ) der "Algerischen Tetralogie, 2. Teil" - das Buch, mit dem ich ihre Bekanntschaft gemacht habe. Sie schreibt darin von einer Frau, die in ihrem Pariser Exil das Glück erotischer Erfüllung gefunden hat, aber wie von einem Schatten vom Unglück einer Frau verfolgt wird, die in Algerien an ihrer Stelle in der Unterordnung unter den Ehemann lebt und verkümmert. Sie beschwört mit diesem Text die weibliche Verbundenheit. Für das Buch erhält sie den LiBeraturpreis des Ökumenischen Zentrums Frankfurt.

1990
1991 lädt uns ihr Buch "Loin de Médine. Filles d'Ismaël"  ( dt. "Weit weg von Medina" ) zu einer Reise ein, mit ihr die letzten Tage des Propheten Mohammed in seiner Stadt zu erleben, um die Frauen, die ihm nahe stehen, darunter seine Tochter Fatima, besser zu verstehen oder gar erst zu entdecken.

Der dritte Teil der "Algerischen Tetralogie", "Vaste est la prison" (1995; dt. "Weit ist mein Gefängnis" ) bringt ihr den Maurice-Maeterlinck-Preis ein. Der Titel zitiert übrigens ein Berberlied: "Weit ist das Gefängnis, das mich erdrückt, woher soll mir die Erlösung kommen?" Die Ehrendoktorwürde der Universität Wien wird ihr in dem Jahr verliehen. Eine ebensolche  erlangt sie in Montreal und Osnabrück.

Inzwischen hat die algerische Tragödie von Neuem begonnen: Jetzt werden keine Dorfbewohner mehr ermordet, jetzt sind es die Intellektuellen in den Städten, die den Preis für ihre Meinungsfreiheit zahlen. Ihr Schwager, der Dramatiker Abdelkader Alloula, ist darunter, mit einer Kugel durch den Kopf ermordet. In "Le Blanc d'Algérie" ( 1996; dt. "Weißes Algerien" ) schreibt sie von all den tragischen Todesfällen, die ihr Land ihr beschert und die sie in tiefen Schmerz versetzen und sie mischt sich erstmalig direkt ins politische Geschehen ihrer Heimat ein. Als Romanautorin überträgt sie diese Idee des Todes auch auf die Sprache in "Oran, langue morte" ( dt."Oran - Algerische Nacht" ) ist der Titel eines 1997 veröffentlichten Romans, für den sie den Yourcenar - Preis ( siehe auch dieser Post ) erhält. 

Ein weiterer Roman "Les Nuits de Strasbourg" ( dt: "Nächte in Straßburg" ) erscheint ebenfalls in dem Jahr. Er erzählt von einer Kunsthistorikerin Thelja, die neun Nächte mit ihrem wesentlich älteren Geliebten in Straßburg verbringt und gleichzeitig über ein verlorenes Manuskript der Äbtissin Herrad von Landsberg schreibt. Die sinnliche Beschreibung der Liebesnächte steht neben kunstvoll eingewobenen Geschichten zahlreicher anderer Paare, die sich finden und trennen.

Trennen wird sich Assia auch von ihrem Mann, 1999, dem Jahr, in dem sie zum Mitglied der Königlichen Akademie für französische Sprache und Literatur Belgiens gewählt wird und die Medaille der Frankophonie der Académie Française verliehen bekommt.  Zwei Jahre zuvor hat sie eine Professur für französische und frankophone Studien an der Louisiana State University übernommen.
 
2006

Literaturpreise und Auszeichnungen prasseln auf Assia Djebar ein, darunter 2000 auch der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels für ihr Gesamtwerk. Schließlich wird Sie am 16. Juni 2005 von den 40 "Unsterblichen" in die Französische Akademie aufgenommen. Die Presse, die breite französische Öffentlichkeit, die die Schriftstellerin endlich wirklich entdecken, feiern diese Wahl als einen Triumph für die französischsprachige Welt. Assia ist die erste Schriftstellerin aus Nordafrika, die in die Organisation gewählt worden ist und überhaupt erst die fünfte Frau...

Abgesehen von einer Erklärung der ehemaligen Kulturministerin Khalida Toumi und einigen Presseartikeln fehlt in ihrem Heimatland eine offizielle Anerkennung - als ob eine gewisse Schande dabei wäre, dass eine algerische Schriftsteller*in in diese Institution der ehemaligen Kolonialmacht integriert worden ist. Das Land, das sie beständig geliebt hat, gibt es ihr nicht im gleichen Maße zurück. "Es reichte nicht, dass sie sie mit Albert Camus verglichen haben! Sie haben sie nicht einmal ins Arabische übersetzt! Wir können ihre Bücher nicht einmal in Algier finden", protestieren einige ihrer Verwandten einmal entnervt.




2002 und 2003 sind noch zwei Romane von ihr erschienen - "La femme sans sépulture" ( dt: "Frau ohne Begräbnis" ) und "La Disparition de la langue française" ( dt: "Das verlorene Wort" ) 2007 kommt "Nulle part dans la maison de mon père"  ( dt: "Nirgendwo im Haus meines Vaters" ) heraus. Was immer fehlen wird: der vierte Teil der "Algerischen Tetralogie". 

Denn es wird still um Assia Djebar: Sie erkrankt an Alzheimer und stirbt am 6. Februar 2015 in einem Krankenhaus in Paris. Malek Alloula, von dem sie seit 2005 geschieden ist, ereilt dasselbe Schicksal neun Tage später in Berlin. Überlebt wird sie von ihrer inzwischen 97jährigen Mutter, ihrem Bruder wie der Schwester, die sie in ihrem Geburtsort mit der Tochter Djalila und deren Kindern am 15. Februar 2015 nach dem Freitagsgebet zu Grabe tragen.

Die algerische Schriftstellerin hinterlässt ein Werk, welches mehr als 15 Romane sowie Kurzgeschichten, Essays und Gedichte umfasst. Ihre Bücher sind in über fünfzehn Sprachen übersetzt. Aus allen Arbeiten kann frau die gleiche Beobachtung ziehen: Wenn es eine Haltung gibt, die bei Assia Djebar völlig fehlt, dann ist es Populismus oder Demagogie.
"Die französische Sprache ist zumindest schriftlich zu meiner geworden. Französisch ist daher der Ort, an dem meine Arbeit erforscht wird, der Raum meiner Meditation oder meiner Träumerei, vielleicht das Ziel meiner Utopie, ich würde sogar sagen: Tempo meiner Atmung, Tag für Tag."
                                                                                          
                                                                                      

Und wie immer zuletzt, die...