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Donnerstag, 12. März 2026

Great Women #449: Suze Rotolo

Mitglieder meiner Alterskohorte kennen die heutige Frau, zumindest die, die Bob Dylan hörten und seine Platten kauften, denn da zierte sie das Cover seines zweiten Studio-Albums "The Freewheelin’ Bob Dylan" von 1963 mit den berühmten Titel "Blowin’ in the Wind" und "A Hard Rain’s A-Gonna Fall". Dass Suze Rotolo so viel mehr gewesen ist als die Freundin - dafür trete ich heute hier im Blog an.


"Wir hatten etwas zu sagen 
und glaubten fest daran, dass sich die Zeiten ändern würden."

Geboren wird Suze Rotolo am 20. November 1943 in New York im Brooklyn Jewish Hospital als Susan Elizabeth Rotolo. Dort konnten damals junge Kommunistinnen mit wenig Geld mit Unterstützung mitfühlender Ärzte entbinden. Und ihre Mutter Mary Teresa Pezzati ist wie ihr Mann Giachino "Pete" Pietro Rotolo eben Mitglied der Communist Party der Vereinigten Staaten. Suze ist also ein "red diaper baby", wie das damals in den USA reißerisch gestreut worden ist.

Die Eltern sind seit 1940 verheiratet und aus diesem Anlass von Greenwich Village nach Queens in eine Wohnanlage namens Sunnyside Gardens gezogen, die sie familiengerechter finden. Suze ist ihre zweite Tochter,  seit 1941 ist bereits Carla Maria auf der Welt. 
Die Eltern
(1940)

Der Vater, 1914 in Bagheria auf Sizilien geboren, ist Künstler, kein sehr erfolgreicher, und jobbt daher in verschiedenen Fabriken und tritt in die dortigen Gewerkschaften ein oder gründet welche und organisiert Streiks, verliert deshalb oft seine Arbeit und wird letztendlich Gewerkschaftssekretär. 

Die Mutter entstammt einer Familie aus der Emilia - Romagna, ist allerdings 1910 in Somerville, Middlesex County, Massachusetts, nordwestlich von Boston, geboren. Die Pezzatis sind schon im 19. Jahrhundert eingewandert und zunächst - Suzes Großvater Sisto Pezzati ist ein studierter Mann, ein Landvermesser  - gut gestellt und darüberhinaus gebildet, man schätzt Literatur & Kunst. Mary ist das zweitjüngste Kind der Familie, aber das dritte Mädchen, dem der Name Maria gegeben worden ist, sind doch die anderen beiden  Marias früh an Diphterie bzw. bei einem Unfall gestorben. Als der Großvater an Tuberkulose erkrankt, folgt der soziale Abstieg, und die Familie gerät in erdrückende Armut von Dickensschem Ausmaß, wie die Mutter Suze später erzählen wird. Mit ihrem jüngeren Bruder wendet sich Mary alsbald der Kommunistischen Partei  zu. Sie entwickelt sich zu einer antifaschistischen Aktivistin, die in den 1930er Jahren in Paris damit beauftragt wird, gefälschte Dokumente für italienische Exilanten zu beschaffen. 

Kurz nach einer ersten Eheschließung der Mutter 1933 ertrinkt ihr Mann im Meer, und Mary verdient anschließend ihren Lebensunterhalt als Journalistin. Während ihre Kinder mit Pete Rotolo klein sind, ist Mary Redakteurin der amerikanischen Variante der "L'Unità", was wenig Verdienst einbringt. Wenn die Lebensbedingungen mal wieder schwierig sind, werden die kleinen Mädchen den mütterlichen Verwandten in der Nähe von Boston übergeben - getrennt voneinander, was der schüchternen, sensiblen Suze mehr als schwer fällt.

Als Suze ungefähr drei Jahre alt ist, zieht die Familie in ein anderes Quartier in Queens um, Jackson Heights, bebaut mit Backstein-Reihenhäusern, besiedelt von Weißen mit katholischer oder jüdischer Religion, aber keinesfalls mit der Überzeugung ihrer Eltern. Und das während der Mc-Carthy-Ära! Diese Zeit ist, rückblickend, für Suze von Traurigkeit geprägt, denn sie passt einfach nicht in diese Welt und schafft es auch nicht dazuzugehören, auch wenn sie es wie ihre Schwester versucht hätte. Sie findet Trost in Büchern & Gedichten, zeichnet ihre eigenen Bilderbücher, greift aber auch die kulturellen Angebote auf, die ihr wohlwollende, interessante Erwachsene bieten. Auch wenn die Familie der Arbeiterklasse zugerechnet wird, ist ihr Kultur wichtig, und Suze erfährt darin ein probates Mittel des Trostes. Sie haben volle Bücherregale, einen Plattenspieler und viele Schallplatten, aber keinen Fernseher wie andere, sind nicht katholisch oder irgendwie religiös und ihre Wohnung gleicht nicht denen der Nachbarn und ihr mangelt der zeitübliche Komfort. Sie wächst dafür auf mit Woody Guthrie, Leadbelly und Pete Seeger.

Suzes Gefühl des Außenseitertums wird etwas geringer, als die Familie im Haus von anderen kommunistischen Gesinnungsgenossen unterkommt. Mit deren Töchtern führt sie im Keller Theaterstücke auf, und der Vater nimmt sie 1957 sogar zur Aufführung der "West Side Story" mit an den Broadway. Nach der Grundschule besucht Suze die Bryant High School in Long Island City.

1959
Im Februar 1958 erliegt ihr Vater, zwar Raucher, aber trotzdem für alle überraschend, einer Herzattacke, da ist das Mädchen gerade 14 Jahre alt. Die damaligen Arbeitgeber ihrer Mutter, ein Ohrenarzt & seine Frau, für die sie die Korrespondenz in Italienisch & Französisch führt, überreden die Mutter, gemeinsam mit ihnen & Suze nach Puerto Rico zu reisen. Danach hat das Mädchen den Anschluss in der Schule verloren. Ihre Mutter, in all ihrer Trauer, kann Suze nicht stützen, ist sie doch mit 47 Jahren bereits das zweite Mal Witwe geworden und spricht dem Alkohol zu. Suze sucht Zuflucht im Theaterspielen.

Ihre Schwester, bereits auf dem College, versucht, die verschlossene Jüngere unter ihre Fittiche zu nehmen und in ihren Freundeskreis einzuführen, den sie aus Familien mit ähnlicher Weltanschauung wie der eigenen rekrutiert hat. 

Zu Suzes Überraschung kommt ihr die erste Party dort als Paradies vor, denn sie ist plötzlich keine Außenseiterin mehr. Sie wird in den nächsten Jahren tatsächlich selbstsicherer werden und baut sich einen eigenen Kreis auf, mit dem sie sich am Washington Square Park in Greenwich Village trifft. Sie schließt sich dort den Folkmusikern & politischen Aktivisten an, die sich in Versen und Propaganda gegen das Establishment auflehnen. Ihr Engagement in der amerikanischen Protestbewegungen beginnt 1958, als sie sich mit zehntausend anderen Schülern beim Jugendmarsch für integrierte Schulen anschließt, der von Harry Belafonte in Washington DC angeführt worden ist.

Washington Square Park in Greenwich Village
(1960)
Auch macht sie eine Ausbildung zur Betreuerin im linksorientierten Ferienlager "Kinderland" im Norden des Bundesstaates New York, wo sie gute Freunde findet und ebenfalls Theater spielen kann. Mit diesen Freunden engagiert sie sich bei der Bürgerrechtsbewegung "Congress of Racial Equality" ( CORE ), protestiert vor Filialen von Woolworth, die im Süden nach Rassen getrennte Imbisse unterhalten. Auch engagiert sie sich mit ihren Freundinnen beim "Committee for a Sane Nuclear Policy".

Nach dem Schulabschluss, mit siebzehn, fährt Suze dann ein letztes Mal mit der U-Bahn von Queens nach Greenwich Village, "ohne zurückzublicken".  Sie nimmt verschiedene Jobs an und wird Dauerkundin in Secondhand-Buchhandlungen, denn ihr Bildungshunger ist groß. Im Sommer 1961 lernt sie auf einem ganztägigen Folk-Konzert in der Riverside Church in New York den drei Jahre älteren Bob Dylan kennen, als Musiker ein völlig unbeschriebenes Blatt aus der Provinz. 
Bob Dylan (1961) 
"Ich konnte von Anfang an meine Augen nicht von ihr lassen", schreibt Dylan später in seinen Memoiren über ihre erste Begegnung. "Sie war das Erotischste, was ich je gesehen hatte. Sie war hellhäutig und hatte blondes Haar, eine waschechte Italienerin. Plötzlich lag der Duft von Bananenblättern in der Luft. Wir kamen ins Gespräch, und mir wurde schwindelig. (...) Sie war genau mein Typ."
Aber auch sie findet, er habe was Unglaubliches, was Besonderes:
"Bob war charismatisch: Er war wie ein Leuchtfeuer. Er war aber auch ein schwarzes Loch. Er brauchte ständige Unterstützung und Schutz, den ich ihm nicht geben konnte, wahrscheinlich weil ich ihn selbst brauchte", hat sie doch als Sechzehnjährige nach dem Tod des Vaters, dem Absturz der Mutter und dem wenig glorreichen Abschluss ihrer Schulzeit eine "neue Art der Angst" erfasst. 
Es ist Suze zu verdanken, der Tochter italienischstämmiger Kommunisten, die den Kleinstädter aus dem ländlichen Minnesota, der beflügelt von Jack Kerouac und Woody Guthrie die Provinz hinter sich gelassen hat, Bekanntschaft mit fortschrittlicher Politik & der Arbeiter- und Bürgerrechtsbewegung macht. Sie fungiert auch als seine kulturelle Führerin und konfrontiert ihn mit den Malereien eines Paul Cézanne und Wassily Kandinsky. Gemeinsam schauen sie sich Picassos "Guernica" an und gehen in François - Truffaut - Filme wie "Schießen Sie auf den Pianisten". Und sie weiht ihn in die Werke verschiedener Dichter und Schriftsteller  ein wie Antonin Artaud, Paul Verlaine, Arthur Rimbaud und besonders Bertolt Brecht. An Brecht fasziniert sie selber, dass dieser sowohl im demokratischen Kapitalismus wie im autokratischen Kommunismus zu Hause gewesen ist. Dylan hat wohl schon mal von ihm gehört, aber nichts gelesen, geschweige denn gesehen. Suze schleppt ihn ins Theater in die "Dreigroschenoper". Als die afroamerikanische Sängerin Micki Grant den Song der Seeräuber-Jenny darbietet, ist Dylan mucksmäuschenstill. "Brecht wurde ein Teil von ihm", interpretiert Suze die Verwandlung
"There's no question that she became both an abstract muse and a very practical one. He has said that he would run songs past her." ( Quelle hier )
So z.B. "The Ballad of Emmett Till", eine seiner frühen Anklagen gegen Ungerechtigkeit, nachdem Suze ihm die Geschichte eines 14-jährigen afroamerikanischen Jungen erzählt hat, der 1955 in Mississippi brutal ermordet worden ist.

Keiner von beiden hat damals einen festen Wohnsitz. Suze ist housesitter am Waverly Place, Dylan couchsurfer bei Freunden in der Innenstadt. Nach einer begeisterten Kritik in der "Times" und einem Vertrag mit Columbia Records mietet er eine Dachgeschosswohnung in einem Altbau in der West Fourth Street 161. Doch dass sie zu ihm zieht - davon halten sie rechtliche Bedenken aufgrund ihrer Jugend ab, sie ist ja noch nicht achtzehn. Dylan hingegen hat eigentlich keine Lust nach den Regeln ihrer Mutter zu leben...

1962
Als sie es sich schließlich traut, ist ihre Mutter und ihre Schwester, ebenfalls in der Folkmusic-Szene als Assistentin von Alan Lomax, not amused. Sie können den  Sänger  - er ist ein twerp, so die Mutter - nicht ausstehen. "For her parasite sister I had no respect", wird es später in dem Dylan-Song "Ballad In Plain D" heißen, "bound by her boredom, her pride to protect."

Mary, die ihre Tochter unbedingt aus Dylans Fängen bekommen will, lockt sie nicht nur mit einer Reise in ihre Heimat Italien, sondern auch mit der Möglichkeit, dort endlich richtig Kunst an der renommierten Universität von Perugia studieren zu können. Suze arbeitet inzwischen nämlich am Theater, baut Bühnenbilder und schafft Requisiten. Mary Rotolo selbst hat inzwischen zum dritten Mal geheiratet und plant mit ihrem Mann, Dr. Fred Bowes, eine Europareise, auf die Suze mitkommen soll..

"Susanna Justine" -
Foto im Studentenausweis
in Perugia
"Ich verbrachte den Großteil der Reise wie betäubt", wird sie später dazu äußern. Auch Dylan trauert ihr in Briefen nach. Als sie ihm ein Hemd aus Italien schickt, schreibt er, dass er es zwar in ihrer Wohnung trage, aber nicht draußen, "weil ich nicht will, dass mich jemand darin sieht, bevor du mich darin siehst."  In Perugia lernt Suze den politisch aktiven Enzo Bartoccioli aus dem Borgo d'Oro, einem Arbeiterviertel der Stadt, der bei "Buitoni Perugina", einer Lebensmittelmarke arbeitet und gleichaltrig wie Dylan ist, kennen. Letzterer entwickelt wohl heftige Eifersuchtsgefühle, denn in "Another Side of Bob Dylan", seinem vierten Album, dichtet er:
"Ich hasste Enzo, ich hasste ihn so sehr, dass ich ihn hätte töten können. Er war schleimig und skrupellos, und nach dem, was geschehen war, war ich mir sicher, dass meine Geliebte ihm in einem fernen Land begegnet und seinetwegen länger geblieben war."
Im Dezember 1962 kommt die "Geliebte" zurück, belesener und gebildeter denn je zuvor. So hat sie z.B. Françoise Gilots Buch über ihr Leben im Schatten eines Genies gelesen und ist ins Nachdenken geraten: 
"Ich hatte das Gefühl, ein Buch voller Offenbarungen, Lehren und Warnungen zu lesen. Obwohl Picasso viel älter war als Bob und viel mehr erlebt hatte, waren ihre Persönlichkeiten so ähnlich, dass es verblüffend war."
Doch er fliegt zu diesem Zeitpunkt zu einem Fernsehauftritt nach England - quasi ein Vorzeichen dafür, wohin die gemeinsame Reise gehen wird: Während sein "Stern" aufsteigt, wird sie die bleiben, die "dem Dichter, dem Genie, beistand. Ich kümmerte mich selbstlos um seine Bedürfnisse und Wünsche. (... ) Ich fand diese Beschreibung alles andere als schmeichelhaft",  hat sie doch unterdessen ein feministisches Bewusstsein und eigene künstlerische Ambitionen entwickelt! So ungefestigt, wie man in diesem Alter nun mal ist, hat Suze darum zu kämpfen begonnen, "ich sein zu dürfen."

Außerdem: "Ich bin von Natur aus eher zurückhaltend, und mein Instinkt sagte mir, meine Privatsphäre und damit auch seine sei zu schützen." Doch das erweist sich als immer unmöglicher. "Wir verstanden uns wirklich gut, obwohl keiner von uns ein dickes Fell hatte. Wir waren beide überempfindlich und brauchten Schutz vor dem Sturm." An ihre Freundin  Susan Green schreibt sie in diesen Tagen:
"Ich will nicht von Bob Dylan und seinem Ruhm mitgerissen werden. Es verändert einen Menschen komplett, wenn er bei allen und jedem bekannt ist. Sie entwickeln diese unkontrollierbare Egomanie. Ich sehe, wie es Bobby passiert. Und ich habe versucht, es ihm auf so viele Arten zu sagen, aber es ist sinnlos, wirklich. Er fängt an, mich nur noch in Bezug auf sich selbst zu lieben, wenn das Sinn ergibt." 
Zwei Monate nach der Rückkehr aus Italien entsteht dann jenes ikonische Foto durch den Fotografen Don Hunstein, das sie an einem eiskalten Wintertag durch Greenwich Village in New York spazierend festhält. Das Bild, seine Intimität und Ungezwungenheit, so weit entfernt von der perfekt inszenierten Selbstdarstellung der meisten Künstler, ist die perfekte Visitenkarte. Nach der Veröffentlichung von "Freewheelin'" im Jahr 1963 mit ihm als Coverbild werden die beiden zu Prototypen für eine ganze Generation... 
"Record Time - Personal History"
(1995)




Hin- und hergerissen zwischen Dylans öffentlicher Untreue und seinen ständigen Heiratsanträgen ( "Er konnte ein Arschloch sein, wie jeder andere auch." ), will sie nicht länger die "siebte Saite auf Dylans Gitarre" sein, kündigt im August 1963 ihren Job bei einem koscheren Deli in der Avenue B in Manhattan, den sie zwischen ihren Theater-Aufträgen wahrnimmt, und zieht aus der gemeinsamen Wohnung aus und bei ihrer Schwester ein, weil sie "den ganzen Druck, den Klatsch, die Wahrheit und die Lügen, die das Zusammenleben mit Bob mit sich brachte, nicht mehr ertragen konnte". Sie sei "völlig durcheinander" gewesen, schreibt sie später. 

Sie treffen sich allerdings weiterhin, was auch zu einer ungeplanten Schwangerschaft und einer Abtreibung führt, die damals in New York illegal gewesen ist. Es folgt eine kurze Versöhnung und ihr Zusammenbruch. Der endgültige Schlussstrich unter die vierjährige Beziehung gestaltet sich "für uns beide herzzerreißend. Er wich der Verantwortung aus. Ich habe es ihm auch nicht leicht gemacht. (...)  Ich wusste, dass ich nicht zu seinem Leben passte.Danach, auch auf Anraten ihrer Schwester Klara, die findet, sie sei "besser dran ohne diesen verlogenen, betrügenden, manipulativen Kerl", schläft die Beziehung langsam ein.

Zwischenzeitlich hat sie noch landesweit für Schlagzeilen gesorgt, als sie sich gemeinsam mit vier anderen Studenten für die Reisefreiheit freier Amerikaner einsetzt und trotz eines Reiseverbots der Regierung nach Kuba fährt. Die Gruppe verbringt zwei Monate damit, Fabriken und Schulen zu besuchen und Fidel Castro und Che Guevara zu treffen. Es war ein unglaublich mutiges Unterfangen. Mit dem Anführer der Organisation, Albert, hat sie zuvor eine Beziehung begonnen.

1965
Während sich Dylan zu einem der gefeiertsten Musiker der Welt entwickelt, probiert Suze nun ihren ganz eigenen Weg aus. 
Dylans Berühmtheit macht es ihr ein paar Jahre allerdings lang schwerer, sich frei zu bewegen. Sie beschäftigt sich mit Kunst, spielt Theater,  arbeitet als Tonmeisterin für Leonard Bernstein, engagiert sich politisch, macht eine Therapie. Als ihre neue, eigene Wohnung ausbrennt - und mit ihr der grüne Mantel vom Album-Cover - unterstützt Dylan sie finanziell.

Auf Einladung ihrer Mutter & deren Mann reist sie mit ihrer Schwester auf einem Frachter nach Italien. Da sie auch Perugia wiedersehen will, nimmt sie Kontakt mit ihrem Freund Enzo Bartoccioli auf und verabredet ein Treffen in Neapel, wo sie von Bord des Schiffes gehen und Enzo sie für eine Woche in Perugia abholt. Sie verstehen sich auf Anhieb wieder und verabreden sich für ein Treffen in London. Zurück in New York beschäftigt Suze sich mit der Herstellung und dem Verkauf von Schmuck aus gefundenem Material & Pappmaché. 

Doch das Leben in der Stadt wird rauer & gefährlicher, der Vietnamkrieg lastet auf dem Land. 1966 kann sie mit einem kleinen Erbe ihres sizilianischen Großvaters eine erneute Schiffsreise nach Italien finanzieren. 1967 heiratet sie dort Enzo Bartoccioli, inzwischen Cutter & Filmproduzent. Mit ihm bekommt die inzwischen 27jährige einen Sohn, Luca, der später ein angesehener Gitarrenbauer werden wird. Als Enzo Dokumentarfilmer bei den Vereinten Nationen wird, kehren sie nach New York zurück und lassen sich im East Village nieder. Sie bewegt sich unter dem Nachnamen ihres Mannes und verschafft sich so eine gewisse Anonymität, abseits vom Dylan- Rummel.

1994 & mit ihrem Mann 2002
Sie will diese Erinnerung für sich behalten und ist zufrieden mit ihrem Leben als Künstlerin. "Sie hat ihre Arbeit sehr, sehr genossen", wird ihr Mann posthum erklären. Ihre Künstlerfreundinnen wissen nichts von ihrer Vergangenheit.

Zunächst arbeitet sie als Malerin & Illustratorin, dann in den 1990er Jahren verschreibt sie sich der Buchkunst ( hier sind viele weiter tolle Exemplare zu sehen ). Sie stellt die Künstlerbücher auch 1996 im Spring Studio aus, 1997 in der in der Jefferson Market New York Public Library. Außerdem unterhält  sie einen Workshop für Buchkunst an der Parsons School of Design in New York City. 

Ihre Arbeiten enthalten Bilder, manchmal knappe Texte, gleichen oft eher Collagen oder Mobiles. "Ich betrachte meine Kunstwerke als Reliquiare – Aufbewahrungsorte – für die Ideen, Obsessionen, persönlichen Geschichten und die Lebensphilosophie, die ich mir im Laufe der Zeit angeeignet habe", bemerkt Suze auf ihrer Website dazu.

Auch politisch bleibt sie weiterhin: Vor und nach dem Einmarsch der USA in den Irak 2003 schließt sie sich in aufwendiger, auffallender Kleidung den satirischen Protesten der "Billionaires for Bush" an. 

Mit der Veröffentlichung von Dylans Memoiren "Chronicles: Volume One" im Jahr 2004 lässt Suzes Widerstand gegen die Neugier der Öffentlichkeit ein wenig nach. Sie mag seine Beschreibung von ihr bei ihrer ersten Begegnung, nennt er sie doch in einem Interview "wunderbar, großzügig". Langsam fängt sie an, ihre lebenslange Schüchternheit und Zurückhaltung in Frage zu stellen, die sie hindert, ihre Erinnerungen an diese bemerkenswerte Zeit in ihrem Leben offen zu legen.
"Wenn man älter wird, unterhält man sich mit anderen über den ersten Freund, die Jugendliebe – ich konnte bei solchen Gesprächen nie mitmachen, denn wenn ich den Namen Dylan erwähnt hätte, wäre jeder sofort erstarrt. Ich habe mich wie in einer Parallelwelt gefühlt und nur wenigen Menschen von meiner Vergangenheit erzählt", erklärt sie in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung".

Ein Interview in 2005, das sie für Martin Scorseses vielgelobten Film "No Direction Home" über Dylan gibt, hilft ihr, die Angst, wie sie es ausdrückt, davor zu überwinden, "das Biest zu füttern". Ihr gefällt, wie der Film den größeren Kontext herstellt zwischen den Menschen, den Orten, der Politik jener Zeit.

Dann lernt sie eine Lektorin von Random House kennen, die ihr vorschlägt ein Buch im Stil von Joyce Johnsons "Minor Characters" zu schreiben, einer Schilderung von Johnsons Leben als Freundin von Jack Kerouac. 

Als ihr Sohn schließlich meint: "Die Leute schreiben seit Jahren eine Version von dir. Es ist Zeit, dass du die wahre Geschichte erzählst", ergibt das plötzlich für Suze einen Sinn. 

Ihre Memoiren "A Freewheelin' Time: A Memoir of Greenwich Village in the Sixties" erscheinen dann am 13. Mai 2008 bei Broadway Books. Darin beschreibt sie nun selbst ihre Zeit mit Dylan und die Folk-Szene in Greenwich Village. Dieser Ära, die "eine Sprache der Neugier, des Forscherdrangs und der Rebellion gegen die erdrückende und repressive politische und soziale Kultur des vorhergehenden Jahrzehnts" geprägt hat, will sie ein Denkmal setzen. Das Buch kommt gut an.

"Sie war froh, dass sie es veröffentlicht hat, weil es die Neugier der Leute auf ihre Beziehung zu Dylan etwas befriedigt hat", konstatiert ihr Sohn nach ihrem baldigen Tod, und fügt hinzu, dass es in dem Buch "um ihr Leben geht – darum, wer sie war – und nicht nur darum, die Freundin dieses Mannes zu sein."

Bei ihr wird schließlich Lungenkrebs festgestellt. Suze Rotolo stirbt am Abend des 24. Februar 2011 im Alter von 67 Jahren in ihrem Loft in Noho (New York) in den Armen ihres Ehemannes Enzo, mit dem sie über 40 Jahre verheiratet gewesen ist. Ihre Asche wird ihrer Familie übergeben.

Ich kann gut verstehen, das Suze Rotolo diese kurze Spanne in ihrem Leben an der Seite eines hochberühmten Mannes wie "an elephant in the room of my life" empfunden und sich so gut es ging, dagegen gewappnet hat, nicht als ganz,ganz eigene Person wahrgenommen zu werden. Mir hat das Achtung & Respekt eingeflösst.

                                                                   


Und hier empfehle ich euch wieder ein paar andere Frauenporträts
zum Kennenlernen:


Samstag, 14. Februar 2026

Meine 7. Kalenderwoche 2026

"Das hierarchische Verhältnis
 zwischen prominenten älteren Männern 
und unbekannten jungen Frauen oder Kindern, 
das die Grundlage der Verbrechen von Epstein 
und seinen Komplizen war, 
hat nicht nur Epsteins Verurteilung und Tod, 
sondern auch die Veröffentlichung überdauert.
.....
Moralischer Bankrott führt nicht mehr 
zu gesellschaftlicher Ächtung. 
Nicht einmal sexuelle Verbrechen sind mehr 
mit einem Bann belegt, 
solange der Täter Macht und Unterhaltungswert hat."
Jörg Häntzschel,
"Ich habe mich lange gefragt, 
warum Elon Musk, Trump und andere Tech-Milliardäre 
rechtsextreme Kräfte unterstützen...
Wer sich Menschen, Politik und Schutz kaufen kann, 
empfindet Rechtsstaat und Demokratie als Hindernis. 
Denn Demokratie bedeutet Gleichheit, 
Würde und gleiche Rechte für alle... 
Sie begrenzt Macht, fordert Verantwortung
 und widerspricht der Vorstellung, 
dass wenige über alles und alle verfügen dürfen."
Erdal Ahlatci, Organisationsdesigner
"Power tends to corrupt, and absolute power corrupts absolutely.
Great men are almost always bad men..."
 Lord John Emerich Edward Dalberg-Acton, 1834-1902
"Man kann Scheiße so lange rühren wie man will, 
es wird kein Marzipan daraus."
Jochen Malmsheimer, Kabarettist


Am Freitag vorletzter Woche hatte ich beim Abendessen mit der Schwägerin im Lokal in der Kühltheke den leckeren Möhrenkuchen 
Genuss! ) gesehen. Das war dann der Motivator, am Samstagnachmittag das heimische Gehäuse zu verlassen, denn ich war nach einem blöden Küchenunfall richtig, richtig knatschig.

Die Sonne und die 13 Grad taten ihr übriges, die lockte viele nach draußen. Da gab es auch schwätzje mit drei unterschiedlichen, aber netten Nachbarinnen - und die Stimmung war gerettet... 




... zumindest bis zum Dunkelwerden.

Da zog nämlich der Geisterzug vorbei und Erinnerungen in mein Gemüt: Um die Jahrtausendwende haben wir dabei ebenfalls mitgemacht, versteckt hinter den Masken aus Venedig. Die hatte mein Mann bei dem Maskenmacher gekauft, der auch die für den Film "Eyes Wide Shut" von Stanley Kubrick hergestellt hat. Was dieser verstörende Film thematisiert, bekommt durch die Wahrheit der Epstein Files auf einmal eine ganz neue Dimension, die mich beunruhigt hat. Was, wenn das Unvorstellbare genau deshalb funktioniert, weil wir es uns einfach nicht vorstellen können oder wollen? Eyes wide shut sozusagen... Gesehen habe ich dann noch ein paar Sequenzen aus dem Film. Ich wollt's einfach für mich verifizieren, was mich da so aus dem seelischen Gleichgewicht gebracht hat.


Wohl noch ein Überbleibsel vom samstäglichen ( übrigens dem 35.  ) Geisterzug zum Thema "Allerhühste Zick för en andere Wunnungspolitik – mer könne nit all em Dom schlofe!".



Et es noch ens jood jejange...


Gehört
habe ich immer wieder mal Lady Gaga bei der SuperBowl Halftime Show. Latinorhythmen können mir die Lebensfreude zurückgeben, die in diesen Tagen oft auf der Strecke zu bleiben drohte. Salsa! Never ending love! Und j
a, Shit, meine Zahnbehandlung kam auch am Dienstag noch nicht zu einem Abschluss. Da brauch ich noch etwas Geduld. Aber bei den Menschen in meiner Zahnarztpraxis fühle ich mich gut aufgehoben.



Gehört habe ich auch den Amselgesang, als ich der spontanen Einladung der holl. Freundin zum Abendessen gefolgt bin. Das Erlebnis der Woche? Wieverfastelovend, das sollte denn doch wohl sein, auch wenn ich lange, lange keine Lust auf Karneval hatte. Mittwochs hab ich sicherheitshalber mir mal eine Klamottage aus dem ( immer noch übervollen ) Karnevalsschrank herausgesucht. 



Gelesen habe ich den dritten Band der Neapolitanischen Saga von Elena Ferrante, der mir sehr viel mehr zugesagt hat als der zweite. Am Abend war ich dann beim Geburtstag der "südlichen" Nachbarin.



Hobbymäßig konnte ich trotz Beeinträchtigung immerhin eine neue Halskrause für Karneval schaffen. Das kleine Stück Paillettenstoff ist mir beim Aufräumen in die Hände gefallen. Musste weg & wurde dann am Donnerstag ( hier verbloggt ) getragen.

Bei all dem Irrsinn, dem frau auch in der zurückliegenden Woche ausgesetzt war, gab es zwangsläufig (zu) viele Web-Fundstücke. Ich habe mich dann für dieses entschieden, nachdem mir Prof. Guido Kühn die Veröffentlichung erlaubt hat:


Es drückt aus, was mir anlässlich der Sendung vom letzten Sonntag durch den Kopf ging. Einen Beschwerdebrief an den ARD - Vorsitzenden Florian Hager vom Hessischen Rundfunk habe ich auch am Montag abgeschickt ( und bereits am Donnerstag eine seeehr allgemein gehaltene Mailantwort bekommen ).

Dass man als Redakteure & Verantwortliche nach dieser Flut von Informationen noch so ein Thema formulieren konnte! Vom Gast dazu mal ganz abgesehen!

Vorbild? Trump? 

Wir Westler sollten uns unsere Arroganz & Überheblichkeit in puncto moralischer Überlegenheit sparen gegenüber solchen Kim Jong-ils, Mohammed bin Salmans, Xi Jinpings, Ali Chameneis & Massud Peseschkians, Wladimir Putins und Konsorten und wie sie alle heißen nach diesen Veröffentlichungen. 

Da ist wohl etwas Wahres dran an dem Verschwörungsmythos, der während der Corona-Epidemie solchen Zulauf hatte: Tatsächlich existiert eine globale Elite aus Politik, Kultur & Showbiz wie Wirtschaft, die sich partei- und glaubensübergreifend mit Epstein gut verstanden, sein Handeln oder seine vergangenen Straftaten mindestens toleriert, wenn nicht geteilt haben. Wie sicher müssen sich alle gefühlt haben, wenn sie diese Unmenge an Material und Spuren hinterlassen haben! Klar, jetzt wird ordentlich abgestritten, Kontakt zu dem Kriminellen gehabt, geschweige mitgemacht zu haben. Aber wer's jetzt noch glaubt, der ist nicht selig, sondern will es nicht sehen, an welchem Punkt wir uns im Westen gesellschaftlich & moralisch befinden. Siehe Eingangszitate. Mit der Fülle an Veröffentlichungen, die über uns ausgekippt werden, werden unsere Hirne allerdings nur noch weiter vernebelt. Und im Endeffekt reagieren wir mit eyes wide shut.

Ich bin sauer.
                                                           


Verlinkt wieder mit dem Samstagsplausch, mit den Glücksmomenten bei Annette/ Augensternweltdem Mosaic Monday und den "Sonntags Top Sieben" bei Anita

Donnerstag, 12. Februar 2026

Great Women #446: Sylvia Plath

Wer die zweite Welle der Frauenbewegung in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts mitgetragen hat, der ist die heutige Great Woman nicht fremd geblieben, denn Sylvia Plath war eine Symbolfigur für den Zustand der Geschlechterbeziehungen im demokratischen Westen. Ihr Roman "Die Glasglocke" gehörte auch für mich zu meinem damaligen Lektüre-Kanon. Ist jetzt alles schon "verdamp lang her, verdamp lang" - ihr Todestag jährte sich gestern zum 60 Male. Zeit, an sie zu erinnern!
"Why can’t I try on different lives, 
like dresses, to see which fits best 
and is more becoming?
.....
Masken sind heutzutage an der Tagesordnung, 
und das mindeste, was ich tun kann, 
ist die Illusion zu pflegen, 
dass ich fröhlich, ausgeglichen und nicht ängstlich bin."

Sylvia Plath kommt am 27. Oktober 1932 im Bostoner Stadtteil Jamaica Plain zur Welt. Sie ist das erste Kinder ihrer Eltern, der 26jährigen Aurelia Schober, einer in Amerika geborenen Tochter österreichischer Einwanderer, und dem 47jährigen Otto Plath, Entomologe und Biologieprofessor an der Boston University. 

Otto Plath
Der Vater ist im damaligen Deutschen Kaiserreich, genauer gesagt in Grabow in Preußen geboren. Im Alter von fünfzehn ist er in die Vereinigten Staaten ausgewandert, wo seine Großeltern und ein Onkel in Fall Creek, Wisconsin leben. Dort besucht er das College, in dem übrigens ausschließlich Deutsch gesprochen wird. Sein Großvater erklärt sich bereit, ihm ein Studium zu finanzieren, wenn er Pfarrer wird. Otto Plath ist vom Theologiestudium jedoch schnell desillusioniert, bricht es ab und verdient sein Geld mit Deutschunterricht in Seattle, weil ihn der Großvater verstößt. In den folgenden Jahren unterrichtet und studiert er sowohl Deutsch als auch Biologie und erwirbt 1912 den Master of Arts an der University of Washington. 

Während des 1. Weltkrieges wird gegen Otto Plath wegen angeblicher pro-deutscher Sympathien ermittelt. Er wird sogar festgenommen und verliert seine Arbeitsstelle. 1922 kann er wieder an der Boston University lehren und drei Jahre später einen Master of Science an der Harvard University und 1928 dann einen Doktortitel in Naturwissenschaften an der gleichen Einrichtung erwerben. Im Jahr darauf lernt er seine zukünftige Frau als Studentin kennen, und sie heiraten nach der Scheidung von seiner ersten Frau Anfang 1932. In dieser Ehe mit der 21 Jahre Jüngeren erweist Plath sich als starrköpfiger häuslicher Tyrann, der den Haushalt nach dem deutschen Konzept "Ordnung geht über alles" regiert, dazu eifersüchtig & besitzergreifend. Die einst so lebhafte, energische junge Frau unterwirft sich nach vielen Streitereien, weil sie sich ein friedliches Zuhause wünscht.

Aurelia Schobers Familie hat nach der Weltwirtschaftskrise mit finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen, legt dennoch Wert auf eine gute Bildung ihrer Tochter. Sie ist eine sehr gute, disziplinierte Schülerin und schließt als Zweitbeste ihres Jahrgangs ab, kann sich dann aber nicht ihren Traum erfüllen, am renommierten Wellesley College zu studieren. Diese ehrgeizige, intensive Arbeitsmoral von Immigranten - besonders jenen aus dem deutschsprachigen Kulturraum, würde ich sagen - nimmt die Tochter quasi mit der Muttermilch auf und erklärt vielleicht deren späteren Perfektionismus bis zur Neurose. Außerdem identifiziert Sylvia sich mit dem Vater und seiner Power, die allerdings auch destruktive Elemente enthält.

1937
Die Familie Plath erfährt schon anderthalb Jahre nach Sylvias Geburt eine Erweiterung durch einen Bruder, Warren. 1936 zieht die Familie in den Küstenvorort Winthrop, um in der Nähe der Großeltern Schober zu sein. Kurz danach wird der Vater, der immer weiß, wo es lang geht, nie einen Fehler zugibt und dem alle folgen, ernsthaft krank. Seine Selbstdiagnose lautet: Lungenkrebs. Er weigert sich, ärztliche Hilfe zu beanspruchen, und er wird ärgerlich, wenn seine Familie, Freunde & Kollegen darauf drängen. 

Erst 1940 sucht er dann wegen einer Fußinfektion doch einen Arzt auf, der bei ihm fortgeschrittenen Diabetes diagnostiziert. Letztendlich muss ein Bein amputiert werden, nachdem sich die Fußinfektion als Gangrän herausgestellt hat. Kurz darauf, am 5. November 1940, stirbt er mit 55 Jahren. Ein Arzt kommentiert den Tod so: "How could such a brilliant man be so stupid?"

Sylvia ist da gerade acht Jahre alt. Zuvor hat sie dem Vater noch, gekleidet in eine Krankenschwesteruniform  mit ihren langen Zöpfen unter einer gestärkten Haube, regelmäßig Essen und Trinken gereicht. Haben sich ihre ersten Lebensjahre bis dahin angefühlt "wie ein Schiff in einer Flasche abgeschottet – schön, unzugänglich, überholt, ein feiner, weißer, fliegender Mythos", drückt sie ihre Reaktion auf des Vaters Tod später so aus: "The day you died I went into the dirt." 

Das Mädchen verliert seinen unitarisch geprägten Glauben ( "I’ll never speak to God again!" ) und beginnt wenige Wochen später mit dem Schreiben, ab ihrem 11. Lebensjahr dann auch regelmäßig mit dem eines Tagebuchs.

Mit Bruder
(1941)
Nach dem Tod ihres Ehemannes zieht die alleinerziehende Mutter mit den Kindern samt ihren Eltern in ein kleines weißes Holzhaus in Wellesley, einem Vorort westlich von Boston. Aurelia Plath ist durch keine Rente abgesichert, und die Kosten für die Krankheit und Beerdigung ihres Mannes haben all ihre Ersparnisse "aufgefressen". 1942 kann sie eine Stelle als instructor of medical secretarial skills an der Boston University annehmen ( und wird später sogar den Posten einer außerordentlichen Professorin erlangen ).

Schon als Dreijährige hat ihre helle, kleine Tochter hunderte lateinischer Insektennamen auswendig hersagen können, dem Vater zum Gefallen. Kein Wunder, dass sie in der Schule - sie besucht zunächst die Marshall Livingston Grammar School - als hochbegabt gilt und während ihrer gesamten Schulzeit Bestnoten erzielt, besitzt sie doch alle Eigenschaften, die in Amerika als typisch deutsch gelten: Sie ist reinlich, ordentlich, pünktlich, gewissenhaft, diszipliniert, fleißig, konformistisch und gehorsam. Sie verwendet viel Mühe darauf, Autoritätspersonen zu gefallen. Ein phänomenaler Ehrgeiz treibt sie an und ist ihr zugleich im Weg, lebenslang. Gleichzeitig ist sie neidisch auf die Chancen männlicher Gleichaltriger, die aktiv sein und etwas tun dürfen, statt zur Passivität & zum Zuhören verdammt zu sein.
Mit Mutter & Bruder
(1949)

Sylvia schreibt Gedichte und Geschichten, die z.B. in der Kinderbeilage des "Boston Herald" im August 1941 und im "Phillipian", dem Organ der Higschool gleichen Namens in der Nähe Bostons in den Jahren 1945 und 1946 publiziert werden. Außerdem  betätigt sie sich als Mitherausgeberin der Schülerzeitung "The Bradford". 

Ihren ersten größeren literarischen Erfolg hat Sylvia dann im August 1950, als ihre erste Geschichte "And Summer Will Not Come Again" im Magazin "Seventeen" veröffentlicht wird. Mit großer Beharrlichkeit hat sie das erreicht, hat sie doch zuvor nach Aussagen ihrer Mutter 45 Absagen einstecken müssen. 

Neben ihren intellektuellen Ambitionen kümmert sie sich auch banalere Dinge wie Geldverdienen in den Ferien mit Kellnern, Babysitten und in der Landwirtschaft und die rege Pflege von dates mit Jungen ihres Ortes.

1950 erhält sie einen Studienplatz am prestigeträchtigen Smith College in Northampton, dem größten Frauencollege der USA und eines der angesehensten der Welt. Damit erfüllen sich ihre und die Träume ihrer Mutter: In ihren ersten Briefen nach Hause drückt sie wiederholt ihre Freude darüber aus, ein "Smith girl" zu sein. Auch dort gibt sie wieder eine Zeitung - "The Smith Review" - heraus. 

Nach ihrem dritten Studienjahr kann sie für einen Monat die begehrte Stelle einer Gastredakteurin beim Magazin "Mademoiselle" ergattern, in dessen Rahmen sie einen Monat in New York City verbringt. Ein durchaus ambivalent erlebter Monat: Sie versucht vergebens, sich wie die anderen jungen Frauen mit Flirts & Liebeleien zu amüsieren und ärgert sich u.a. darüber, dass die Herausgeberin des Magazins sie nicht an einem Treffen mit dem walisischen Dichter Dylan Thomas teilnehmen lässt, den Sylvia sehr schätzt. Diese Erlebnisse und ihre Folgen werden später in der "Glasglocke" fiktionalisiert. 
Zeitungsmeldung
(1953)

Einige Wochen später ritzt Sylvia sich die Beine, "um zu sehen, ob sie genug Mut hatte, sich umzubringen". Und dann passiert noch, dass sie nicht zu einem Schreibseminar der Harvard University zugelassen wird. Das scheint der letzte Auslöser bei der vom Ehrgeiz & von den Erwartungen an eine junge Frau dieser Zeit erschöpfte Zwanzigjährige gewesen zu sein:

Am 24. August 1953 versteckt sie sich im Kriechkeller unter dem Haus ihrer Familie, ausgestattet mit Wasser und den  hochdosierten Schlafmitteln, die ihre Mutter in einer verschlossenen Kassette aufbewahrt hat. Sie verbringt  zwei Tage im Schlafkoma, bis sie von ihrem Bruder gefunden und im McLean-Hospital am Rande von Boston stationär aufgenommen wird.

Sie wird schließlich in eine psychiatrische Einrichtung in Boston überstellt, die, ohne dass eine Psychose oder Schizophrenie diagnostiziert worden ist, einer Insulinschocktherapie unterzogen. Wie lange das dadurch initiierte künstliche Koma angedauert hat, dem sie täglich ausgesetzt wird, weiß man nicht. Man weiß aber durch sie selber, wie sie die Elektroschocks erlebt hat, denen sie ebenfalls unterzogen wird:

"Dann bog sich etwas herunter und griff mich und schüttelte mich, wie das Ende der Welt. Wiiiiiii schrillte es durch berstende Luft in blauem Licht, und mit jedem Blitz fuhr ein riesiger Schlag auf mich nieder, dass ich glaubte, meine Knochen würden brechen und der Saft würde aus mir herausjagen wie aus einer aufgeschlitzten Pflanze. Was hatte ich denn nur Furchtbares getan?", beschreibt sie die Tortur später in ihrem Roman.

Als Sylvia Mitte Oktober mit finanzieller Unterstützung ihrer Gönnerin, der Philanthropin Olive Higgins Prouty, in ein Privatsanatorium wechseln kann, ist sie nicht mehr fähig, Buchstaben zu erkennen, geschweige denn zu schreiben. Durch den Langmut ihres Englischlehrers von der High School, der sie regelmäßig besucht, erwirbt sie die Fähigkeit langsam wieder.

Nach einem halben Jahr wird Sylvia als geheilt entlassen. Sie wird mit Ratschlägen und Techniken "ausgestattet", wie sie sich selbst beruhigen kann und sich funktions­fähig erhält. Ihr Suizid­versuch wird als eine Störung betrachtet, nach der man umso energischer das alte Programm wieder aufnehmen muss, i.e. Leistung auf allen Gebieten. Die Angst vor einer Therapie mit Elektroschocks wird die junge Frau Zeit ihres Lebens bestimmen. Ihr Vertrauen darin, ihren Körper und Geist beschützen zu können, ist auf jeden Fall dahin. 

Rechtzeitig zum zweiten Semester des nächsten Studienjahres kann sie an die Universität zurückkehren. Dort beginnt sie mit den Vorbereitungen für ihre Abschlussarbeit. Danach, 1955, ermöglicht ihr ein Fulbright-Stipendium den Wechsel ans Newnham College der Universität Cambridge in England.

In Cambridge
( ca.1956/57 )
In England studiert Sylvia Philosophie und besucht Vorlesungen über moderne Literatur, engagiert sich im Studentenleben, wirkt in mehreren Theaterstücken mit und präsentiert die Mode der Saison für die Mai-Ausgabe der Studentenzeitung "Varsity". 

Kulturelle Missverständnisse prägen diese Zeit in Europa, denn die Unterschiede zwischen englischen und amerikanischen Gepflogenheiten sind Sylvia nicht geläufig, was sie  auch immer wieder literarisch beschäftigt. In Cambridge ist sie als streberische, schrille Amerikanerin verschrieen, "die eher in eine Seifenwerbung gehörte als an die Universität" ( Markus Gasser ).

Während ihrer ersten Weihnachtsferien in Europa reist sie noch einmal zu Richard Sassoon, mit dem sie schon in den USA liiert gewesen ist und der damals an der Sorbonne studiert, nach Paris und weiter mit ihm nach Südfrankreich. Liebe scheint ihr die einzige Möglichkeit, dass ihr niemand etwas anhaben kann. Zu dieser Zeit fallen ihr die neuesten Gedichte eines gewissen Edward "Ted" James Hughes in die Hände. Eines spricht sie besonders an: Da ist von einer uralten Gewalt die Rede, was ihr ein Gefühl von Geborgenheit gibt.

Im Februar 1956 lernt Sylvia auf der Gründungsfeier einer kurzlebigen Literaturzeitschrift den Dichter persönlich kennen: Die von den Dämonen ihrer Kindheit besessene Amerikanerin und der Schamane mit Wurzeln im halbmythischen Königreich von Elmet werden schnell ein Liebespaar & alsbald auch das Traumpaar der angelsächsischen Literatur. 

Der ist 17. August 1930 als Edward James Hughes in Mytholmroyd in West Yorkshire, England geboren und in  Mexborough in South Yorkshire aufgewachsen. Zwei Jahre arbeitet er als Radiomechaniker bei der Royal Air Force, bis er ein Studium aufnimmt, zunächst der englischen Literatur, später der Archäologie und Anthropologie an der Universität Cambridge. 1954 schließt er es erfolgreich ab. Nach seinem Studium muss er sich aber einige Jahre als Gärtner, Zoowärter, Nachtwächter, Lektor eines Filmstudios , Lehrer durchschlagen, bevor er 1957 sich mit seine ersten Gedichtband "The Hawk in the Rain" internationales Ansehen verschaffen kann.
Bereits am 16. Juni 1956 heiraten Sylvia Plath und Ted Hughes, am "Bloomsday" des "Ulysses" von James Joyce ( siehe auch dieser & dieser Post ). Sylvia beschreibt ihrem Bruder Warren (Quelle hier) in einem Brief die Zeremonie:
16. Juni 1956
"Ich stand in der kleinen, düsteren Kirche, draußen strömte der Regen, und wir sprachen die schönsten Worte der Welt als unser Eheversprechen. Der Vikar war zweiter Zeuge, und der liebe Reverend, ein alter, helläugiger Mann (der direkt gegenüber von Charles Dickens' Haus wohnt!), küsste meine Wange, und Tränen rannen mir wie Regen über die Wangen – ich war so glücklich mit meinem lieben, wundervollen Ted",
Sie beginnen - frei nach Shakespeare - eine "marriage of true minds", verbringen ihre Flitterwochen in Benidorm und halten die Eheschließung geheim, denn Sylvia befürchtet, ihr Fulbright-Stipendium zu verlieren. Erst als sie eine Sondergenehmigung in der Tasche hat, verlässt sie ihr Studentenwohnheim und zieht mit Hughes in eine gemeinsame Wohnung in der Eltisley Road in Cambridge. Im Spätsommer lernt sie dann seine Familie in Yorkshire kennen. 

Ihr Studium setzt sie fort, während er an einer Schule unterrichtet. Beide veröffentlichen unablässig und erfolgreich Geschichten und Gedichte. Sylvia mit der ihr eigenen Hartnäckigkeit bietet seine Werke diversen Medien in England wie den Staaten an. Sein erster Gedichtband "The Hawk in the Rain" wird  1957 letztlich mit dem "New York Poetry Center Award" ausgezeichnet, und Hughes kann Verträge mit zwei Verlagen abschließen. Später im selben Jahr reisen sie per Schiff  in die USA und verbringen nach einem kurzen Urlaub auf Cape Cod das nächste Jahr mit Schreiben und Lehren, Sylvia an ihrem alten College, Hughes an der University of Massachusetts. 

Sylvias Tagebücher zeugen von einer gewissen Ambivalenz gegenüber dieser, ihr neuen Rolle. Einerseits ist es ihre eine Ehre, zum Lehrkörper einer so angesehenen Institution zu gehören, andererseits fehlen ihr die weiblichen Vorbilder, die sie von der Vereinbarkeit ihrer diversen Rollen überzeugen könnten ( die Dozenten des Smith College sind größtenteils ledig ). Natürlich will Sylvia sich ihrer akademischen Laufbahn widmen, gleichzeitig weiter schreiben und eine gute Ehefrau ( und perspektivisch Mutter ) sein. Sie fühlt sich wie "ein ziemlich antiker und gefallener Engel". 

Nachdem sie wieder völlig erschöpft ist, beschließt sie 1958, ebenso ihr Mann, die akademische Position aufzugeben und ein Jahr lang als Schriftstellerin Fuß zu fassen. Den Lebensunterhalt verdienen sie mit jetzt Preisgeldern, Honoraren für Rezensionen und den Tantiemen ihrer Werke. Sylvia arbeitet außerdem in verschiedenen Büroberufen, um das Einkommen aufzubessern, besucht gleichzeitig aber auch einen Lyrikkurs an der Boston University. Auch nimmt sie ihre Therapie bei ihrer Ärztin aus dem McLean- Hospital wieder auf.

Es gibt Erfolge ( literarisch ) und Misserfolge ( sie wird zunächst nicht wie gewünscht schwanger ) in jenem Jahr. Im Herbst 1959 kann sie sich auf ein Kind freuen, und das Paar macht sich im Winter auf nach England, wo dieses zur Welt kommen soll.  Noch vorher, im Frühjahr findet Sylvia sogar noch einen Verlag für ihren ersten Gedichtband "The Colossus", an dem sie mindestens vier Jahre lang immer wieder gearbeitet hat. Im April  1960 bringt sie dann Frieda Rebecca zur Welt.

In ihrer beengten Londoner Wohnung versucht das Ehepaar, sich so gut wie möglich Zeit für ihre Gedichte wie die Kinderbetreuung zu nehmen. Eine Freundin erinnert sich später an die Szenerie: 
"Eine Schreibmaschine stand auf einem kleinen Tisch am Fenster, und sie wechselten sich ab, während der eine eine Schicht arbeitete, passte der andere auf das Baby. Nachts räumten sie die Maschine weg, um Platz für das Kinderbett zu schaffen."
1962

Nach einer Fehlgeburt & einer Blinddarm-Operation kann die junge Mutter einen ersten Entwurf für ihren Roman schreiben. Um der Enge in der Londoner Wohnung & den hohen Lebenshaltungskosten in der Stadt zu entgehen, kauft sich das Paar ein großes, baufälliges Reetdachhaus in dem Dorf North Tawton in Devon und zieht dort Ende August 1961 ein. Anfang 1962 kommt Nicholas Farrar, ihr zweites Kind, zur Welt.

Wieder offenbart ihr Tagebuch die widersprüchlichsten Gefühle. In den Briefen an die Mutter dagegen lesen wir ständig vom Glück der Überfliegerin in all den Bereichen, die eine Frau je ausfüllen kann. Tatsächlich verzweifelt sie aber an den ständigen Unterbrechungen, den seltsamen Sitten der Einheimischen und dem Druck, sich dem Dorfleben anzupassen. 

Allerdings gelingt es Sylvia in dieser Zeit ebenfalls, so etwas wie eine Schreibroutine zu entwickeln. In den neuen Gedichten kann man jedoch eine subtile Veränderung in der bis dahin fruchtbaren Beziehung zwischen Hughes und ihr ablesen: Sie handeln nun von der Unbeständigkeit ihrer Liebe - eine schreckliche Erkenntnis für die Dichterin. Tatsächlich hat sie mitbekommen, wie ihr Mann eine Besucherin in ihrem Zuhause, Assia Wevill, küsst. Er müsse alle sieben Jahre sein Leben mal in die Luft jagen, so Hughes, und er benötige eine Trennung auf Zeit, als sie ihn zur Rede stellt.

Sylvia zerreißt und verbrennt daraufhin seine Manuskripte. Als sie sich endlich wieder gefasst hat, schreibt sie, sich mit der antiken Medea von Euripides identifizierend, innert sechs Wochen das Manuskript von "Ariel", einundvierzig Gedichte - eine beachtliche, produktive Schaffensphase! Dann, im Dezember 1962, übersiedelt sie mit ihren Kindern in eine Maisonettewohnung in London.

In den ersten 31 Jahren ihres Lebens interessieren sich für das Werk und das Wohl­ergehen der Sylvia Plath nur wenige: ihre Mutter, ihr Bruder, ihr Ehemann und Freunde, einige Redakteure, ein Kritiker. Das ändert sich nun bald im bitter­kalten Februar 1963:
Das Haus, in dem Sylvia Plath
in ihren letzten Wochen gelebt hat
CC BY 2.0

Im Januar, einige Wochen vorher, ist ihr einziger Roman "Die Glasglocke" unter dem Pseudonym Victoria Lucas erschienen. Ihrem Freund Al Alvarez gegenüber bezeichnet sie den als "autobiografische Lehrlingsarbeit", die sie habe schreiben müssen, um sich von ihrer Vergangenheit zu befreien. Weniger als ein halbes Jahr hat sie dafür gebraucht, ist im August 1961 fertig geworden. Und während sie an den Ariel-Gedichten sitzt, schickt sie die korrigierten Fahnen des Romans ab.

"Dieser Roman ist ein frühes Manifest gegen ein Demokratieverständnis, das sich auf Konsum, Geld und die puritanische Pflicht zur Ehe beschränkt", so der Kritiker Helmut Böttiger hier aus Anlass der Wiederveröffentlichung 2013.

Am 11. Februar 1963, im Alter von 30 Jahren, dreht Sylvia Plath den Gashahn ihres Herdes auf. Zuvor hat sie ein Schlafmittel genommen und die Küche abgedichtet. Ihre Kinder schlafen ein Stockwerk über ihr. Abschiedsbriefe hat sie hinterlassen sowie einen Zettel mit der Angabe der Telefonnummer ihres Arztes und der Bitte, diesen anzurufen. Hat sie gehofft, noch rechtzeitig aufgefunden zu werden?

Sie wird in der Nähe des Geburtsortes ihres Mannes beigesetzt. Die Kinder leben ab da bei ihm und Assia Wevill, die zu Hughes zieht und sich um diese kümmert. Auch wenn Sylvias Arzt erklärt, dass sie zum Zeitpunkt ihres Selbstmords krank und depressiv, also nicht bei Verstand gewesen und deswegen jede Art psychologischer Erklärung unangemessen sei, bleibt die Rolle des Dichters, der erst 35 Jahre später, mit 68 Jahren, sterben wird, in diesem Drama die eines Betrügers. 

Er wird ihre nachgelassenen Ariel - Gedichte zur Veröffentlichung an den Verlag weiter geben, ihren letzten Tagebuchband aber vernichten. Eine Auswahl davon bringt er 1982 heraus. Sein eigenes Schreiben tritt zunächst in den Hintergrund, weil Hughes sich vor allem mit Sylvia Plaths literarischem Nachlass widmet.

Zehn Monate nach Sylvias Tod kann der Londoner Verlag Faber & Faber, der die posthum publizierten  Ariel-Gedichte verlegt, eine für Lyrik ungewöhnlich hohe Auflage vermelden: 15 000 verkaufte Bücher. Der Erfolg wiederholt sich in den Staaten. "Ariel" wird von den Rezensenten als bedeutender Beitrag zu einer mit Herzblut geschriebenen modernen Lyrik gefeiert. In Deutschland kommt "Ariel", übersetzt von Erich Fried, erst 1974 heraus. Da ist Sylvia Plath bereits ein tragisches Phänomen der Literatur­geschichte wie der Frauenbewegung, eine Ikone des weiblichen Genies wie des weiblichen Scheiterns, die bis heute beschäftigt. 

Im Sylvia Plaths Poem "Last Words" heißt es:

I do not want a plain box, I want a sarcophagus
With tigery stripes, and a face on it
Round as the moon, to stare up. 

In gewisser Weise hat sie so etwas erreicht, oder? 

 
                                                                  


Weitere Lebensgeschichten von Frauen, 
die in dieser Woche einen Gedenktag haben, habe ich hier verlinkt: