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Donnerstag, 19. September 2024

Great Women #391: Eglantyne Jebb

Die heutige "Great Woman" und ich haben eines gemeinsam: die Wertschätzung für Kinder in aller Welt und den Beruf der Lehrerin. Das war's dann aber auch schon. Aber es hat gereicht, mich auf Eglantyne Jebb neugierig zu machen. Für mich hat es sich gelohnt, für euch, liebe Leser*innen hoffentlich dann auch...


"Jeder Krieg ist ein Krieg gegen Kinder."
.....
"Die Welt ist nicht knauserig, 
aber einfallslos und sehr geschäftig."

Eglantyne Doey Jebb erblickt am 25. August 1876 in Ellesmere, einer Kleinstadt in der Grafschaft Shropshire in den englischen West Midlands das Licht der Welt. Ihre Mutter ist Eglantyne Louisa Jebb, in Dublin geboren, der Vater Arthur Trevor Jebb, ein Cousin seiner Frau, Rechtsanwalt und Landbesitzer in Shropshire - ein "großartiger alter Tory" (O-Ton: Eglantyne).

Die Familie ist entsprechend wohlhabend, aber mit einem starken sozialen Gewissen ausgestattet und engagiert im sozialen Leben: Der Vater ist Mitbegründer der "Ellesmere Literary and Debating Society", die sogar Themen wie den Staatssozialismus diskutiert. Die Mutter wird später, 1884, die "Home Arts and Industries Association", Teil der britischen Arts-and-Crafts-Bewegung, gründen, um Kunst und Handwerk unter jungen Leuten auf dem Land zu fördern. Ihr Ziel ist es, der sozialen Verelendung infolge ungeregelter Industrialisierung entgegenzuwirken. 

Als Frau der oberen Mittelschicht muss sie nicht arbeiten wie die Frauen der unteren Klassen, kann sich ganz auf die Haushaltsführung konzentrieren. Dennoch stellt sie sich für ihre Töchter ein befriedigenderes Dasein vor. Der Vater ist da skeptischer, befürchtet er doch, seine Töchter könnten Blaustrümpfe werden und würden ihren Wert auf dem Heiratsmarkt damit senken. Er überlässt allerdings seiner Frau die erzieherische Richtung.
The Lyth
 

Eglantyne wächst mit ihren fünf Geschwistern - Emily (*1872), Louisa (*1873), Richard (*1874), Arthur (*1879) und Dorothy (*1881) - auf "The Lyth", dem schönen Anwesen ihrer Familie, auf. 

Die Kinder werden zu Hause größtenteils von der unkonventionellen Schwester ihres Vaters unterrichtet, einer viktorianischen "neuen Frau", die sie und ihre Geschwister in Dinge wie Tischlerei, Angeln und das Schmelzen von Blei zum Gießen von Kugeln einführt. Sie reiten auf ihren Pferden aus, nehmen später an vornehmen Tanzabenden teil, wie es in  den adligen Kreisen ihrer Umgebung üblich ist. 

Doch die Eltern ermöglichen ihnen auch einen Blick über den Tellerrand, dadurch, dass sie sich für ärmere Mitmenschen einsetzen. So lernen die Jebb-Kinder, dass es nicht allen so gut geht wie ihnen selbst. Kinderarbeit ist im damaligen England noch legal – für zehn Stunden täglich –, ein Schulbesuch keineswegs selbstverständlich. Eglantyne findet das ungerecht. "Die Welt ist falsch", meint das Mädchen schon in sehr jungen Jahren gegenüber ihrer Schwester. 

Eglantyne, eine komplexe Persönlichkeit, äußerlich eine typische "englische Rose" mit goldrotem Haar und entsprechendem Teint, ist nicht bereit, den engen Horizont zu akzeptieren, der ihr als junger Frau in jenen Zeiten in Bezug auf ihren Lebensentwurf gesetzt wird, und lehnt sich entsprechend gegen die Klassen- und Geschlechterbeschränkungen auf. Sie gilt als ziemlich dickköpfig und macht sie sich daran, die Welt zu "verbessern". 

Zunächst studiert sie in Oxford Literatur, nachdem dort ein erstes College für Frauen eröffnet worden ist. Sie begeistert sich für den Amerikaner Henry David Thoreau und sein Buch "Walden. Or Life in the Woods" - heute ein Klassiker der Alternativkultur. Das von ihm beschriebene bescheidene und ausgewogene Leben zieht sie dem ihrer Kommilitonen vor, die Theaterstars anhimmeln und sich für Partys und Kleider interessieren. Für sich wünscht sie sich ein sinnvolleres Leben vor.

Dazu gehören allerdings keine leiblichen Kinder, nachdem sie mitbekommen hat, wie eine Mitstudentin, die als Tutorin tätig gewesen ist, heiratet und im Jahr darauf im Kindbett stirbt. Für Männer interessiert sich Eglantyne sowieso nicht, auch wenn sie einige Bewunderung erfährt. 

Ihre einzige engere Liebesbeziehung ist die zu Margaret Keynes, der um einiges jüngeren Schwester des berühmten Ökonomen John Maynard Keynes: "Was auch immer passiert, ich gehöre Dir", schreibt sie der. Sie könne nicht ohne sie leben. Tiefe Frauenfreundschaften gelten damals als "rein". Doch das Verhältnis zu Margaret ist mehr als spirituelle Kameradschaft, gemeinsamen Wanderungen in den Dolomiten usw....

Die Freundin beschließt jedoch irgendwann, dass für sie eine konventionelle Ehe in Frage kommt und heiratet 1913 den späteren Nobelpreisträger & Physiologen Archibald Vivien Hill und bekommt mit ihm vier Kinder. Zwanzig Jahre werden die beiden Frauen weiterhin brieflich in Kontakt bleiben, aber Eglantyne will nicht "Tante" für Margrets Kinder sein. "Sie war wirklich glücklicher, wenn keine da waren", so andere Freundinnen.

Eglantyne kehrt also der persönlichen Romantik den Rücken. Keine eigenen Kinder heißt aber nicht, gar keine Kinder, gibt es doch zu viele, die es zu retten gilt: Deshalb entscheidet sie sich für den Beruf der Lehrerin ( was ihre Mutter dann doch nicht wirklich gutheißt ) und nimmt ein entsprechendes Studium auf, welche sie 1898 abschließt. Dann unterrichtet sie  an der St. Peter's School in Marlborough - bis zu 60 Kinder in einer Klasse, laut & "unerzogen". "Little wretches" – "kleine Schurken" – nennt sie die Jungen und Mädchen.

"Kinder sind mir egal. Unterrichten ist mir egal ... sie fallen mit Geschrei und Geheul und unartikulierten Lauten über mich her wie Schweine, wenn sie Futter kommen sehen."

In ihr wächst die Überzeugung, nicht talentiert für den Beruf zu sein, den Kindern nichts Gutes zu tun. "Der Wert meiner Arbeit ist gleich Null", schreibt sie offen & selbstkritisch. "Ich habe keine der Qualitäten einer Lehrerin."

1906
CC BY-SA 3.0

Nicht verwunderlich, dass sie oft krank ist. Schließlich ergibt sich um die Jahrhundertwende die Gelegenheit auszusteigen und die kranke Mutter in Cambridge zu pflegen. Sie engagiert sich vor Ort in der Sozialarbeit - auf Veranlassung einer Schwägerin Margarets in der "Charity Organisation Society", deren Ziel es ist, einen modernen wissenschaftlichen Ansatz in die Wohltätigkeitsarbeit einzubringen. Für diese Organisation übernimmt sie eine soziale Studie über die schlechten Arbeits- und Lebensbedingungen, besonders aber die Kinderarmut in der Stadt. In ihrem abschließenden Bericht 1906 äußert Eglantyne sich allerdings skeptisch darüber, ob die Wohltätigkeit der Oberschicht bei der Beseitigung der schlechten Lebensbedingungen überhaupt eine Rolle würde spielen können.

Dorothy Buxton
Ihre jüngste Schwester Dorothy, eine noch pragmatischere Idealistin als sie, ist mittlerweile mit dem liberalen Abgeordneten Charles Roden Buxton verheiratet und in Kennington lebend, damals ein armes Viertel im Süden Londons, um unter den Menschen zu sein, deren Not sie zu lindern versuchen. Diese Dorothy also bringt die Ältere dazu, in eines ihrer Projekte einzusteigen.

Das Ehepaar Buxton hat eine internationale Ausrichtung: Charles hat 1903 geholfen, den Mazedonischen Hilfsfonds zu gründen als Reaktion auf das Massaker des Osmanischen Reichs an mazedonischen Aufständischen. 

Als sich in diesem Landstrich Europas 1912 eine zweite humanitäre Krise anbahnt, ermutigt Dorothy ihre Schwester, im darauf folgenden Jahr in die Region zu reisen, um bei der Organisation der Verteilung der Mittel zu helfen. Die Auswirkungen des Krieges auf die Zivilbevölkerung kann sie auf diese Weise aus erster Hand miterleben. 

Die Notlage der albanischen Flüchtlinge aufgrund ethnischer Säuberungen durch kriegerische Serben erschüttert die 37jährige in ungeahntem Maße: Schreckliche Massaker, niedergebrannte Dörfer und der Hungertod für die Vertriebenen sieht sie mit eigenen Augen. Versuche, in England Mittel zu beschaffen zwecks Unterstützung dieser Menschen, scheitern & zeigen eine Gleichgültigkeit gegenüber den "barbarischen Balkaniern" ohnegleichen.

Dorothy ist es dann auch, die nach Ausbruch des 1. Weltkrieges die ältere Schwester in ihre aktuellsten Aktivitäten miteinbezieht: Als die nämlich konstatiert, wie das deutsche Volkes in der britischen Presse dämonisiert wird, beginnt sie ausländische Zeitungen zu importieren, um den Widerstand gegen den deutschen Militarismus in Deutschland belegen zu können. Eglantyne ist mit von der Partie, als Dorothy zwischen 1915 bis 1920 die "Notes from the Foreign Press" herausbringt und dafür ein Team von Übersetzern, Schreibkräften und Experten für außenpolitische Angelegenheiten rekrutiert wird.  Die Veröffentlichungen der Schwestern belegen, dass das Alltagsleben in den Feindesländern weitaus schlimmer ist, als es die Regierungspropaganda verlautbart. Ihre Aktivitäten kommen bei den englischen Mitbürgern nicht gerade gut an. Doch Dorothy steht unter dem besonderen Schutz von David Lloyd George, dem damaligen Schatzkanzler.

Während andere 1918 den Sieg feiern, gründet Eglantyne mit ihrer Schwester einen Hungerrat für Europa, der "Fight the Famine Council". Infolge der anhaltenden Blockade der Alliierten, die sogar nach der Unterzeichnung eines Waffenstillstands beibehalten wird, hungern nämlich Millionen Österreicher, Deutsche und ihre Nachbarn, insbesondere deren Kinder. Der Rat entsteht aus dem neu aufkommenden Geist des Internationalismus, der sich als Reaktion auf die Schrecken des Krieges entwickelt hat. Ziel ist, die britische Regierung zur Beendigung der Blockade zu bewegen.

Als Eglantyne auf dem Londoner Trafalgar Square Flugblätter mit drastischen Bildern von hungernden österreichischen Babies verteilt, wird sie mit faulen Äpfeln von einer aufgebrachten Meute beworfen.

"Verrückt war das, dachten nicht wenige. Wir sollen die Söhne und Töchter derjenigen aufpäppeln, die unsere Verwandten getötet haben? Manche glaubten sogar, das sei geradezu gefährlich. Denn die Kinder, denen Eglantyne Essen, Kleidung und Medizin bringen wollte, würden heranwachsen und bestimmt den nächsten Krieg anzetteln," erinnert Kathrin Hörnlein in der "Zeit" an die damalige Situation vor 105 Jahren.

Der Aufruhr ruft die Polizei auf den Plan, und diese verhaftet die mutige Eglantynee wegen unerlaubten Verteilens von Flugblättern.  Ihr wird der Prozess gemacht, eine Strafe von fünf Pfund verhängt, die allerdings sogleich der  Staatsanwalt übernimmt, gleichsam als Spende für den FFC. Selbst Sir Archibald Bodkin, der Chefankläger der Krone, spendet Geld für die hungernden deutschen Kinder. 

Eglantyne Jebb ist jetzt richtig berühmt und trägt trotz der juristischen Niederlage am Ende den moralischen Sieg davon.

Der Widerstand & das Unverständnis in der Öffentlichkeit lässt sich allerdings nicht weg argumentieren. Den beiden Frauen wird langsam klar, dass ihre Organisation als zu politisch empfunden wird, da mit liberalen, sozialistischen & pazifistischen Anschauungen & Organisationen verknüpft. Das muss sich Um Erfolg in der Sache zu haben, muss sich das ändern, denn es braucht die Unterstützung der konservativeren britischen Öffentlichkeit. Rechte Medien werfen den Schwestern nach wie vor vor, sie würden helfen, die nächste Generation deutscher Soldaten und russischer Bolschewisten heranzuziehen.

Vier Tage nach ihrer Verurteilung rufen Eglantyne & Dorothy eine Versammlung für Frieden & Versöhnung in der Royal Albert Hall ein. Viele wütende Mitbürger kommen auch dorthin, mit vergammeltem Obst in der Tasche, um es auf die Frauen auf der Bühne zu werfen. Wie es trotz dieser gereizten Stimmung gelingt, an jenem 19. Mai 1919 die Organisation "Save the Children Fund" zu begründen, habe ich an keiner Stelle herausfinden können. Eglantyne ist keine gute Rednerin, sie spricht nur leise. Aber ihr kurzer, eindeutiger Beitrag weiß offensichtlich zu berühren.

Die Leitung der Hilfsorganisation geht an sie, die offensichtlich keinen speziellen politischen Ruf hat.

"Wir haben eine Regel", hat sie erklärt, "wir müssen den Kindern helfen, ganz gleich, aus welchem ​​Land sie kommen oder welcher Religion sie angehören." Durch ihre umfangreiche Öffentlichkeitsarbeit mit Hilfe eines extra eingestellten Public-Relations-Spezialisten  namens Lewis Golden - darunter ganzseitige Anzeigen in der "Times" - gewinnt sie die Unterstützung vieler Prominenter, u.a. George Bernard Shaw und Thomas Hardy. Sie fordert den Papst und die anderen Kirchen zu Spenden auf. Schließlich bekommt sie 29 Millionen Pfund zusammen.

Speisung von Kindern durch den SCF in einer "Kakaostube" in Berlin-Charlottenburg
(1920)












Nachdem sich die Situation in Deutschland & Österreich entspannt hat, rückt die Flüchtlingskrise in Griechenland und den umliegenden Gebieten in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit des Fonds, eine Folge des anhaltenden Konflikts in der Region. Und als  diese Notlage unter Kontrolle ist, folgt 1921 eine noch größere Misere, eine Hungerkatastrophe in Russland ( nein, nicht der Holodomor, das ist ca. zehn Jahre später ).

Hungersnot in Russland 
(1921)
Spätestens ab da wird Eglantynes Engagement für Kinder zu ihrer Lebensaufgabe – und aus dem Fonds die permanente Hilfsorganisation "Save the Children". Diese wird in Genf unter der Gönnerschaft des Roten Kreuzes ins Leben gerufen. Eglantynes Lobbyarbeit zugunsten der Kinder trägt inzwischen generell zum  Ausbau der Handlungskompetenzen der betreffenden internationalen Organisationen bei. 

Um die Position der Schwächsten in Zukunft zu stärken, macht sie das Magazin "The World’s Children" zu ihrem Sprachrohr. Darin veröffentlicht sie 1923 die erste Erklärung der Rechte der Kinder, welche ein beachtliches Medienecho erfährt.

Das führt wiederum dazu, dass der Völkerbund diese im Jahre 1924 unter dem Namen "Genfer Erklärung" adoptiert:

1. Das Kind soll in der Lage sein, sich sowohl in materieller wie in geistiger Hinsicht in natürlicher Weise zu entwickeln. 
2. Das hungernde Kind soll genährt werden; das kranke Kind soll gepflegt werden; das zurückgebliebene Kind soll ermuntert werden; das verirrte Kind soll auf den guten Weg geführt werden; das verwaiste und verlassene Kind soll aufgenommen und unterstützt werden. 
3. Dem Kind soll in Zeiten der Not zuerst Hilfe zuteil werden.
4. Das Kind soll in die Lage versetzt werden, seinen Lebensunterhalt zu verdienen und soll gegen jede Ausbeutung geschützt werden.   
5. Das Kind soll in dem Gedanken erzogen werden, seine besten Kräfte in den Dienst seiner Mitmenschen zu stellen.

Ziel ist, die möglichst viele Nationen dafür zu gewinnen. 

Es ist der erste, allgemein anerkannte Text, welcher den Kindern eigenständige Rechte einräumt. Ein Komitee wird geschaffen, um die Prinzipien in die Tat umzusetzen. Auch der Schwerpunkt der "Save the Children"- Bewegung verlagert sich jetzt auf die Förderung der Erklärung. 1925 findet in Genf der erste Internationale Kinderschutzkongress statt. Es ist Eglantynes Verdienst, diese Internationalisierung der Idee der Kinderrechte! "Die einzige internationale Sprache ist der Schrei eines Kindes", so ihre Anschauung, die sie immer weiter vermittelt.

Nach vielen Jahren schlechter Gesundheit aufgrund eines Schilddrüsenproblems und drei Operationen wegen eines Kropfes stirbt Eglantyne Jebb am 17. Dezember 1928 in einem Pflegeheim in Genf. Dort wird sie auf dem St. George's Friedhof begraben. Ihre Grabplatte trägt als Inschrift ein Zitat aus dem Matthäus-Evangelium: "Verily I say unto you, Inasmuch as ye have done it unto one of the least of these my brethren, ye have done it unto me.

Eglantyne ist nur 52 Jahre alt geworden.  

CC BY-SA 4.0
Am 7. Februar dieses Jahres hat die Stadt Genf Eglantyne Jebbs sterbliche Überreste in ein Grab auf dem Cimetière des Rois umbetten lassen, um sie für ihr Engagement zugunsten der Kinderrechte zu ehren. Der Friedhof gilt als Genfs Panthéon, der Bestattung solcher Persönlichkeiten vorbehalten, die sich besonders um die Stadt und die Allgemeinheit verdient gemacht haben.

61 Jahre nach Eglantyne Jebbs Tod beschließen - wiederum nach einem desaströsen Weltkrieg - die aus diesem Grund entstandenen Vereinten Nationen ihre Kinderrechtskonvention. Seither ist der 20. November der internationale Tag der Kinderrechte. Dank der Frau, die einstmals gesagt hat: "I don't care for children" und ihrem beharrlichen Engagement!

Was mir beim Recherchieren & Schreiben aufgegangen ist, dass der Internationalismus, das humanitäre Einstehen füreinander, noch gar nicht so alt und in den Köpfen der Menschen gefestigt ist. Da wundern mich dann die vielen inhumanen Denkweisen in vielen Köpfen unserer Zeitgenossen so gar nicht mehr. Die Kinder, vertriebene, geflüchtete, staatenlose, die nach dem 2. Weltkrieg noch durch den SCF "durchgefüttert" worden sind und sich daran erinnern könnten, sind als Zeitzeugen inzwischen in der Minderzahl...


                                                                



Mittwoch, 22. Mai 2024

Fünfundsiebzig Jahre Grundgesetz

"Der Weg zu diesem Grundgesetz führt durch Abgründe, 
er führt durch die Hölle. 
Am Wegrand stehen Gestapo 
und der Volksgerichtshof. 
Am Wegrand liegen sechs Millionen Menschen, 
die von den Nationalsozialisten ermordet wurden."
Heribert Prantl, Jurist & Journalist

Dieses Zitat hatte ich vor fünf Jahren schon meinem Blogpost zum siebzigsten Jubiläum vorangestellt, finde ich es doch nach wie vor wert, daran zu erinnern, auf welcher Basis der parlamentarische Rat damals nach dem grauenvollen Krieg die Verfassung der Bundesrepublik Deutschland formuliert hat. 

In den fünf Jahren, die seitdem ins Land gegangen sind, hat sich viel getan, viel verändert, sowohl auf politischer Ebene - und das nicht nur auf unser kleines Land beschränkt - als auch im sozialen Miteinander. 




Es ist alles nicht einfacher geworden, reißen doch Minderheiten durch ihr lautstarkes Auftreten bzw. eine emsige und geschickte Nutzung der Möglichkeiten, die die sozialen Medien geschaffen haben, durch Lüge und Manipulation ( auch mithilfe feindlicher Mächte, die solche Desinformation finanzieren ) die Deutungshoheit über die Stimmung & Verfasstheit der Menschen in diesem Land an sich, greifen opportunistische Politiker immer mehr populistische Meinungen auf, schon mal haarscharf an der Präambel und mehr vorbei.  Letzteres ist reine Ablenkung, finde ich, um eine Wählerschaft zu befriedigen, die sie bei anderen Themen nicht befriedigen können. 

Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden. (Artikel 1, Absatz 3 GrundG )

Erfreulicherweise hat das Oberverwaltungsgericht Münster im Rahmen seines Prozesses aufgrund der Klage der Blaunen gegen die Beobachtung durch das Bundesamt für den Verfassungsschutz auch noch einmal ein Spotlight auf den Artikel 116, Einzelnorm des Grundgesetzes, gerichtet, der vielleicht gerne außer acht gelassen wird, aber klar macht, warum zu Beginn des Jahres so viele Menschen wie nie seit Bestehen der Bundesrepublik auf die Straße gegangen sind wegen der ruchbar gewordenen Absichten  ihrer Akteure:

Deutscher im Sinne dieses Grundgesetzes ist vorbehaltlich anderweitiger gesetzlicher Regelung, wer die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt oder als Flüchtling oder Vertriebener deutscher Volkszugehörigkeit oder als dessen Ehegatte oder Abkömmling in dem Gebiete des Deutschen Reiches nach dem Stande vom 31.Dezember 1937 Aufnahme gefunden hat.

 

Klar gemacht hat das Gericht auch, dass die Blaunen bzw. "maßgebliche Teile" der Partei deutschen Staatsangehörigen mit Migrationshintergrund nur einen juristisch abgewerteten Status zugestehen. Das ist allerdings eine nach dem Grundgesetz-Artikel 3 unzulässige Diskriminierung aufgrund von Abstammung, die auch mit der Menschenwürdegarantie nicht im Einklang ist. Verfassungswidrig und mit der Menschenwürde unvereinbar ist laut Auffassung des OVG nicht die deskriptive Verwendung eines "ethnisch-kulturellen Volksbegriffs“, sondern dessen Verknüpfung mit einer politischen Zielsetzung, mit der Staatsangehörigen mit Migrationshintergrund der Status als gleichberechtigtes Mitglied der rechtlich verfassten Gemeinschaft aberkannt wird.

So viel dazu, obwohl noch mehr zu sagen bliebe... Wen's noch interessiert: Hier ist eine juristische Einschätzung zu finden zu den Einwänden der Blaunen gegen das Urteil & den Verfassungsschutz.

Erneute Aktualität haben in den letzten Wochen auch weitere Grundgesetzartikel bekommen, denn der Begriff der Meinungsfreiheit ( Artikel 5 ) wird immer wieder verfälscht und inzwischen droht eine Zerstörung derselben, weil Gewalt gegen Leib und Leben als Mittel der politischen Einflussnahme immer gerechtfertigter, normaler zu werden scheint und eine Atmosphäre geradezu lustvoller Daueraggression geschaffen worden ist. Man führt zudem einen "geistigen Bürgerkrieg", so der rechte Vordenker Götz K*bitschek.

Ich greife als Historikerin nicht gerne zu Vergleichen mit der Weimarer Republik. Dennoch erinnern mich  die Vorkommnisse zuletzt daran, dass die SA damals die Hoheit über die Straße mittels der Gewalt ihrer Schlägertruppen peu à peu durchgesetzt hat. Gruppen wie die "Elblandr*volte" unlängst in Leipzig z.B. scheinen sich das als Vorbild zu nehmen. Im vergangenen Jahr ist im Schnitt alle 18 Minuten eine rechtsextrem motivierte Straftat begangen worden - das nur mal am Rande...

Der Artikel 21 umreisst, welche Rolle die Parteien in unserem Staatswesen spielen sollen. Doch: vox populi - die öffentliche Meinung - hat ein großes Gewicht. Das besagt dieser Artikel. Mir erscheint in diesem Zusammenhang allerdings das letzte Wörtchen MIT schon mal gerne ausgeblendet zu werden. 

Unsere Probleme sind vielfältiger & mehr geworden: Pandemie, Klimawandel, Kriege. Da hilft es allerdings nicht, "denen da oben" irgendwelche "Denkzettel" zu verpassen und den öffentlichen Raum mit Verbitterung und Hass zu fluten. Nach dem Krieg hieß es mal "Ärmel aufkrempeln - zupacken - aufbauen". Unter dieser Devise bin ich aufgewachsen und habe mich entsprechend in meinem produktiven Leben in unser Gemeinwesen eingebracht. Missmutige Eckensteher, die nur erwarten, dass das von ihnen bei der Wahl bei ihrer Partei Bestellte anschließend geliefert wird, scheinen den Artikel nicht so ganz verstanden zu haben. An der Gestaltung einer Gesellschaft sind ALLE nach ihren Möglichkeiten gefordert & hoffentlich beteiligt. Und Kompromisse sind da zwangsläufig. Schaffung autokratischer Strukturen, weil  manche sich allein als das Maß aller Dinge betrachten, sind zum Glück von einer Mehrheit nicht gewollt. Wir wissen, warum.

Was mir im Magen liegt, wenn ich an unsere Verfassung denke, das ist die Verwirklichung des 2. Absatzes des 3. Artikels. In meinem nunmehr über siebzigjährigen Leben hat sich da einiges getan, zum Glück. Perfekt umgesetzt ist das nicht, wenn ich die Lebenswirklichkeiten der Generation meiner Töchter anschaue.

Wenn dann auch noch die Teilzeitarbeit verketzert, ja gar deren Abschaffung proklamiert wird, krieg ich so 'nen Hals! Garniert auch noch mit solchen Parolen wie "Lust auf Überstunden machen"! Wo sollen denn die Kinder hin, die kranken und/oder pflegebedürftigen Angehörigen, wie sollen die Karriere durch Überstunden machenden Ehemänner durch den ganz gemeinen Alltag kommen, wenn die Frauen die alltägliche Sorgearbeit hinschmeißen und ihre komplette Arbeitskraft der Wirtschaft zur Verfügung stellen? 

Wer mit beiden Füßen im Alltagsleben steckt, auch als Großmutter, kriegt mit, wie die Kinderbetreuung in Kita & Schule ständig ausfällt. Als über nun ein Jahrzehnt pflegende Angehörige hab ich erfahren, wie es immer schwieriger wird, einen Pflegeplatz zu bekommen ( und kann man seine Angehörigen einem Heim anvertrauen, wenn die schon mal den Notdienst rufen müssen, weil ein Mensch 150 alte, hinfällige Menschen versorgen muss? ). Da schiebt momentan die eine Ebene in Politik & Verwaltung die Probleme auf die nächstgelegene darunter, und die Individuen auf der alleruntersten Ebene, an der "Front", müssen es ausbaden und scheitern. Die Vorstellung von Gleichberechtigung, die zur Zeit favorisiert wird, nämlich dass beide Teile eines Paares Vollzeit arbeiten und die Sorgearbeit in die Randstunden des Tages verlegen, die ist unter den derzeit herrschenden Bedingungen eine Frechheit.

Zum Glück bekomme ich in den social media auch mit, dass da eine Menge junger Frauen ( und ja: auch Männer ) aktiv & engagiert unterwegs sind, die für eine weitere Umsetzung des Gleichheitsgrundsatzes einstehen und für eine gerechtere Verteilung der Lasten des Miteinanders in Familien und anderen Lebensgemeinschaften. Trotz ( oder jetzt erst recht ) wegen eines Kulturkampfes auf diesem Gebiet, den nicht nur "alte weiße Männer" in den sozialen Medien wie Instagram, Tiktok, Facebook, X ausgerufen haben.


In diesem Sinne werde ich morgen Abend mein Glas erheben in Dankbarkeit auf eine Verfassung, die mir ein ganzes Leben nach meinen Werten & Vorstellungen ermöglicht hat.



Samstag, 11. November 2023

Meine 45. Kalenderwoche 2023

 "Zu viel Empathie 
kann einen Menschen nutzlos machen! 
Auf diesem Drahtseil zu laufen ist nicht immer leicht. 
Aber es ist der wahre Wert der Liebe."
Siri Hustvedt


Auch an diesem Samstag wie an dem der letzten Woche gab es nur ein sehr begrenztes Zeitfenster zwischen den Regengüssen, welches ich genutzt habe, um mich mit Vitaminen zu versorgen. Wie sehr frau sich darüber freuen kann, vor allem wenn man nur einen Umhängebeutel füllen & nach Hause tragen kann!




Sonntagfrüh beim Aufstehen: Ich sehe wieder, dass ich Nachbarn gegenüber habe. Noch ist einiges Blätterwerk am Baum, aber als es tagsüber Böen gegeben hat, konnte man ihrem Fallen zuschauen ( was ich mag ). 

Abgelenkt davon hat mich ein Besuch der Schwägerin am Nachmittag, die mit Kuchen vorbeigekommen war:


Am Montag war ein Kontrollbesuch beim Operateur meiner neuen Hüftendoprothese angesagt. Von dort, im 5. Stock, schaut man über die dichte Innenstadtbebauung am Ring in Richtung Colonius.




Anschließend bin ich mit der Straßenbahn zum Neumarkt gefahren, wo die Herrnhuter Sterne des Weihnachtsmarktes in den Platanen aufgehangen wurden. Bei einem Tee hab ich eine Pause vom Schaufensterbummel eingelegt. Auch das wieder ein Zeichen der Normalisierung!


In der siebten Woche nach der OP ist mein Alltag doch noch sehr geprägt von den Folgen des Eingriffs. Jedenfalls muss ich viel dafür tun, damit ich an Kraft & Ausdauer zurückgewinne und die diversen unangenehmen Gefühle in einigen Teilen des Beines bzw. des unteren Rumpfes in Grenzen halte. 



Noch immer nehme ich die Stützen, wenn ich mich draußen bewege: Zu viele Menschen, zu rutschige Untergründe dank Laubfall, zu viele Hindernisse auf dem Weg. Nur im Haus und in der unmittelbaren Nachbarschaft laufe ich seit der Rückkehr aus der Reha ohne. Mit zunehmendem Alter bin ich vorsichtiger bzw. ängstlicher geworden, merke ich. Und mir fehlt mein Gefährte: Sich jeden Tag immer wieder alleine zu Unternehmungen zu bewegen, ist auch anstrengend. Sonnenschein ist da ein hilfreicher Motivator und lässt die Laune steigen.




Fünf Monate ist es her, dass ich an der Stickmaschine gesessen habe. Die Dame war denn auch schwer beleidigt, und für Arbeiten, die höchstens eine Stunde in Anspruch hätten nehmen dürfen, brauchte ich nen halben Tag, örks! Aber es wird noch rechtzeitig zum Geburtstag des Großneffen ankommen, das ist die Hauptsache. Und der Nebeneffekt: Von meinen Malästigkeiten habe ich in der Zeit nichts gemerkt.

Von denen befreien mich immer auch immer zuverlässig meine Physiotherapeuten. Auf die könnte ich immer wieder das Hohelied singen. Im Anschluss an die Behandlung gehe ich dann auch gerne durch die Gegend und lande auch schon mal bei "Törtchen, Törtchen".


Am Donnerstagabend dann ein langer Martinszug vor meiner Haustür. Die schönen Laternen, vor allem auch die mit den Klassentieren, haben mir die Tränen in die Augen getrieben, denn ich habe an die tolle Zeit in der Schule in Riehl mit meiner Freundin, der Lieblings-Ex-Kollegin, vor 15 Jahren gedacht. Herzliche Grüße auf die Schääl Sick!

Und an dich, liebe Frau Frieda, auch herzliche Grüße und ein Dankeschön für die witzige Gänsekarte, die auf dem Foto rechts unscharf im Hintergrund zu ahnen ist!


Der Freitag war ein echter Hausfrauentag, allerdings erst, nachdem der Paketbote mich um zehn aus dem Bett geklingelt hatte. Da ging es los mit Betten beziehen, Sommerkleidung verräumen, Blumen dekorieren, Wäsche waschen & falten. Zwischendurch gab es allerdings ein nettes Schwätzchen mit einer Nachbarin über Gott & alle Welt, unsere Enkelkinder & Ehemänner, unsere gemeinsame Krankheit und überhaupt. Das hat gut getan, liebe Marie - Anne! 

Am Nachmittag bin ich dann erstmals eine längere Strecke ohne Stützen zum Arzt gelaufen. Als ich mir zu Hause einen Espresso und drei Stückchen Spekulatius ( das ist für mich das, was für Nicole/Frau Frieda der Weckmannn ist: Martinstradition) gegönnt habe, regnete es auch schon wieder.



Die Erinnerungstage zuletzt - hundertster Jahrestag des Hitlerputsches in München am Mittwoch, am Donnerstag dann die Erinnerung an die Pogromnacht vor 85 Jahren - lassen mich in diesem Jahr mehr als beklommen zurück, beschäftigen mich natürlich auch die Ereignisse von vor einem Monat bzw. der letzten Wochen & Tage. Besonders die Reaktionen darauf hierzulande bzw. auch international in diversen Organisationen & Einrichtungen. Wieder einmal muss ich wie in den letzten Jahren konstatieren, dass mir Positionen & Anschauungen, denen ich auch mal zugeneigt war, im Alter gar nicht mehr passen. Ich habe zwar nicht wie (zu) viele Menschen mein physisches Zuhause verloren, aber meine geistige Heimat. Plötzlich fällt es mir schwer, die sich stets für das Existenzrecht beider Nationen eingesetzt hat, den israelischen Militäreinsatz zu kritisieren ( da steh ich wohl nicht alleine da ). 

"Dass Juden nicht toleriert werden, selbst wenn sie sich mit Palästinensern solidarisieren, ist das Gegenteil von Menschlichkeit, nämlich Antisemitismus in seiner radikalsten Form",- da stimme ich mit Navid Kermani vollkommen überein. Und "gut versorgt im sicheren Deutschland, sollte jedem das Mitgefühl für die Opfer gleich welcher Seite möglich sein." Dass ich eine Pause gemacht habe, mich zu diesem Thema zu äußern, hat nicht nur mit meiner akuten persönlichen Situation zu tun, sondern die Empathie für die tausendvierhundert ermordeten Menschen ließen mir die Worte versagen. Für die Reaktionen der eher links verorteten Israelkritiker schäme ich mich. Da bestätigt sich wieder die Beobachtung, die ich schon bei Butscha machen musste: "Mitgefühl mit den Opfern ist offenbar nur möglich, solange die Täter dem Westen zugeordnet werden können", um nochmals Navid Kermani zu zitieren. 

Das ist nicht mehr meine politische Gedanken - Welt. Das sind nicht mehr meine Ideen und Werte, die mir  jahrzehntelang den Weg gewiesen haben, nämlich Humanismus, Feminismus und Liberalismus. "Die Linke ist zu einer Eisdiele geworden, in der man sich aussuchen kann, auf welche Geschmacksrichtung von Menschenrechten man gerade Lust hat", sagt die israelische PEN-Gründerin  Julia Fermentto-Tzaisler. Sehe ich auch so. Schlimmer noch...



Natürlich setze ich mich auch heute wieder zu Andrea Karminrot an den Tisch zum Samstagsplausch,  verlinke mich mit der Gartenwonnemit "Niwibo sucht... Schöne Dinge" ( auch diese Woche hab ich wieder einiges gefunden ) und Heidruns "Mosaic Monday".

Mittwoch, 26. April 2023

Wie geht es eigentlich Raif Badawi?

"Wir bauen unsere eigenen Handschellen, 
die uns fangen und verletzen. 
Wir erschaffen den Mythos, und wir ehren ihn. 
Wir erzählen die Lüge, und wir glauben es.." 


Wer erinnert sich noch? Sieben Jahre habe ich Freitag abends über den saudischen Blogger gepostet, der in Saudi - Arabien zehn Jahre lang wegen seiner religions- & regimkritischen Aussagen eingesperrt war und im Januar 2015 öffentlich ausgepeitscht worden ist. Damals ging ein Aufschrei durch die ( westliche ) Welt und unzählige Organisationen & Initiativen haben sich für ihn eingesetzt. Am 22. März letzten Jahres wurde er dann aus der Haft entlassen...

... und  durfte leider nicht zu seiner in Kanada lebenden Familie ausreisen, denn zu seiner Strafe gehört auch ein Reiseverbot über weitere zehn Jahre. Raif ist inzwischen 39, seine Kinder 19, 18 und 15 Jahre alt. Selbst nach Saudi Arabien zu reisen, um ihn zu sehen, können sie und Raifs Frau Ensaf Haidar nicht. Sie telefonieren miteinander. Die einzige Möglichkeit der Kommunikation, denn Facebook, Twitter oder andere soziale Medien, in denen er seine Meinung öffentlich äußern könnte, darf er weiterhin nicht nutzen. Auch auf der Straße ist es ihm verboten, seine Meinung zu äußern, ansonsten darf er sich aber frei bewegen, ob überwacht oder nicht, wissen wir nicht. 

Laut Ensaf Haidar fühlt er sich unter all den Beeinträchtigungen als freier Mensch. Sie hofft auch weiterhin, dass die Veränderungen in Saudi Arabien eine Lockerung seiner Einschränkungen mit sich bringen wird. Das Land betrachtet sie allerdings nicht mehr als ihre Heimat, denn sie fühlt sich wie ihre Kinder in Québec wohl, wo sie als verantwortungsbewusste, eigenständige Frau leben kann. So lange sie in SA lebte, dachte sie, Freiheit bestünde darin, sich nicht mehr verschleiern zu müssen, Auto fahren oder sich unbegleitet bewegen zu dürfen. Inzwischen, so ihre Aussage, weiß sie das Recht auf Meinungsfreiheit viel höher zu schätzen. Und dafür zu kämpfen, auch für Menschen in Ländern, in denen andere Traditionen gelten und zu denen solche angeblich westlichen Werte nicht passen.

Ich fand, es war mal an der Zeit, an dieses Einzelschicksal zu erinnern. Es ist inzwischen so viel passiert, weltweit wie im ganz Kleinen, Privaten, dass frau/man so vieles aus den Augen verliert, was einen mal sehr beschäftigt hat und einem wichtig war.




Mittwoch, 10. August 2022

Let Raif Fly


Nein, heute ist nicht Freitag. Aber am kommenden Freitag hab ich schon anderes vor.

Ich wollte aber nicht versäumen, hier über eine Aktion im sonst so von mir geschätzten Berner Oberland zu berichten. Dort trifft frau/man zuhauf, das kann ich aus eigenem Erleben nur bestätigen, jede Menge saudischer Touristen und Dauergäste an, die das mildere Klima und die liberaleren Lebensmöglichkeiten schätzen & genießen. Die Freidenker-Vereinigung Schweiz hat sich deshalb eine Plakataktion ausgedacht, die sich an die saudische Besucher wenden. So auch in Interlaken. Interlaken ist ein Touristen-Hotspot, denn dort geht es hoch nach Grindelwald und weiter zum Bergmassiv mit Eiger, Mönch und Jungfrau:

"Willkommen liebe saudische Gäste. Schön, könnt ihr eure Reisefreiheit geniessen. Setzt euch bitte zu Hause dafür ein, dass Raif Badawi das auch kann", heisst es auf den Plakaten.

Doch der Gemeinderat des Ortes im Berner Oberland will den Aushang an Plakatstellen auf gemeindeeigenem Grund verhindern, weil das Plakat als Provokation aufgefasst werden könnte, was  die Freidenker-Vereinigung der Schweiz wiederum als Behördenwillkür betrachtet. In der Stadt Bern sind bereits bei Hotels wenige Plakate aufgehängt worden. Sie werden ab dieser Woche auch im öffentlichen Verkehr zu sehen sein, denn die BLS, die Schweizer Normalspur-Bahngesellschaft, und die Postauto AG haben das Sujet akzeptiert. Die Nationalrätin Natalie Imboden unterstützt die Freidenker. Auf Twitter schreibt sie: "Gilt die Meinungsfreiheit in Interlaken nicht?"

Gut, dass auch in solchen Zeiten der Großkrisen & Katastrophen solch kleine Missstände nicht aus dem Blick geraten.





Freitag, 20. Mai 2022

Ein aktuelles Foto von Raif Badawi

 ... für all die, die immer noch auf meiner Seite die ganze Angelegenheit verfolgen. 


Weitere Informationen hat einen Tag später seine Unterstützerin Elham Manea getweetet: 

"Gegen #RaifBadawi ist eine bösartige Online-Kampagne gestartet worden. Die versucht, die saudischen Behörden gegen ihn aufzubringen. Zum Glück ist es ihnen nicht gelungen. Badawi genießt seine neu gewonnene Freiheit, er kann sich frei im Königreich bewegen und sich mit Menschen treffen."



Freitag, 13. Mai 2022

Raif

Sieben Jahre lang habe ich an fast jedem Freitag spätnachmittags einen Post zum saudischen Blogger Raif Badawi und anderen Kämpfern für die Menschenrechte abgesetzt. Seit Raif Mitte März dieses Jahres aus dem Gefängnis entlassen worden ist, habe ich mir diese selbst gestellte Aufgabe erlassen. Es gibt ja genug andere, mehr als bedrückende Geschehnisse in dieser Welt. Vielleicht hat aber die eine oder andere unter euch, liebe Leser*innen, Interesse zu erfahren, wie es dem Blogger geht.

Gleich vorneweg: Er quält sich, seinen Alltag zu bewältigen, so seine Ehefrau Ensaf Haidar in einem Interview mit Amnesty International.  

"Es lässt sich nicht in Worte fassen, in welchem Zustand sich Raif befindet, nachdem er während seiner langen Haftzeit so vielen Tragödien und psychischem wie physischem Leid ausgesetzt war. Nur so viel: Er versucht, sich jetzt von all dem zu erholen."

Über die Umstände bzw. den Ort, an dem er lebt, kann sie sich aus Sicherheitsgründen nicht äußern. Er hat wohl auch Zusagen unterschreiben müssen, die eine solche Auskunft untersagen. Seine Familie in Kanada hat allerdings immerhin jetzt die Möglichkeit, täglich mit ihm per Video zu kommunizieren. Alles in allem empfindet das seine Frau aber als halbe Lösung, und sie leiden alle unter dieser weiteren Trennung.

Nach der zehnjährigen Haft bleibt ja noch die hohe Geldstrafe und ein zehnjähriges Reiseverbot für Raif, und für Ensaf gibt es noch viel zu tun, damit er mit seiner Familie wiedervereint sein kann. 

"Es ist eine Katastrophe und an erster Stelle eine eklatante Fortsetzung von Raifs Leid. Aber auch mein Leiden, das unseres Sohnes und unserer beiden Töchter geht weiter. Es ist schrecklich."

In Saudi-Arabien ist die Aufhebung einer Reisebeschränkung nicht gerichtlich zu erreichen, sondern es obliegt alleine der Gnade des Königshauses, eine solche Aufhebung zu veranlassen. Hierzulande sind die Voraussetzungen geklärt, Raif würde ein Forschungsstipendium der Giordano-Bruno-Stiftung (gbs) erhalten und damit die Voraussetzungen für ein Visum in Deutschland erfüllen. Doch von Seiten der saudischen Behörden ist keine Bewegung festzustellen. Diplomatische Bemühungen laufen weiter...





 

Freitag, 18. März 2022

Raif Badawi ist frei, aber...

... business as usual in Saudi Arabia: 

Einen Tag nach der erfreulichen Nachricht, dass der Blogger Raif Badawi immerhin das Gefängnis verlassen durfte, wurden insgesamt 81 Menschen, darunter 7 Jemeniten & ein Syrer, hingerichtet. Das ist ein barbarischer Rekord! 1980, nach dem Sturm auf die Große Moschee in Mekka, wurden 63 mutmaßliche Teilnehmer an einem Tag geköpft.

Das Land "glänzt" ohnehin mit Rekorden auf diesem Gebiet: 2016 haben allein im Januar 47 Personen, im Gesamtjahr 2019 184 Menschen durch staatliche Gewalt ihr Leben verloren. Im folgenden Jahr 2020, als die Saudis den G20-Vorsitz übernommen hatten, gab es eine "kurze Atempause der Repression",  2021 gab es im ersten Halbjahr dann wieder 40 Exekutionen. Innerhalb von zweieinhalb Monaten in diesem Jahr sind schon 100 Personen getötet worden.

Die jetzt Hingerichteten seien wegen unterschiedlicher Verbrechen verurteilt worden, hat das saudische Innenministerium über die staatliche saudische Nachrichtenagentur SPA verlautbaren lassen. Wie die Männer diesmal getötet wurden, wurde nicht mitgeteilt.  Das saudische Innenministerium veröffentlichte eine Erklärung mit völlig allgemeinen Anschuldigungen gegen die Getöteten: 

"Sie haben sich mit ihren fehlgeleiteten Gedanken, abweichenden Methoden und Überzeugungen mit externen Loyalitäten und feindlichen Parteien verbunden, und ihnen Treue aufgrund von Korruption und Irreführung versprochen, so dass sie terroristische Handlungen begangen haben, wie Töten, Verletzen von Heiligkeiten und Angriffe  auf Gotteshäuser und Regierungshauptquartiere."

Die Einsicht in die Dokumentation mehrerer Fälle durch Menschenrechtsorganisationen bestätigte, dass die Anklagen keine schwerwiegenden Vergehen enthielten und einigen nur die Teilnahme an Demonstrationen für Gerechtigkeit und Menschenrechte vorgeworfen wurde. ESOHR hat eklatante Verstöße gegen die Standards für faire Gerichtsverfahren aufdecken können, einschließlich der Verweigerung des Zugangs zu einem Anwalt, Anwendung von Folter und der Verweigerung der Kommunikation mit der Außenwelt.

In den letzten 3 Jahren hatder Kronprinz, kurz MBS, versprochen, dass er die Todesstrafe noch abschaffen wird. Jetzt verübten er und sein Vater King Salman das größte Hinrichtungsmassaker in der saudischen Geschichte - das Vertrauen in offizielle Versprechungen des Regimes sollte auch unsere Regierenden endlich dahinfahren lassen. 

Die Freude von Raifs Frau Ensaf Haidar ist nur zu verständlich. Doch nun, eine Woche später, dominieren wieder andere Aspekte:

Da wäre zum einen die Summe von 250 000 Euro ( umgerechnet ), die der Blogger noch zu zahlen hat. Das wäre wohl das geringste Problem. Da ist aber zum anderen noch der dritte Teil der Strafe: Das zehnjährige Ausreiseverbot aus Saudi-Arabien. Vor Ablauf der zehn Jahre könne Badawi das Land nur im Falle einer Begnadigung durch den König verlassen. "Das gegen Raif verhängte Urteil war zehn Jahre Haft, gefolgt von einem Reiseverbot derselben Dauer", sagte der Ministeriumsvertreter. Das sei endgültig. Und wie man das Regime kennt, ist es an Hartherzigkeit kaum zu überbieten.

Die Provinz Québec, wo Ensaf mit den Kindern lebt, hat Raif auf eine Prioritätenliste für Einwanderer aus humanitären Gründen gesetzt. Da ist aber noch viel mehr zu tun auf höchster kanadischer Regierungsebene. Ich hoffe, dort hat man im Kopf auch noch ein Plätzchen für dieses Problem frei...





Freitag, 11. März 2022

Raif ist frei!

Traude/Rostrose hat mich darauf aufmerksam gemacht: Der saudische Blogger  Raif Badawi ist endlich aus dem Gefängnis entlassen worden:


Ich kann nicht beschreiben, welch Schauer da über meinen Rücken gelaufen ist! Und ein Aufschrei der Freude folgte....



 

Mittwoch, 2. März 2022

Raif Badawi - immer noch in Haft

... im Zentralgefängnis von Dahaban nördlich von Dschidda, obwohl der saudische Blogger mit Ablauf des Monats Februar seine zehnjährige Haftstrafe verbüßt hat. Die Organisation "Reporter ohne Grenzen" (ROG) hat die saudischen Behörden aufgefordert, Badawi unverzüglich freizulassen. ROG hat aber bisher keine Antwort erhalten.

Leider hat Amnesty Schweiz eine Nachricht über die Freilassung von Raif Badawi in ihrem Facebook-Feed in die Welt gesetzt. Ensaf Haidar, Raifs Ehefrau, hat diese Information dementiert und bestätigt, dass ihr Mann immer noch im Gefängnis ist. Wer wünschte nichts sehnlicher, als dass diese Nachrichten wahr wäre! Sohn Terad veröffentlichte vor drei Tagen dieses Foto mit seinem Vater von 2005:

Es macht deutlich, dass der junge Mann fast sein ganzes Leben ohne ihn verbracht hat...

Im Netz gibt es schon unter Angehörigen der IT-Branche Diskussionen so à la "Wir sind doch gerade so vereint gegen Tyrannen, da könnte man denen doch auch etwas von der russischen Medizin verpassen. So bekommt man vielleicht wenigstens Raif Badawi frei." Seufz!