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Freitag, 20. Mai 2022

Friday-Flowerday: Ein Rosenstrauß vom Wochenmarkt

Als ich letzten Sonnabend bei Mudderns war, wollte sie nicht nur zu Fuß ins Dorf gehen, sondern auch über den Wochenmarkt. Beides macht sie normalerweise jeden Sonnabend, aber wenn ich da bin, besteht sie seit einiger Zeit darauf, dass sie zu schwach zum Gehen ist, wir mit dem Auto fahren müssen. Dass ihre Gesellschafterin neuerdings zwei Mal in der Woche kommt, tut Mudderns augenscheinlich psychisch sehr gut.

Ein Strauß aus gelben Rosen.

Auf dem Wochenmarkt kauft Mudderns jeden Sonnabend Blumen für sich, und, wenn sie sonntags zum Friedhof möchte, auch Blumen für Vadderns. Diesmal schenkte sie mir einen Blumenstrauß - das kommt sehr selten vor!

Die Blumen mussten vier Stunden im heißen Auto ausharren, denn vorm Elbtunnel stand der Verkehr (normalerweise brauche ich maximal 45 Minuten von Tür zu Tür). Zu Hause kamen sie in meine "Rosenvase". Die heißt so, weil auf ihr Rosen sind und weil meine Nenn-Omi sie mir mal mit einem Strauß aus ihren Wildrosen mitgab. Sie hatte einen über zwei Hektar großen Garten mit Seerosenteich, Enten, Bienenstöcken, ganz vielen Rhododendren, zwei Eseln, ganz vielen Wildrosen, Apfel- und anderen Obstbäumen, Zaubernuss und vielen wilden Ecken. 

Im Laufe der Jahre verwilderte der Garten immer mehr, weil die alte Dame es nicht mehr schaffte, alles zu versorgen. Die Esel und Enten bekamen eine neue Heimat. Einzig die Bienen behielt sie bis kurz vor die Übersiedlung ins Pflegeheim, und so bekam ich im Sommer oft morgens um sechs Uhr Anrufe von ihr. Zu der Zeit war sie schon seit Sonnenaufgang im Garten unterwegs gewesen, um die Bienen zu versorgen. 

Wenn ich bei ihr zu Besuch war, bekam ich immer etwas mit:  Selbstgemachte Ringelblumensalbe für unsere Neurodermitis-Hände (die Salbe war auf Schweineschmalzbasis - sehr gewöhnungsbedürftig), Zaubernusszweige im Winter (die in eine der hier vorgestellten Vasen kamen), Äpfel und Honig im Herbst, Rosen im Sommer - und damit die heil bei mir ankamen, gab sie mir beim ersten Mal die Rosenvase mit (ich vermute, es ist eigentlich ein Zahnputzbecher).

Meine Nenn-Omi versuchte auch immer, mir die Natur nahezubringen, aber obwohl ich gerne gärtnere, kann ich mir vieles einfach nicht merken. Ihr Wissen war einfach einzigartig! Ich bin sehr dankbar, dass wir uns kennenlernten und lernte abseits des Gartens viel von ihr, vor allem Großherzigkeit, Großzügigkeit und Menschlichkeit. 

Die NS-Zeit überlebte sie sehr abenteuerlich, gehörte zum Umfeld der Roten Kapelle, entkam durch Zufälle, Glück und solidarischer Kameradschaft allen Verhaftungswellen. Nach der Befreiung schloss sie rasch das Studium ab, arbeitete als Privatlehrerin für eine Fürsten-Familie und heiratete schließlich einen viel älteren Buchhändler. Die Ehe war alles andere als glücklich; erst nach dem Tod ihres Mann begann sie, wieder zu leben. In ihrem kleinen Hexenhäuschen inmitten des riesigen Grundstücks führte sie ein Leben voller Musik, Literatur, Kunst - und Orchideen, für die sie eigens ein riesiges Fenster einbauen ließ. 

Das Haus war immer offen, gerade auch für Menschen in Not - so zum Beispiel für einen jungen Mann, der, kaum 20 Jahre alt, zum Mörder wurde, und einen anderen jungen Mann, der in ein Bürgerkriegsland abgeschoben werden sollte. Beide wurden kurzerhand adoptiert, um ihnen mit neuem Nachnamen ein anderes Leben zu ermöglichen. Dafür wählte sie ihren Geburtsnamen, denn gegen alles andere hätte die Familie ihres Mannes rebelliert (eine andere oder Kinder hatte sie nicht; der Kontakt zu ihren Geschwistern und deren Familien war abgerissen). 

Der Familie ihres Mann missfiel nicht nur das. Die alte Dame hatte zwar lebenslanges Wohnrecht in ihrem Hexenhäuschen, war finanziell durch eigene Arbeit gut abgesichert, aber die Familie machte kein Hehl daraus, dass das Grundstück lieber heute als morgen zu Geld gemacht werden sollte. Kaum kam die alte Dame in ein Pflegeheim, weil sie sich nicht mehr alleine versorgen konnte, wurde das Grundstück verkauft. Heute stehen dort teure 08/15-Reihenhäuser mit 08/15-Gärten. Ich war seit dem Ausräumen des Hauses nicht mehr dort - es würde zu sehr schmerzen. 

Zu unseren Treffen gehörte auch immer ein Essen, für das sie sorgte: Sie fuhr gerne zum Forellenhof, weil sie in der Nähe gut mit den Pudeln laufen konnte, also gab's regelmäßig Räucher-Forellen mit Pellkartoffeln (oder Forelle blau an Silvester). Im Winter gab's Grünkohl - lohnt sich ja nicht für eine alleine, genug, dass ich etwas mitnehmen musste, war also immer da. Zum Grünkohl gehörten natürlich kleine zuuckerbraune Kartoffeln! Jetzt um diese Jahreszeit gab's selbstverständlich Spargel mit Schinken. Die alte Dame war außerdem der Meinung, Schinken und Milch seien das Heilmittel gegen Kummer jeglicher Art - dass ich eine Zeitlang koscher lebte, war da egal: Bei Kummer gibt's Schinkenbrot mit Milch, basta!   

Dieser Beitrag geht rüber zur Freutag-Linkparty und zum Friday Flowerday. Vielen Dank für's Sammeln!

Montag, 16. Mai 2022

Das ehemalige Ernst-Drucker-Theater

Wir haben uns da was eingetreten. Es ist braun. Es riecht nach Faschismus, Nationalismus, Antisemitismus und Rassismus. Wir hatten schon mal Faschismus in Deutschland. Mein Bedarf daran ist hinreichend gedeckt. Ich muss keinen faschistischen Staat erleben. Mir reichen die Erinnerungen an den, den es zwischen 1933 und 1945 gab.

Montags erinnere ich daran, was passiert, wenn es mit der Demokratie bergab geht und wie es anfing, denn die Nazis fielen ja nicht 1933 vom Himmel. Die krochen schon Jahre vorher aus ihren Löchern, wurden nicht rechtzeitig aufgehalten, auch, weil man sie nicht ernst nahm, dachte, es wird schon nicht so schlimm.

Wurde es aber.

In loser Folge gibt's hier also montags Kunst und Denkmäler gegen Faschismus, Nationalismus und Rassismus. Orte, die daran erinnern, gibt es in unserer Stadt genug, denn wie gesagt: Wir hatten das schon mal.


Im Winter traf sich das braune Pack täglich in vielen Stadtteilen, um gegen die Corona-Maßnahmen zu demonstrieren. Letztlich wollen die Demonstranten aber nichts anderes als einen faschistischen Staat, marschieren inzwischen nicht mehr nur von der AfD begleitet, sondern offen der NDP und anderen rechtsradikalen Parteien und Organisationen hinterher. 

Das heutige St. Pauli Theater hieß bis 1941 Ernst Drucker Theater.

Seit 2011 steht unter dem Schriftzug "St. Pauli Theater" wieder der ursprüngliche Name des Hauses am Spielbudenplatz: "Ernst Drucker Theater". Ich finde ja, man hätte das Theater gleich ganz umbenennen können, aber nun ja. 

Das Theater wird 1841 als "Urania-Theater" eröffnet. Es ist das älteste Privattheater Hamburgs und eines der ältesten Theater Deutschlands. Nach wechselvoller Geschichte kauft der erst 29jährige Ernst Drucker das Haus 1884 und baut es sehr erfolgreich zu einem Volkstheater aus. Auf dem Spielplan stehen überwiegend niederdeutsche Lustspiele mit Lokalkolorit und Sittenstücke, moralisierende Dramen. Die Zuschauer kennen die Orte, an denen die Stücke spielen, und können sich mit den Protagonisten identifizieren. Gleichzeitig setzt Drucker auch auf zeitgenössische Autoren wie Gerhart Hauptmann und Henrik Ibsen. Seine Mischung hat Erfolg, wenngleich "das Drucker" mehr für Amüsemang als für Anspruch steht. 

Über Ernst Drucker ist wenig bekannt. Er wird am 23. Oktober 1855 als Nathan Drucker in eine jüdische Hamburger Kaufmannsfamilie geboren. Er heiratet die Opernsängerin Anna Dombrowska, eine Protestantin. Die Ehe ist kurz; Anna Drucker stirbt 1882 im Alter von 27 Jahren. Drucker heiratet erneut.

Kurz vor seinem 27. Geburtstag im Oktober 1882 konvertiert Nathan Drucker zum Protestantismus und gibt sich den Vornamen Ernst. 1908 gibt Drucker die Theaterleitung ab, übernimmt sie dann aber im Ersten Weltkrieg wieder. Jetzt stehen Sonderaufführungen für verletzte Soldaten auf dem Spielplan. Ernst Drucker stirbt am 19. Mai 1918 in Hamburg. Seine Frau Else führt das Theater weiter, verkauft es drei Jahre später an Siegfried Simon, der u.a. das Flora-Theater am Schulterblatt betreibt. Nach dessen Tod übernimmt es seine Frau Anna. Sie bleibt bis zu ihrem Tode 1964 die Intendantin.

Anlässlich des 100. Jubiläums des Ernst Drucker Theaters am 24. Mai 1914 wird eine Festschrift erstellt - samt Grußwort von Emmy Göring. Die Festschrift wird schnell wieder eingestampft, denn es stellt sich heraus, dass Ernst Drucker als Jude geboren wurde. Auch sein Nachfolger Siegfried Simon ist Jude. Seine Kinder Kurt und Edith, die ihre Mutter bei der Theaterleitung unterstützen, gelten nach den NS-Gesetzen als Juden. Kurt Simon erhält Berufsverbot als Regisseur. Das Theater wird in St. Pauli Theater umbenannt und trägt diesen Namen bis heute. Nach der Befreiung ist das St. Pauli Theater eines der ersten, dass am 29. August 1945 den Spielbetrieb wieder aufnimmt.

Ernst Drucker und seine Frau haben drei Töchter, Wally, Gerda und Helga, die ebenfalls den NS-Rassengesetzen unterliegen. Wally Drucker, verheiratete Boothby, später Valerie Boothby-Colonna, kann nach Frankreich emigrieren, kam über New York und Ägypten schließlich 1970 nach Hamburg zurück. Die Schauspielerin und Autorin verstarb hier 1982. Generell ist die Geschichte der Familie Ernst Drucker noch zu wenig erforscht.  

Montag, 2. Mai 2022

Ausgelesen: Bücher im April 2022

Zwei Mitleser.
"Dass du noch Zeit zum Lesen hast!", sagte Mudderns erstaunt, als ich ihr Ostern die ersten beiden Frau Helbing-Bände* schenkte und meinte, den dritten bekäme sie, wenn ich ihn gelesen hätte, also vermutlich zum Muttertag. Doch, das mit der Zeit zum Lesen klappt ganz gut, zum Beispiel abends vorm Einschlafen. Da lese ich meist eine halbe Stunde oder mehr, um runter zu kommen. 

In diesem Monat merkte ich wieder, welche Erleichterung es ist, dass Mudderns einen Ausweis für die Stadtbücherei hat, denn zu oft wählte ich in den Monaten davor meine Lektüre danach aus, ob sie auch ihren Lesehunger stillen kann, und wenn ich gerade kein Buch für sie hatte, war das Gejammer groß. Jetzt kann ich lesen, wonach mir ist, und wir beide freuen uns, wenn ich Krimis entdecke, die ihr gefallen.

Den April begann ich wieder mit Krimis. "Enna Andersen und der falsche Täter*" ist der vierte Band der Reihe von Anna Johannsen* um die Leiterin einer Cold-Case-Ermittlungseinheit. Der Fall Rieke Erken, die vor einigen Jahren in der Nähe der ostfriesischen Kreisstadt Leer tot im Wald gefunden wurde, ist solide konstruiert. Vieles deutete damals auf ihren Ehemann als Täter hin. Doch Hajo Erken wurde aufgrund einer offensichtlich manipulierten DNA-Spur vor Gericht freigesprochen. Ennas Team macht sich daran, den Fall komplett neu aufzurollen. Die intensiven Zeugenbefragungen ergeben, dass das Opfer jahrelang unter dem krankhaften Kontrollwahn des Ehemanns litt und händeringend nach einem Ausweg suchte. Damit rückt Riekes Mann wieder in den Fokus der Ermittlungen – doch welche Spur führt zum tatsächlichen Mörder? Die Lösung ist überraschend. Ich hoffe auf einen fünften Band.

Bei der Insel-Krimi um Thies Detlefsen und Nicole Stappenbek von Krischan Koch* hinke ich ein wenig hinterher, und so las ich den neunten Band, "Der weiße Heilbutt*" erst jetzt. Die Clique um die "Hidde Kist", den Fredebüller Schnell-Imbiss, und das halbe Dorf machen Strandurlaub auf Amrum, als plötzliche eine Welle dem kleinen Finn einen abgetrennten Frauenfuß auf seine Schaufel spült. Alle starren gebannt aufs Wasser, wo ein riesiger Fisch gerade eine Luftmatratze rammt. Statt ausgelassener Ferienstimmung herrscht jetzt Massenpanik. Hat der Killerfisch bereits eine Frau getötet? Das eingespielte Duo Detlefsen und Stappenbek ermittelt in alle Richtungen. Zwischen Touristenhorden, demonstrierenden Umweltaktivisten, exzentrischen Starköchen, rachsüchtigen Immobilienmaklerinnen und einem verirrten Riesenraubfisch suchen sie fieberhaft nach einem Frauenmörder. Das Buch macht wieder großem Spaß, und der zehnte Band, "Mord im Nord-Ostsee-Express*, ist in der Bücherhalle vorbestellt.

Als Einstimmung auf den hoffentlich stattfindenden Mallorca-Urlaub las ich "Liebe, Mord und Mandelblüten: Eine Auszeit auf Mallorca*" von Carsten Philipp*. Im Mittelpunkt steht Carlos, der nach 15 Jahren das erste Mal wieder in seine alte Heimat Mallorca zurückgekehrte. Er hat sich ein Jahr Auszeit genommen, um sich von seinem stressigen Job als Kriminalhauptkommissar in Deutschland zu erholen. Doch der Mord an einem Deutschen Geschäftsmann und der Hilferuf seiner spanischen Kollegen machen ihm einen Strich durch die Rechnung. Und dann ist da noch sein Erbe, das er von einem alten Freund seiner Mutter erhalten hat und das ein lang gehütetes Geheimnis zu Tage bringt. Es ist der erste Band einer fünfteiligen Reihe. Teilweise hatte ich den Eindruck, einen Reiseführer zu lesen, aber das war okay, und ich freue mich auf die anderen vier Bände.  

Bei "Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch*" von Marina Lewycka* war ich mir unsicher, ob ich das Buch nicht schon kannte - das ist einer der Gründe für diese Reihe. Im Mittelpunkt stehen Nadja und ihre Familie. Als Nadias verwitweter Vater ihr mitteilt, dass er wieder heiraten will, löst er eine gewaltige Familienkrise aus. Seine zukünftige Ehefrau ist eine üppige Blondine, aus der Ukraine wie er auch, mit einer Vorliebe für grüne Satinunterwäsche, Fertiggerichte und hochtechnisierte Kücheneinrichtungen. Nadia ist sofort klar, dass diese Frau vor nichts haltmachen wird, um ihre ehrgeizigen Träume zu verwirklichen. Etwas Gutes hat die Angelegenheit: Nadia und ihre Schwester Vera sprechen seit Jahren das erste Mal wieder miteinander, verbunden durch das gemeinsame Ziel: Ihr Vater muss aus den Klauen der Glücksritterin gerettet werden! Doch auch der alte Mann arbeitet zielstrebig an der Erfüllung seiner Träume. Unter anderem schreibt er an einer 'Geschichte des Traktors auf Ukrainisch', die nicht weniger als die Geschichte der industrialisierten Welt behandelt …  

Mir gefielen die Charaktere und der Stil, so dass ich weitere Titel von Lewycka vorbestellte. Inzwischen habe ich so viele Vormerkungen in der Bücherhalle laufen, dass ich den Überblick verlor ...

Da eine Reihe von den Kollegen aus einem anderen Leben in den letzten Wochen "Meines Vaters Heimat: Was er mir nie erzählte*" von Torkel S. Wächter* las, wurde ich neugierig und bestellte ich mir das Buch in der Bücherhalle. Die Biographie von Walter Wächter war mir aus dem anderen Leben grob bekannt, sein Leben als Michaël Wächter hingegen nicht. Torkel S. Wächter beschreibt das Leben seines Vaters aber auch sein eigenes schonungslos offen - keine leichte Kost, aber absolute Lese-Empfehlung!

Nach dem Tod seines Vaters Michaël fanden Wächter und seine Schwester ein paar vergilbte Briefen aus dem KZ Fuhlsbüttel auf dem Dachboden ihres Elternhauses in Stockholm. Als Wächter verstand, dass der Absender und sein Vater ein und dieselbe Person waren, begann eine Reise zu sich selbst und den eigenen Wurzeln. Auf vier Kontinenten suchte er nach Wegbegleitern des Vaters, die ihr Zuhause verlassen mussten, weil sie gegen die Nazis kämpften oder weil sie Juden waren – oder beides. Er hat sie besucht und kennengelernt, ihren Geschichten zugehört und neue Freundschaften geschlossen. Er ist auf den Spuren seines Vaters durch Europa gefahren und hat seine Flucht 1938 rekonstruiert. So ist dieser Roman entstanden, der sowohl im Hier und Jetzt als auch im heißen Vorkriegssommer 1938 spielt und der vor allem eines klarmacht: Dinge, die verloren gingen, müssen nicht für immer verloren bleiben.

Zwei vorgemerkte Titel von Marina Lewycka trafen ein, so dass ich mit ihr den Lesemonat April beendete. In "Das Leben kleben*" geht's um die Familie von Georgie Sinclair, die gerade ihren Mann Rip vor die Tür setzte und nun mit Sohn Ben alleine wohnt. Als sie Rips Sachen auf den Müll wirft, trifft sie auf Naomi Shapiro, die ganz anders heißt, und den Müll nach Nutzbarem durchwühlt. Die alte Frau lebt in der Nachbarschaft, und die beiden Frauen freunden sich an. Shapiro ist Jüdin und im Zweiten Weltkrieg nach London geflohen. Als sie ins Krankenhaus muss, bittet sie Georgie, sich um das baufällige Haus zu kümmern. Gleich mit ihrer ersten Tat setzt sich Georgie gehörig in die Nesseln: Der Handwerker, den sie mit Reparaturen beauftragt, ist keineswegs Pakistani, wie sie dachte, sondern Palästinenser. Eine potenziell heikle Konstellation. Zusätzliche Komplikationen ergeben sich durch zwei geldgierige Immobilienmakler, eine arglistige Sozialarbeiterin, den plötzlich auftauchenden Sohn der echten Naomi, und Georgies Familie.

Ich lese wieder in Gesellschaft.
Abgesehen von einem zweiten Handlungsstrang, in dem Georgie versucht, einen Roman zu schreiben, macht das Buch Spaß (und die Teile mit den Romanversuchen überblätterte ich einfach).   

Da mir Lewyckas Stil gefiel, las ich als nächstes "Die Werte der modernen Welt unter Berücksichtigung diverser Kleintiere*". Im Mittelpunkt stehen Serge, Clara und ihre Mutter Doro. Die Nachricht ihrer Eltern, nach 35 Jahren doch noch heiraten zu wollen, trifft die Geschwister wie ein Schock. Vor allem Serge steckt in der Bredouille. Schon seit Längerem dient er als Investmentbanker dem elterlichen Feindbild schlechthin: dem Kapitalismus. Sein glorioses Lügengebäude gerät ins Wanken, zeitgleich mit der Welt der Hochfinanz, denn das Buch spielt nicht nur während der Bergarbeiterstreiks 1984/1985, sondern auch während der Finanzkrise 2008

Lewycka hat einen Hang, verschiedene Handlungsstränge nicht zu Ende zu bringen, sondern ins leere laufen zu lassen, die Handlung abrupt enden zu lassen. Es wirkt, als sei die vorgeschriebene Seitenzahl erreicht. Das störte mich schon bei den beiden vorherigen Titeln, aber hier besonders. So bleibt die Brandstiftung samt Misshandlung / Vergewaltigung in der Kommune unaufgeklärt, bleibt im Dunkeln, wie Clara plötzlich zu einem Millionenvermögen kam, ist ihr Vater plötzlich schwerkrank. 

Ich brauche erstmal eine Lewycka-Pause und gehe mit der Miss-Merkle-Reihe von David Safier in dem Mai. "Mieses Karma*" fand ich ja herzlich überflüssig, aber "Miss Merkel: Mord in der Uckermark*" lässt sich ganz gut an. 

*Affiliate links

Montag, 21. Februar 2022

Stolperstein für Paul Seeger in der Luruper Chaussee 119

Wir haben uns da was eingetreten. Es ist braun. Es riecht nach Faschismus, Nationalismus, Antisemitismus und Rassismus. Wir hatten schon mal Faschismus in Deutschland. Mein Bedarf daran ist hinreichend gedeckt. Ich muss keinen faschistischen Staat erleben. Mir reichen die Erinnerungen an den, den es zwischen 1933 und 1945 gab.

Montags erinnere ich daran, was passiert, wenn es mit der Demokratie bergab geht und wie es anfing, denn die Nazis fielen ja nicht 1933 vom Himmel. Die krochen schon Jahre vorher aus ihren Löchern, wurden nicht rechtzeitig aufgehalten, auch, weil man sie nicht ernst nahm, dachte, es wird schon nicht so schlimm.

Wurde es aber.

In loser Folge gibt's hier also montags Kunst und Denkmäler gegen Faschismus, Nationalismus und Rassismus. Orte, die daran erinnern, gibt es in unserer Stadt genug, denn wie gesagt: Wir hatten das schon mal.

Aktuell trifft sich das braune Pack täglich in vielen Stadtteilen, um gegen die Corona-Maßnahmen zu demonstrieren. Letztlich wollen die Demonstranten aber nichts anderes als einen faschistischen Staat, marschieren inzwischen nicht mehr nur von der AfD begleitet, sondern offen der NDP und anderen rechtsradikalen Parteien und Organisationen hinterher. 

Im ersten Block der Siedlung an der Luruper Chaussee in Bahrenfeld wohnt Paul Seeger mit seiner Frau und seiner kleinen Tochter.

Heute vor 83 Jahren, am Abend des 21. Februar 1939, stirbt Paul Seeger. Der 28jährige setzt seinem Leben selbst ein Ende, in dem er in der Küche seiner Wohnung in der Luruper Chaussee 119 den Gashahn aufdreht. Seiner Frau gelingt es nicht, die gemeinsame Wohnung zu betreten. Als sie den Gasgeruch bemerkt, ruft sie die Polizei, die die Öffnung der Wohnung veranlasst. Seeger verstirbt auf dem Weg ins Altonaer Krankenhaus.

Der junge Mann, der in einfachen Verhältnissen im Hamburger Karoviertel aufwächst und eine Ausbildung zum Autoschlosser macht, ist bereits 1929 NSDAP-Mitglied und wegen Verstoßes gegen das Republikschutzgesetz verurteilt. 

Stolperstein für Paul Seeger vor dem Haus Luruper Chaussee 119.

1938 heiratet Paul Seeger die 34jährige Sophie Sonntag. Das Paar bekommt ein Kind. Trotz vordergründiger Heterosexualität scheint sich Seeger zu Männern hingezogen zu fühlen. Vermutlich gerät er wegen homosexueller Beziehungen ins Visier der Kriminalpolizei. Auch eine Erpressung ist möglich, aber es gibt nur wenig konkrete Hinweise. 

Rückseite des Wohnblocks, in dem Paul Seeger mit seiner Familie wohnt. Die Balkone wurden in den 1990er Jahren angebaut.

Eine Woche vor seiner Selbsttötung unternimmt Seeger bereits einen Versuch, den seine Frau rechtzeitig bemerkt und verhindern kann. Seeger verschwindet daraufhin, taucht erst am 21. Februar wieder in der gemeinsamen Wohnung auf. 

Sophie Seeger macht zu den möglichen Suizidgründen nur wage Angaben, sicher auch, um ihren schwulen Bruder zu schützen. Sie begründet aber der Polizei gegenüber das Verschwinden ihres Mannes u.a. mit möglichen homosexuellen Kontakten. Was den jungen Mann, der ursprünglich überzeugten Nationalsozialist war, also in den Tod trieb, kann nur vermutet werden.

Eingang zum Wohnblock der Familie Seeger mit Stolperstein.

Mehr zur Biographie Paul Seegers findest du hier. Die Siedlung Luruper Chaussee 1 - 123 plante übrigens Gustav Oelsner. Aber das ist eine andere Geschichte.

Montag, 14. Februar 2022

Das Wolfgang-Borchert-Denkmal am Schwanenwik

Wir haben uns da was eingetreten. Es ist braun. Es riecht nach Faschismus, Nationalismus, Antisemitismus und Rassismus. Wir hatten schon mal Faschismus in Deutschland. Mein Bedarf daran ist hinreichend gedeckt. Ich muss keinen faschistischen Staat erleben. Mir reichen die Erinnerungen an den, den es zwischen 1933 und 1945 gab.

Montags erinnere ich daran, was passiert, wenn es mit der Demokratie bergab geht und wie es anfing, denn die Nazis fielen ja nicht 1933 vom Himmel. Die krochen schon Jahre vorher aus ihren Löchern, wurden nicht rechtzeitig aufgehalten, auch, weil man sie nicht ernst nahm, dachte, es wird schon nicht so schlimm.

Wurde es aber.

In loser Folge gibt's hier also montags Kunst und Denkmäler gegen Faschismus, Nationalismus und Rassismus. Orte, die daran erinnern, gibt es in unserer Stadt genug, denn wie gesagt: Wir hatten das schon mal.

Aktuell trifft sich das braune Pack täglich in vielen Stadtteilen, um gegen die Corona-Maßnahmen zu demonstrieren. Letztlich wollen die Demonstranten aber nichts anderes als einen faschistischen Staat, marschieren inzwischen nicht mehr nur von der AfD begleitet, sondern offen der NDP und anderen rechtsradikalen Parteien und Organisationen hinterher.  

Seit 1996 erinnert am Schwanenwik Timm Ulrichs "Denkmal für den 'unbehausten Dichter' Wolfgang Borchert" an den Literaten. 

Gestern vor 75 Jahre hatte ein Hörspiel Radiopremiere, das eine ganze Generation prägte: "Draußen vor der Tür" von Wolfgang Borchert wurde erstmals vom NWDR ausgestrahlt. Neun Monate später hatte das Theaterstück in den Hamburger Kammerspielen Premiere. 

Das Denkmal enthält neben Borcherts Lebensdaten zwei Zitate aus dem Prosastück "Generation ohne Abschied": "Wir sind die Generation ohne Bindung und ohne Tiefe. Unsere Tiefe ist Abgrund." und "Wir sind eine Generation ohne Abschied, aber wir wissen, daß alle Ankunft uns gehört." 

Der kaum 26jährige Borchert schrieb das Drama in nur acht Tagen zwischen Herbst 1946 und Januar 1947 nieder. Es geht um den Kriegsheimkehrer Beckmann, dem es nach dreijähriger Kriegsgefangenschaft nicht gelingt, sich wieder ins Zivilleben einzugliedern. Während er noch durch die Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs geprägt ist, haben seine Mitmenschen die Vergangenheit längst verdrängt. Auf den Stationen seiner Suche nach einem Platz in der Nachkriegsgesellschaft richtet Beckmann Forderungen nach Moral und Verantwortung an verschiedene Personentypen, Gott und den Tod. Am Ende bleibt er von der Gesellschaft ausgeschlossen und erhält auf seine Fragen keine Antwort. Borchert gab mit seinem Protagonisten vielen jungen, aber auch älteren Männern eine Stimme und wurde quasi über Nacht bekannt.

Das Denkmal enthält neben Borcherts Lebensdaten zwei Zitate aus dem Prosastück "Generation ohne Abschied": "Wir sind die Generation ohne Bindung und ohne Tiefe. Unsere Tiefe ist Abgrund." und "Wir sind eine Generation ohne Abschied, aber wir wissen, daß alle Ankunft uns gehört." 

Anlässlich des 75. Jahrestages der Radio-Uraufführung gibt es hier Hörerbriefe zu lesen. In der NDR-Mediathek ist die Erstfassung zum Nachhören archiviert.

Am 21. Mai 1921 als Sohn eines Lehrers und der plattdeutschen Schriftstellerin Hertha Borchert in Eppendorf geboren, kam Borchert früh in Kontakt mit Kunst und Literatur und entwickelt ein Gespür, wenn seitens jedweder Obrigkeit die Freiheit der Kunst eingeschränkt werden sollte. Nachbarn denunzieren Hertha Borchert 1934 wegen abfälliger Äußerungen über die SA; die Familie gerät ins Visier der Gestapo. 

Ihr Sohn schreibt als 15jähriger erste Gedichte - oft mehrere am Tag. Er schreibt wie im Rausch, als wüsste er, dass ihm nicht viel Zeit bleibt. Aber eigentlich möchte er Schauspieler werden, verfasst 17jährig sein erstes Drama. Kurz darauf verlässt Wolfang Borchert die Schule ohne Abschluss - er ist ein schlechter Schule. Auf Betreiben seiner Eltern beginnt er eine Buchhändlerlehre; außerdem nimmt er Schauspielunterricht. Später bricht er die Buchhändlerlehre zugunsten der Schauspielausbildung ab.

An den beiden Schmalseiten sind zwei negative Handabrücke zu sehen: Im Inneren der Plastik ist die Hohlform eines lebensgroßen Menschen mit ausgestreckten Armen. Die Füße lassen sich unten zwischen den beiden Steinblöcken, auf denen die Plastik steht, ertasten. 

Im April 1940 gerät Borchert zum ersten Mal in Konflikt mit der Gestapo: Ihm werden Verherrlichung der Homosexualität in seinen Gedichten sowie eine homosexuelle Beziehung vorgeworfen. Vermutlich wird die Familie seit Denunziation der Mutter überwacht. Dennoch pflegt der junge Mann weiterhin Umgang mit regimekritischen Künstlerkreisen und schränkt sich in seinen Äußerungen gegen die Nazis nicht ein. 

Der Handabdruck im Detail.

Als 20jähriger wird Borchert zum Kriegsdienst eingezogen und kommt an die Ostfront mit erbarmungslosen Wintern mit bis zu 40 Grad unter Null. Unter ungeklärten Umständen erleidet er eine Schussverletzung, die ihm einen Finger an der linken Hand kostet. An Diphterie erkrankt, wird er ins Lazarett nach Deutschland verlegt und gleichzeitig wegen der Schussverletzung wegen Verdachts der Selbstverstümmelung verfolgt. Ein Prozess findet statt. Die Anklage fordert die Todesstrafe, aber Borchert wird freigesprochen. Er bleibt dennoch in Haft, wird wegen seiner kritischen Äußerungen gegen die Nazis aufgrund des Heimtückegesetzes angeklagt und zu verschärftem Arrest mit anschließender "Frontbewährung" verurteilt. 

Wolfgang Borchert kommt erneut an die Ostfront, erleidet erneut Verletzungen, wird erneut krank und in mehrere Lazarette überstellt, zuletzt in den Harz, von wo aus er u.a. im August 1943 auf Heimaturlaub nach Hamburg darf - kurz nach den Zerstörungen der "Operation Gomorrha", dem "Hamburger Feuersturm". Die Zerstörungen, die "Ruinenstadt", beeinflussen ihn sehr, führen zu Gedichten und Geschichten. Ende des Jahres soll er zur Truppenbetreuung ins Fronttheater wechseln, wird aber aufgrund einer Goebbels-Parodie denunziert, erneut verhaftet, wegen Wehrkraftzersetzung angeklagt, aber zur "Feindbewährung" entlassen. Borchert wird im Kampf um Frankfurt / Main eingesetzt, von Franzosen gefangenen genommen und flieht schwerkrank zu Fuß ins 600 km entfernte Hamburg, als er in ein Kriegsgefangenenlager überstellt werden soll. 

Blick vom Borchert-Denkmal auf die Alster.

Kurz nach der Befreiung Hamburgs trifft Borchert bei seinen Eltern ein. Trotz seines Gesundheitszustands stürzt er sich ins Kulturleben, wird Regia-Assistent am Schauspielhaus, muss aber erneut ins Krankenhaus, wird schließlich als medizinisch hoffnungsloser Fall eingestuft und nach Hause entlassen. Borchert schreibt in den Fieberpausen weiter.

Durch die Radio-Uraufführung von "Draußen vor der Tür" am 13. Februar 1947 wird Wolfgang Borchert innerhalb weniger Monate zum meistdiskutierten Schriftsteller Nachkriegsdeutschlands. Es gelingt, ihn in ein Krankenhaus nach Basel zu verlegen. Dort erhofft er sich bessere Behandlungsmöglichkeiten. Sein Gesundheitszustand verschlechtert sich jedoch zusehends. Wolfgang Borchert verstirbt am 20. November 1947, einen Tag vor der Uraufführung des Theaterstücks "Draußen vor der Tür."


Anlässlich Borcherts 100. Geburtstag im letzten Jahr wurde in der Stabi die "Borchert-Box" mit der Dauerausstellung "Dissonanzen" eröffnet, die sich auch virtuell erleben lässt. Hertha Borchert kümmerte sich um den Nachlass ihres Sohnes und übergibt das Wolfgang-Borchert-Archiv 1976 an die Stabi. In der Tarpenbekstraße 82, dem Geburtshaus Borcherts, erinnerte eine Tafel an den Schriftsteller, und die Geschichtswerkstatt Eppendorf führt regelmäßig literarische Spaziergänge durch. Seit 1996 erinnert am Schwanenwik Timm Ulrichs "Denkmal für den 'unbehausten Dichter' Wolfgang Borchert" an den Literaten. Es wurde anlässlich seines 75. Geburtstags aufgestellt.

Affiliate links zu Büchern von Wolfgang Borchert:

Montag, 7. Februar 2022

Gustav Oelsner, Altonas vergessener Stadtplaner

Wir haben uns da was eingetreten. Es ist braun. Es riecht nach Faschismus, Nationalismus, Antisemitismus und Rassismus. Wir hatten schon mal Faschismus in Deutschland. Mein Bedarf daran ist hinreichend gedeckt. Ich muss keinen faschistischen Staat erleben. Mir reichen die Erinnerungen an den, den es zwischen 1933 und 1945 gab.

Montags erinnere ich daran, was passiert, wenn es mit der Demokratie bergab geht und wie es anfing, denn die Nazis fielen ja nicht 1933 vom Himmel. Die krochen schon Jahre vorher aus ihren Löchern, wurden nicht rechtzeitig aufgehalten, auch, weil man sie nicht ernst nahm, dachte, es wird schon nicht so schlimm.

Wurde es aber.

In loser Folge gibt's hier also montags Kunst und Denkmäler gegen Faschismus, Nationalismus und Rassismus. Orte, die daran erinnern, gibt es in unserer Stadt genug, denn wie gesagt: Wir hatten das schon mal.


Aktuell trifft sich das braune Pack sonnabends in der Innenstadt und unter der Woche in vielen Stadtteilen, um gegen die Corona-Maßnahmen zu demonstrieren. Letztlich wollen die Demonstranten aber nichts anderes als einen faschistischen Staat, marschieren inzwischen nicht mehr nur von der AfD begleitet, sondern offen der NDP und anderen rechtsradikalen Parteien und Organisationen hinterher. 

Das von Gustav Oelsner erbaute Haus der Jugend in der Altonaer Museumstraße, heute Sitz des Altonaer Theaters und einer Berufsschule.

Hamburg hat viele charakteristische Klinkerbauten, die oft nur Fritz Schumacher zugeschrieben werden. Altona, das erst seit 1939 zu Hamburg gehört, ist hingegen maßgeblich von Gustav Oelsner geprägt. Mit Schumacher verbindet ihn eine enge Freundschaft.

Der letzte der Häuserblöcke der Luruper Chaussee 1 - 123. Die Aufstockung erfolgte 1934 und nahm die kubistische Strenge. In dem Block auf dem Foto wohnt übrigens Paul Seeger. Aber das ist eine andere Geschichte-

Der am 23. Februar 1879 in Posen geborene Oelsner kommt als 44jähriger nach Altona, um einen Generalbebauungsplan für die preußischen Städte Altona, Wandsbek und Harburg zu erstellen. Von März 1924 bis zur nationalsozialistischen Machtübernahme ist Oelsner parteiloser Bausenator und Bürgermeister Max Brauer. Ihm ist es zu verdanken, dass Altona zahlreiche Grundstücke an der Elbe kauft, somit eine Parzellierung und Privatisierung verhindert, stattdessen öffentliche Parks gestaltet.

Zwischen den Häuserblöcken gibt es Grünflächen mit Spielplätzen. Die Balkone wurden in den 1990er Jahren angebaut.

Oelsner ist ein Vertreter des Neuen Bauens in seiner strengen kubischen Form. Er verzichtet meist auf keramischen Bauschmuck und nutzt die Möglichkeiten, mit der Anordnung der Klinker gestalterische Akzente zu setzen. Ein Beispiel ist das zwischen 1928 und 1930 erbaute ehemalige "Haus der Jugend" am Platz der Republik gegenüber dem Altonaer Rathaus. Der gelbgeklinkerte Stahlbetonbau, ursprünglich eine Gewerbeschule, beherbergt heute das Altonaer Theater und eine Berufsschule. Er steht im bewussten Kontrast zum Rathaus mit Renaissance-Anklängen und zum rotgeklinkerten Altonaer Museum. Durch geschickte Terrassenbildung wirkt das Gebäude eher filigran als massig. 

Die Siedlung an der Luruper Chaussee wird durch Stichstraßen erschlossen, die für die heutige Autoflut natürlich zu klein sind.

Neben Kommunalbauten prägen aber auch Oelsners Sozialbauprojekte das Altonaer Stadtbild, zum Beispiel das an der Luruper Chaussee oder die Steenkampsiedlung. Großen Wert legt er darauf, dass in der Nähe seiner Wohnbauten auch Schulen entstehen, die inzwischen leider oft abgerissen wurden. Spielplätze und Grünflachen sind ebenfalls fester Bestandteil seiner Planungen. 

Neben einem fächerförmigen Pavillon mit fünf Läden für die Grundversorgung der Bewohner an der Ecke zur Theodorstaße, der inzwischen leider leer steht, gibt es auch ein zentrale Heiz- und Waschhaus (heute Sitz einer Firma).

Zwar ist Gustav Oelsner parteilos, aber er gehört dem sozialdemokratischen Magistrat an und wird daher von den Nationalsozialisten abgesetzt. Oelsner geht in den Ruhestand Ein Prozess wegen vermeintlichen Amtsmissbrauchs und Verschwendung öffentlicher Gelder gegen ihn endet 1934 mit einem Freispruch. Zu diesem Zeitpunkt spielt seine jüdische Herkunft noch keine Rolle, aber 1937 wird der 58jährige Oelsner gezwungen, den Vornamen "Israel" zu führen. Zwar konvertiert er schon als Jugendlicher zum Christentum, aber seine Eltern sind Juden.

Zwar wird Oelsner jetzt aufgrund seiner jüdischen Herkunft verfolgt, aber er hat noch die Möglichkeit, zu einem Städtebaukongress in die USA zu fahren. Hier begegnet ihm Max Brauer, der ihm von einer Rückkehr nach Deutschland abrät. Kurz vor dem deutschen Überfall auf Polen gelingt es Oelsner durch Vermittlung Schumachers, nach Ankara zu emigrieren. Dort lebt er bis 1949, ist in Ankara verantwortlich für den Städtebau der sich modernisierenden Türkei und baut den Lehrstuhl für Städtebau an der Technischen Universität Istanbul auf. 

Nach der Befreiung holt der inzwischen nach Hamburg zurückgekehrte und zum Bürgermeister gewählte Max Brauer Oelsner als Referent für Aufbauplanung nach Hamburg zurück. Diesmal kümmert sich der inzwischen 70jährige um die Neugestaltung der Innenstadt und ist Gründungsmitglied der Freien Akademie der Künste. Mit 73 Jahren geht Gustav Oelsner 1953 in den Ruhestand. Er stirbt 1956 und ist neben Fritz Schumacher auf dem Althamburgischen Gedächtnisfriedhof in Ohlsdorf beigesetzt. Neben seinen Bauten erinnert der Oelnerring in Osdorf / Groß Flottbek an den Architekten, Stadtplaner und Hochschullehrer. Im Altonaer Theater steht eine Oelsner-Büste, und die nach ihm benannte Gesellschaft kümmert sich um sein Andenken.

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Montag, 31. Januar 2022

Stolpersteine vor der Staatsoper

Wir haben uns da was eingetreten. Es ist braun. Es riecht nach Faschismus, Nationalismus, Antisemitismus und Rassismus. Wir hatten schon mal Faschismus in Deutschland. Mein Bedarf daran ist hinreichend gedeckt. Ich muss keinen faschistischen Staat erleben. Mir reichen die Erinnerungen an den, den es zwischen 1933 und 1945 gab.

Montags erinnere ich daran, was passiert, wenn es mit der Demokratie bergab geht und wie es anfing, denn die Nazis fielen ja nicht 1933 vom Himmel. Die krochen schon Jahre vorher aus ihren Löchern, wurden nicht rechtzeitig aufgehalten, auch, weil man sie nicht ernst nahm, dachte, es wird schon nicht so schlimm.

Wurde es aber.

In loser Folge gibt's hier also montags Kunst und Denkmäler gegen Faschismus, Nationalismus und Rassismus. Orte, die daran erinnern, gibt es in unserer Stadt genug, denn wie gesagt: Wir hatten das schon mal.


Aktuell trifft sich das braune Pack sonnabends in der Innenstadt und unter der Woche in vielen Stadtteilen, um gegen die Corona-Maßnahmen zu demonstrieren. Letztlich wollen die Demonstranten aber nichts anderes als einen faschistischen Staat, marschieren inzwischen nicht mehr nur von der AfD begleitet, sondern offen der NDP und anderen rechtsradikalen Parteien und Organisationen hinterher. 

Ein Teil der Stolpersteine vor der Hamburgischen Staatsoper. Der, der an Gustav Brecher erinnert, ist links oben in der zweiten Reihe.

Vor der Hamburgischen Staatsoper liegen zwölf Stolpersteine für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die während der NS-Zeit verfolgt und ermordet wurden. Einer von ihnen, der Dirigent und Komponist Gustav Brecher, wird am 5. Februar 1879 als jüngstes von drei Kindern in Nordböhmen geboren. Seine Mutter Johanna ist eine Tochter des orthodoxen Hamburger Oberrabbiners Isaac Bernays, sein Vater der Arzt Alois Brecher.

Als Gustav zehn Jahre alt ist, zieht die Familie nach Leipzig, wo das Kind das Gymnasium besucht. Nebenbei erhält der Junge Unterricht bei dem Komponisten, Pianisten und Musiktheoretiker Salomon Jadassohn. Im Alter von 17 Jahren wird sein erstes Werk uraufgeführt; Dirigent ist niemand anderes als Richard Strauss. Ein Jahr später beginnt Brecher sein Musikstudium am Leipziger Konservatorium und debütiert im gleichen Jahr als Dirigent. Im gleichen Jahr wird seine Sinfonische Phantasie "Aus unserer Zeit" von Richard Strauss in München und Berlin uraufgeführt.

Blick auf die Hamburgische Staatsoper.

In den folgenden Jahrzehnten lebt und arbeitet Brecher u.a. in Wien und Hamburg. In beiden Städten wird er von Gustav Mahler gefördert. Dirigiert Strauss die Erstlingswerke des jungen Brecher, dirigiert nun Brecher die Hamburger Erstaufführungen von Strauss' "Salome" und "Elektra". Während eines Engagements in Berlin lernt der 41jährige Brecher Gertrud "Gerti" Deutsch kennen und heiratet die 26jährige 1920. Nach Engagements, die Brecher durch halb Europa führen, lässt sich das Paar in Leipzig nieder.

Dort gerät Brecher schon früh mit den Nationalsozialisten in Konflikt. So sorgen schon im März 1930 bei der Uraufführung von "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" (Bert Brecht/Kurt Weill)  im Zuschauerraum uniformierte SA-Männer für Störungen. Die Aufführung kann nur mit Mühe beendet werden. Die Absetzung der Oper wird gefordert, aber schließlich kann die zweite Vorstellung stattfinden. 

Im Februar 1933 wird Brecher entlassen und erhält ein Berufsverbot. Am 4. März 1933 darf er noch ein letztes Mal in der Leipziger Oper dirigieren. Brecher und seine Frau werden gesellschaftlich isoliert. Es gibt Schilderungen, nach denen sogar die zu ihrem Haus führende Straßenbahnlinie auf potentielle Besucher überwacht wird. 

Vier weitere Stolpersteine vor der Staatsoper.

Das Paar verkauft sein Haus in Leipzig. Brecher übernimmt Engagements in Leningrad, Wien und Prag. Schließlich zieht das Paar zu Brechers Schwiegermutter Lili Deutsch nach Berlin, beantragt erfolgreich die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft und zieht nach Brünn. Mit der deutschen Annexion der Tschechoslowakei sitzt das Paar in der Falle und steht unter Druck, ein sicheres Zufluchtsland zu finden. Sie entschließen sich, nach Belgien zu gehen. Damit werden beide zu Staatenlosen, da die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft außerhalb des Protektorats Böhmen und Mähren nicht mehr gilt, ihnen als Juden der Rückerwerb der deutschen Staatsbürgerschaft als Juden verwehr ist. 

In Belgien treffen die Brechers auf Lili Deutsch. Zu dritt wollen sie nach Portugal auswandern. Die Schiffpassage ist für den 12. April 1939 gebucht. Sie kann trotz gültiger Papier und Empfehlungsschreiben des Portugiesischen Botschafters in Berlin nicht angetreten werden, da sich der Kapitän weigert. Das Ehepaar Brecher und Lili Deutsch suchen weiterhin nach einem sicheren Zufluchtsland, aber vergeblich. Sie sitzen im Seebad Ostende in Belgien fest. Am 10. Mai 1940 beginnt der deutsche Überfall auf Belgien. 

Das Schicksal des 61jährigen Gustav Brechers, seiner 44jährigen Frau Gerti sowie der 70jährigen Lili Deutsch nach der deutschen Besetzung ist unklar. Angeblich hat ein Fischer sie über den Ärmelkanal nach England übergesetzt. Das legen Schilderungen von Weggefährten und Einträge in belgische Immigrationsakten aus dem April 1941 nahe. In England kommen die drei aber nicht an. Gustav und Gerti Brecher sowie Lili Deutsch gelten als verschollen. 


Mehr zum Projekt "Verstummt Stimmen", in dessen Rahmen die ersten Stolpersteine verlegt wurden. 

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Montag, 24. Januar 2022

Meßberghof / Ballinhaus: Der Tod kam aus Hamburg

Wir haben uns da was eingetreten. Es ist braun. Es riecht nach Faschismus, Nationalismus, Antisemitismus und Rassismus. Wir hatten schon mal Faschismus in Deutschland. Mein Bedarf daran ist hinreichend gedeckt. Ich muss keinen faschistischen Staat erleben. Mir reichen die Erinnerungen an den, den es zwischen 1933 und 1945 gab.

Montags erinnere ich daran, was passiert, wenn es mit der Demokratie bergab geht und wie es anfing, denn die Nazis fielen ja nicht 1933 vom Himmel. Die krochen schon Jahre vorher aus ihren Löchern, wurden nicht rechtzeitig aufgehalten, auch, weil man sie nicht ernst nahm, dachte, es wird schon nicht so schlimm.

Wurde es aber.

In loser Folge gibt's hier also montags Kunst und Denkmäler gegen Faschismus, Nationalismus und Rassismus. Orte, die daran erinnern, gibt es in unserer Stadt genug, denn wie gesagt: Wir hatten das schon mal.


Aktuell trifft sich das braune Pack sonnabends in der Innenstadt und unter der Woche in vielen Stadtteilen, um gegen die Corona-Maßnahmen zu demonstrieren. Letztlich wollen die Demonstranten aber nichts anderes als einen faschistischen Staat, marschieren inzwischen nicht mehr nur von der AfD begleitet, sondern offen der NDP und anderen rechtsradikalen Parteien und Organisationen hinterher. 

Gedenktafel, die daran erinnert, dass vom Meßberghof aus das Zyklon B für die Ermordung von Millionen Menschen geliefert wurde. 

Letzten Sonntag gab's das Doku-Drama "Nazijäger - Reise in die Finsternis" im Fernsehen. Es spielt 1945/1946 in Norddeutschland, im Zeitraum kurz nach der Befreiung bis zu den Curiohaus-Prozessen und ist den "Kindern vom Bullenhuser Damm" gewidmet. Die 20 jüdischen Kinder im Alter von 4 bis 12 Jahren werden zu medizinischen Experimenten im KZ Neuengamme missbraucht und in der Nacht vom 20. auf den 21. April zusammen mit ihren ebenfalls inhaftierten Betreuern und sowjetischen Kriegsgefangenen im KZ-Außenlager Bullenhuser Damm ermordet (Berichte über die Gedenkstätte gibt es hier, hier und hier). 

Blick auf die Fassade des Meßbergofes mit Bauplastik von Lothar Fischer.

Ein weiterer Schauplatz ist der Meßberghof. Das zehnstöckige Kontorhaus wird zwischen 1922 und 1924 nach Plänen der jüdischen Architekten Hans und Oskar Gerson erbaut. Bis 1938 heißt das Gebäude Ballinhaus, benannt nach dem jüdischen Reeder Albert Ballin. Es muss umbenannt werden, da die Nazi verfügten, dass keine Straßen oder Gebäude mehr nach Jüdinnen oder Juden benannt werden dürfen. Ein das Gebäude schmückendes Portrait-Medaillon Ballins wird zerstört. Eine Rückbenennung in Ballinhaus wäre mehr als überfällig. Immerhin erinnert seit dem 100. Geburtstag Ballins eine Gedenktafel an den ehemaligen Namen des Kontorhauses.

Anlässlich des 100. Geburtstags von Albert Ballin wird eine Gedenktafel angebracht, die an den ursprünglichen Namen des Meßberghofes erinnert.

Auffällig sind die Bauplastiken, die die beiden Eingänge des Kontorhauses schmücken: Schwellenheilige, Chimären, Fabelwesen mit dem Titel "Enigmavariationen", erschaffen von Lothar Fischer. Ursprünglich schmücken expressionistische Figuren aus Elbsandstein von Ludwig Kunstmann das Gebäude. 1968 werden sie aufgrund starker Zerstörung entfernt. Sie stehen heute in einem ziemlich unbekannten Ausstellungsraum im Untergeschoß des Meßberghofs. 

Die Fassade mit der Gedenktafel an die Zyklon-B-Lieferanten zum U-Bahn-Eingang Meßberghof hin.

Seit 1928 hat das Unternehmen Tesch und Stabenow, kurz Testa, seinen Firmensitz im Ballinhaus. Die Firma ist auf Schädlingsbekämpfung mit Blausäuregas spezialisiert, zum Beispiel auf Schiffen, in Kühlhäusern und Speichern, hat außerdem die Monopolstellung für die Verwendung von Zyklon B östlich der Elbe. Das Patent auf die Herstellung von Zyklon B hält die Deutsche Gesellschaft für Schädlingsbekämpfung, kurz Degesch. Das Unternehmen ist phasenweise auch an Testa beteiligt. 

Die ursprüngliche Bauplastik aus Elbsandstein, erschaffen von Ludwig Kunstmann. 

Mit dem deutschen Überfall auf Polen beliefert Testa in steigendem Ausmaße auch die deutsch Wehrmacht - anfags tatsächlich zur Schädlingsbekämpfung. Nach 1941 übernimmt die Firma alle Lieferungen des Giftgases Zyklon B in die Konzentrationslager Auschwitz, Majdanek, Sachsenhausen, Ravensbrück, Stutthof, Groß Rosen, Dachau und Neuengamme. Ab September des Jahres wird Zyklon B gezielt zur Ermordung von Menschen eingesetzt. Dafür wird darauf verzichtet, dem Gas die üblichen Reiz- und Warnstoffe beizumischen. Den höchsten Erlös aus den Verkäufen von Zyklon B erzielt das Unternehmen im Jahre 1943. Firmeninhaber Bruno Tesch reist selbst in die Konzentrationslager, um Schulungen zur Verwendung des Giftgases zu geben. Am 30. März 1945 wird der Meßberghof bombardiert. Himmler selbst setzt sich dafür ein, dass Testa schnellstmöglich weiterarbeiten kann. 

Plastik aus der Enigma-Reihe von Lothar Fischer, im Hintergrund das Chile-Haus.

Am 3. September 1945 werden Tesch, sein Stellvertreter sowie ein Techniker von der War Crime Unit verhaftet und vor Gericht gestellt. Im März 1946 müssen sie sich als Kriegsverbrecher vor einem britischen Militärgericht im ersten der sogenannten Curiohaus-Prozesse verantworten. Tesch streitet jegliche Beteiligung am Massenord ab. Das Gericht glaubt ihm nicht. Am 8. März 1946 werden Tesch und sein Stellvertreter Karl Weinbacher zum Tode verurteilt und am 16. Mai 1946 in Hameln hingerichtet. Der Techniker wird freigesprochen. 

Eine weitere Skulptur von Lothar Fischer.

Seit 1992 gibt es Bestrebungen, am Meßberghof eine Gedenktafel anzubringen, die daran erinnert, dass die Firma Tesch und Stabenow hier ihren Sitz hatte, dass der Tod aus Hamburg kam. Es dauert fünf Jahre und braucht wie üblich viel zivilgeschaftlichen Druck, bis die Gedenktafel angebracht werden durfte. Wie meistens in Hamburg ist es eine schlichte Bronzetafel, die sich optisch gut der Umgebung anpasst. Zumindest im Sommer fällt sie aber durch zwei blühende Rosenstöcke, die rechts und links gepflanzt wurden, auf. Die Gedenktafel findet sich direkt gegenüber eines Eingangs in die U-Bahn-Station Meßberg. Der Text zitiert die Schlusszeile aus dem "Großen Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk" des jüdischen Dichters Yitzhak Katzenelson, der 1944 in Auschwitz ermordet wurde.

Montag, 3. Januar 2022

Die Schilleroper

Montags erinnere ich daran, was passiert, wenn es mit der Demokratie bergab geht und wie es anfing, denn die Nazis fielen ja nicht 1933 vom Himmel. Die krochen schon Jahre vorher aus ihren Löchern, wurden nicht rechtzeitig aufgehalten, auch, weil man sie nicht ernst nahm, dachte, es wird schon nicht so schlimm.

Wurde es aber.

In loser Folge gibt's hier also montags Kunst und Denkmäler gegen Faschismus, Nationalismus und Rassismus. Orte, die daran erinnern, gibt es nicht nur in unserer Stadt genug, denn wie gesagt: Wir hatten das schon mal.

Wie es zu dieser Beitragsreihe gekommen ist, kannst Du hier nachlesen. Alle Beiträge aus dieser Reihe findest Du, wenn Du hier klickst.  

Aktuell tarnen sich die Demokratiefeinde als Kritiker jeglicher Corona-Maßnahmen und marschieren sonnabends durch die Innenstadt. Aber auch unter der Woche laufen Nazis gerne durch verschiedene Stadtteile. Dabei ignorieren sie ungeahndet jegliche Auflagen bezüglich Abstand und Maskenpflicht. An Intelligenz und Anstand mangelt es ihnen ohnehin, sonst wären sie keine Nazis. 

Die demokratische Mehrheit der Stadt hingegen trifft sich am 15. Januar 2022 um 15:30 Uhr am Ferdinandstor - coronakonform mit Anstand, Abstand und Maske.

Die Schilleroper ist auch eine große Freiluft-Galerie.

Der markante Rundbau, dessen Stahlkonstruktion unter Denkmalschutz steht, im Oktober 2018.

Der markante Rundbau der Schilleroper, der nicht zufällig an ein Zirkuszelt erinnert, wird Ende des 19. Jahrhunderts nach Plänen des Architekten Ernst Michaelis für Circus Busch errichtet und fasst über 1.000 Zuschauer. Nur wenige Jahre später zieht Circus Busch allerdings an den Zirkusweg auf St. Pauli um. Das Gebäude wird zum Theater umgebaut, eröffnet 1905 mit Schillers "Wilhelm Tell" und erhält anlässlich des 100. Geburtstags des Dichters den Namen "Schiller-Theater". In den 1920er Jahren werden im Wesentlichen politische Stücke gespielt, treten Laiengruppen der Hamburger Arbeiterbewegung auf. Das Theater ist in finanziellen Schwierigkeiten.

Die Nebengebäude, die nicht unter Denkmalschutz stehen, sind inzwischen abgerissen.

Ab 1933 passt sich das Theater den Nationalsozialisten an, nimmt zum Beispiel ein Drama von Joseph Goebbels auf den Spielplan. Aufgrund eines fehlenden Luftschutzkellers muss das Theater mit Beginn des Zweiten Weltkriegs den Betrieb einstellen. 

Erinnerung an die Zeit zwischen 2003 und 2006, als die Schilleroper zum letzten Mal als Club genutzt wurde. 

Spätestens ab 1943 befindet sich auf dem Gelände der ehemaligen Schilleroper in der damaligen Amselstraße ein Lager für etwa 500 italienische Kriegsgefangene, bewacht von Soldaten. Die Männer werden bei Aufräumarbeiten von Bombenschäden eingesetzt; körperliche Schwerstarbeit, die in der Regel u.a. aufgrund von Blindgängern und einstürzendem Mauerwerk viele Opfer fordert. Das Lager besteht bis Anfang 1945, dann werden die Männer verlegt.

Die denkmalsgeschützte Rotunde mit dem "Laterne" genannten Oberlicht, das an einen Leuchtturm erinnert.

Außerdem befindet sich auf dem Gelände die Großküche Hönisch, die zahlreiche Lager für Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter mit Essen versorgt, aber auch das Mittagessen für die Wachmannschaften des KZ Neuengamme lieferte. Die Großküche liefert zumindest in einem Falle auf Wunsch eines Betriebes, bei dem Kriegsgefangene eingesetzt sind, auch schon mal doppelte Verpflegungssätze, was aufgrund einer Anzeige allerdings geahndet wird.  

Im dichtbebauten Areal Bei der Schilleroper / Lerchenstraße sollen Neubauten mit bis zu 10 Stockwerken entstehen.

Nach der Befreiung wird das einstige Theatergebäude, das nicht von Bomben zerstört wurde, als Unterkunft für Flüchtlinge und Ausgebombte genutzt, schließlich als Hotel, Unterkunft für Arbeitsmigranten bzw. Flüchtlinge und Obdachlose, aber auch immer wieder für kulturelle Zwecke. Uneinigkeit über die weitere Nutzung und Leerstand setzen dem Gebäude, das unter Denkmalschutz steht, sehr zu. Im letzten Jahr kam es kurzfristig zu Abrissarbeiten einsturzgefährdeter Nebengebäude, sollte das Stahlgerüst der Rotunde endlich gestützt werden, aber kaum begannen die Arbeiten, wurden sie auch schon wieder wegen unsachgemäßer Durchführung gestoppt. 

Das freigelegte Stahlskelett der Rotunde im Oktober 2021. Die Abbrucharbeiten wurden im August gestoppt. Die Konstruktion ist einsturzgefährdet und soll einen Stützturm erhalten, der allerdings noch immer fehlt.

Heute ist die Schilleroper der letzte erhaltene Zirkusbau, der im 19. Jahrhundert in Stahlskelettbauweise errichtet wurde, ein Juwel der Architekturgeschichte. Was die Bombardierungen des Zweiten Weltkriegs nicht schafften, schaffte das Desinteresse der Nachkriegszeit: Seit fast 70 Jahren verfällt das Gebäude. Besitzer und Stadt schieben sich gegenseitig die Schuld dafür zu, so dass sich nichts tut, was den Verfall aufhält. Ein realistisches Konzept fehlt. Aktuell sieht alles nach der typischen Hamburger Lösung im Umgang mit denkmalgeschützten Gebäuden aus: Verfallen lassen, bis ein Abriss unvermeidbar ist, dann lukrativ neu bauen.

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