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Montag, 14. Februar 2022

Das Wolfgang-Borchert-Denkmal am Schwanenwik

Wir haben uns da was eingetreten. Es ist braun. Es riecht nach Faschismus, Nationalismus, Antisemitismus und Rassismus. Wir hatten schon mal Faschismus in Deutschland. Mein Bedarf daran ist hinreichend gedeckt. Ich muss keinen faschistischen Staat erleben. Mir reichen die Erinnerungen an den, den es zwischen 1933 und 1945 gab.

Montags erinnere ich daran, was passiert, wenn es mit der Demokratie bergab geht und wie es anfing, denn die Nazis fielen ja nicht 1933 vom Himmel. Die krochen schon Jahre vorher aus ihren Löchern, wurden nicht rechtzeitig aufgehalten, auch, weil man sie nicht ernst nahm, dachte, es wird schon nicht so schlimm.

Wurde es aber.

In loser Folge gibt's hier also montags Kunst und Denkmäler gegen Faschismus, Nationalismus und Rassismus. Orte, die daran erinnern, gibt es in unserer Stadt genug, denn wie gesagt: Wir hatten das schon mal.

Aktuell trifft sich das braune Pack täglich in vielen Stadtteilen, um gegen die Corona-Maßnahmen zu demonstrieren. Letztlich wollen die Demonstranten aber nichts anderes als einen faschistischen Staat, marschieren inzwischen nicht mehr nur von der AfD begleitet, sondern offen der NDP und anderen rechtsradikalen Parteien und Organisationen hinterher.  

Seit 1996 erinnert am Schwanenwik Timm Ulrichs "Denkmal für den 'unbehausten Dichter' Wolfgang Borchert" an den Literaten. 

Gestern vor 75 Jahre hatte ein Hörspiel Radiopremiere, das eine ganze Generation prägte: "Draußen vor der Tür" von Wolfgang Borchert wurde erstmals vom NWDR ausgestrahlt. Neun Monate später hatte das Theaterstück in den Hamburger Kammerspielen Premiere. 

Das Denkmal enthält neben Borcherts Lebensdaten zwei Zitate aus dem Prosastück "Generation ohne Abschied": "Wir sind die Generation ohne Bindung und ohne Tiefe. Unsere Tiefe ist Abgrund." und "Wir sind eine Generation ohne Abschied, aber wir wissen, daß alle Ankunft uns gehört." 

Der kaum 26jährige Borchert schrieb das Drama in nur acht Tagen zwischen Herbst 1946 und Januar 1947 nieder. Es geht um den Kriegsheimkehrer Beckmann, dem es nach dreijähriger Kriegsgefangenschaft nicht gelingt, sich wieder ins Zivilleben einzugliedern. Während er noch durch die Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs geprägt ist, haben seine Mitmenschen die Vergangenheit längst verdrängt. Auf den Stationen seiner Suche nach einem Platz in der Nachkriegsgesellschaft richtet Beckmann Forderungen nach Moral und Verantwortung an verschiedene Personentypen, Gott und den Tod. Am Ende bleibt er von der Gesellschaft ausgeschlossen und erhält auf seine Fragen keine Antwort. Borchert gab mit seinem Protagonisten vielen jungen, aber auch älteren Männern eine Stimme und wurde quasi über Nacht bekannt.

Das Denkmal enthält neben Borcherts Lebensdaten zwei Zitate aus dem Prosastück "Generation ohne Abschied": "Wir sind die Generation ohne Bindung und ohne Tiefe. Unsere Tiefe ist Abgrund." und "Wir sind eine Generation ohne Abschied, aber wir wissen, daß alle Ankunft uns gehört." 

Anlässlich des 75. Jahrestages der Radio-Uraufführung gibt es hier Hörerbriefe zu lesen. In der NDR-Mediathek ist die Erstfassung zum Nachhören archiviert.

Am 21. Mai 1921 als Sohn eines Lehrers und der plattdeutschen Schriftstellerin Hertha Borchert in Eppendorf geboren, kam Borchert früh in Kontakt mit Kunst und Literatur und entwickelt ein Gespür, wenn seitens jedweder Obrigkeit die Freiheit der Kunst eingeschränkt werden sollte. Nachbarn denunzieren Hertha Borchert 1934 wegen abfälliger Äußerungen über die SA; die Familie gerät ins Visier der Gestapo. 

Ihr Sohn schreibt als 15jähriger erste Gedichte - oft mehrere am Tag. Er schreibt wie im Rausch, als wüsste er, dass ihm nicht viel Zeit bleibt. Aber eigentlich möchte er Schauspieler werden, verfasst 17jährig sein erstes Drama. Kurz darauf verlässt Wolfang Borchert die Schule ohne Abschluss - er ist ein schlechter Schule. Auf Betreiben seiner Eltern beginnt er eine Buchhändlerlehre; außerdem nimmt er Schauspielunterricht. Später bricht er die Buchhändlerlehre zugunsten der Schauspielausbildung ab.

An den beiden Schmalseiten sind zwei negative Handabrücke zu sehen: Im Inneren der Plastik ist die Hohlform eines lebensgroßen Menschen mit ausgestreckten Armen. Die Füße lassen sich unten zwischen den beiden Steinblöcken, auf denen die Plastik steht, ertasten. 

Im April 1940 gerät Borchert zum ersten Mal in Konflikt mit der Gestapo: Ihm werden Verherrlichung der Homosexualität in seinen Gedichten sowie eine homosexuelle Beziehung vorgeworfen. Vermutlich wird die Familie seit Denunziation der Mutter überwacht. Dennoch pflegt der junge Mann weiterhin Umgang mit regimekritischen Künstlerkreisen und schränkt sich in seinen Äußerungen gegen die Nazis nicht ein. 

Der Handabdruck im Detail.

Als 20jähriger wird Borchert zum Kriegsdienst eingezogen und kommt an die Ostfront mit erbarmungslosen Wintern mit bis zu 40 Grad unter Null. Unter ungeklärten Umständen erleidet er eine Schussverletzung, die ihm einen Finger an der linken Hand kostet. An Diphterie erkrankt, wird er ins Lazarett nach Deutschland verlegt und gleichzeitig wegen der Schussverletzung wegen Verdachts der Selbstverstümmelung verfolgt. Ein Prozess findet statt. Die Anklage fordert die Todesstrafe, aber Borchert wird freigesprochen. Er bleibt dennoch in Haft, wird wegen seiner kritischen Äußerungen gegen die Nazis aufgrund des Heimtückegesetzes angeklagt und zu verschärftem Arrest mit anschließender "Frontbewährung" verurteilt. 

Wolfgang Borchert kommt erneut an die Ostfront, erleidet erneut Verletzungen, wird erneut krank und in mehrere Lazarette überstellt, zuletzt in den Harz, von wo aus er u.a. im August 1943 auf Heimaturlaub nach Hamburg darf - kurz nach den Zerstörungen der "Operation Gomorrha", dem "Hamburger Feuersturm". Die Zerstörungen, die "Ruinenstadt", beeinflussen ihn sehr, führen zu Gedichten und Geschichten. Ende des Jahres soll er zur Truppenbetreuung ins Fronttheater wechseln, wird aber aufgrund einer Goebbels-Parodie denunziert, erneut verhaftet, wegen Wehrkraftzersetzung angeklagt, aber zur "Feindbewährung" entlassen. Borchert wird im Kampf um Frankfurt / Main eingesetzt, von Franzosen gefangenen genommen und flieht schwerkrank zu Fuß ins 600 km entfernte Hamburg, als er in ein Kriegsgefangenenlager überstellt werden soll. 

Blick vom Borchert-Denkmal auf die Alster.

Kurz nach der Befreiung Hamburgs trifft Borchert bei seinen Eltern ein. Trotz seines Gesundheitszustands stürzt er sich ins Kulturleben, wird Regia-Assistent am Schauspielhaus, muss aber erneut ins Krankenhaus, wird schließlich als medizinisch hoffnungsloser Fall eingestuft und nach Hause entlassen. Borchert schreibt in den Fieberpausen weiter.

Durch die Radio-Uraufführung von "Draußen vor der Tür" am 13. Februar 1947 wird Wolfgang Borchert innerhalb weniger Monate zum meistdiskutierten Schriftsteller Nachkriegsdeutschlands. Es gelingt, ihn in ein Krankenhaus nach Basel zu verlegen. Dort erhofft er sich bessere Behandlungsmöglichkeiten. Sein Gesundheitszustand verschlechtert sich jedoch zusehends. Wolfgang Borchert verstirbt am 20. November 1947, einen Tag vor der Uraufführung des Theaterstücks "Draußen vor der Tür."


Anlässlich Borcherts 100. Geburtstag im letzten Jahr wurde in der Stabi die "Borchert-Box" mit der Dauerausstellung "Dissonanzen" eröffnet, die sich auch virtuell erleben lässt. Hertha Borchert kümmerte sich um den Nachlass ihres Sohnes und übergibt das Wolfgang-Borchert-Archiv 1976 an die Stabi. In der Tarpenbekstraße 82, dem Geburtshaus Borcherts, erinnerte eine Tafel an den Schriftsteller, und die Geschichtswerkstatt Eppendorf führt regelmäßig literarische Spaziergänge durch. Seit 1996 erinnert am Schwanenwik Timm Ulrichs "Denkmal für den 'unbehausten Dichter' Wolfgang Borchert" an den Literaten. Es wurde anlässlich seines 75. Geburtstags aufgestellt.

Affiliate links zu Büchern von Wolfgang Borchert:

Samstag, 6. April 2019

#WMDEDGT 4/19: Bekenntnis zur Vielfalt

Heute ist wieder der fünfte Tag des Monats, und Frau Brüllen fragt "Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?", kurz WMDEDGT? Vielen Dank für's Sammeln!

Beim Holen des Morgenkaffees nehme ich das Huhn für das Abendessen aus dem Tiefkühler, dann geht's an den Schreibtisch, um Mails an Vermieter und Versicherung zu schreiben. Die Bolzblagen Nico und Luca üben inzwischen regelmäßig gezielte Torschüssen auf eines unserer Fenster, und es ist klar, dass das nicht lange gut gehen kann. Also, uns ist das klar, zumal Luca vor einem Jahr die Tür vom Block gegenüber zerschoss. Vermieter und Eltern der Blagen interessiert es nicht, und die Väter der Blagen spielen ja selbst mit.

Wir setzen dem Vermieter eine Frist zur Aufstellung eines Zaunes (er ist ja nicht in der Lage, das Fußballverbot durchzusetzen, also erscheint uns der Zaun als einzige Lösung, nachdem Gespräche in den letzten Jahren nichts brachten) und informieren prophylaktisch schon mal die Versicherung über erhöhte Einbruchsgefahr, wenn die Jungs erfolgreich waren.

Der Gatte macht sich auf den Weg ins Büro. Ich gucke, wie lange ich zum ersten Termin des Tages brauche, addiere dann 20 Minuten dazu für ausgefallene Busse und S-Bahnen. So oder so habe ich noch Zeit und frühstücke. Dann anziehen, Lächeln ins Gesicht malen und ab zum Bus.

Erstaunlicherweise klappen alle Anschlüsse, habe ich noch Zeit zum Rumbutschern in meiner alten Büro-Heimat. Natürlich halte ich kurz beim Feuersturm-Denkmal inne. Aber ich entdecke auch Neues: Den Schallplatten- und Filme-Laden Norma Jean. Das ist ein richtiges Stöberparadies! Hin da!

Mein einziger Termin des Tages ist die Spielzeit-Pressekonferenz des Ernst-Deutsch-Theaters. Die kommende Spielzeit verspricht spannend zu werden. Der Spielplan ist ein klares Bekenntnis für die Vielfalt, gegen Faschismus, Rechtspopulismus und AfD. Sehr sympathisch! Ich bin vor allem auf "Weißer Raum" von Lars Werner gespannt.

Nach der PK flitze ich direkt ins Büro. Am Gänsemarkt kommen mir Schülerinnen und Schüler der heutigen Fridays for Future-Demo entgegen. Ich gebe noch kurz die Mängelanzeige an den Vermieter als Einschreiben auf und hole mir zwei Börek.

Im Büro ist meine Sechs-Wochen-Assistenz schon fleißig und holt Druckfreigaben ein. Für mich ist es total ungewohnt, Unterstützung zu haben (in den letzten vierzehn Jahren war ich die Assistenz), und so sitze ich bei einer Tasse Tee fünf Minuten verwirrt da und überlege, was ich tun könnte. Dabei fällt mir auf, dass mein Schreibtisch gestern geputzt wurde. Meine Papierberge sind dank Assistenz so geschrumpft, dass sich der Putzmann das wieder traute. Normalerweise mache ich das freitags selbst, damit die Papierberge nicht durcheinander kommen, aber er ist damit nicht glücklich, weil es schließlich doch sein Job ist.

Die nächsten vier Stunden telefoniere ich mit der Beschaffungsabteilung, die optimistisch ist, dass ich noch vor Ostern eine Druckerei für mein Mammutprojekt haben werde, mache die Vorausplanung für 2020 für ein anderes meiner drei Projekte, erfasse Korrekturen bei meinem Mammutprojekt und fange mit dem Inhaltsverzeichnis für die Broschüre dazu an. Ich fluche. Die starre Arbeitsweise meiner Vorgängerin hat einen entscheidenden Vorteil: Das Inhaltsverzeichnis der Broschüre brauchte sie selten zu aktualisieren, weil fast immer alles gleich blieb.

Meine Lektorin meldet sich. Sie wird bis Montag mit dem zweiten Korrekturgang des Mammutprojekts durch sein und könnte mir dann den bezwungenen Papierberg übergeben. Wir verabreden uns zur Mittagspause beim Italiener. Der Layouter bestätigt den Termin zur Einarbeitung der Korrekturen. Läuft also.

Bevor meine Assistenz geht, besprechen wir kurz, wie viel sie schaffte, und beschließen, dass ich den größten Stapel an Druckfreigaben selbst übernehme, sie sich um die zahlreicheren kleinen Kapitel und um die Adressdateien kümmert. Ich habe Angst, dass mir die Zeit davon läuft, und meine Assistenz ist nur ein paar Stunden pro Woche da, weil sie eigentlich studiert.

Freitags bin ich nachmittags die einzige im Büro. Mir macht es nichts aus, später Feierabend zu machen, denn dafür kann ich mir meistens morgens länger Zeit lassen. Heute wird es sogar noch früher leer, weil Urlaube, Freizeitausgleich, Teilzeit und überhaupt. Zum Glück war eine Kollegin so nett, ihre Arbeitstage zu tauschen, denn sonst hätte ich vormittags nicht zur PK gehen können.

Ich telefoniere mit Mudderns. Das mache ich inzwischen am frühen Nachmittag, weil mich das weniger unter Druck setzt, als wenn ich nach Hause hetzen muss, um sie noch zu erreichen, bevor sie am späten Nachmittag ins Bett geht. Ihr Tag-Nacht-Rhythmus ist immer noch gestört. Bei ihr ist sonst alles in Ordnung, sie ist gut drauf. In der  kommenden Woche kommt dann hoffentlich auch der Pflegedienst. Diese Woche fiel der Termin aus.

Kurz vor Ladenschluss frage ich die Ladenkollegin telefonisch, ob bei ihr alles okay ist oder ob sie Hilfe bei der Abrechnung braucht. Sie verneint, also kann ich ohne Umweg über den Laden nach Hause.

Der Heimweg gestaltet sich mal wieder schwierig. Die S-Bahn hat wie so oft technische Probleme, und als ich in Altona bin, wird der S-Bahn-Verkehr aufgrund eines Polizeieinsatzes ganz eingestellt. Ich steige in den Bus um und bin mit 21 Minuten Verspätung zu Hause. Das Sparschwein darf sich über 1 € Verspätungsentschädigung freuen.

Zu Hause sind erfreulicherweise noch alle Fenster heil. Ich suche trotzdem schon mal die Telefonnummer der zuständigen Polizeiwache raus und hänge sie an die Pinnwand, damit sie schnell zur Hand ist, wenn Luca und Nico in ihrer Zerstörungswut erfolgreich waren und wir eine Sachbeschädigung anzeigen müssen.

Der Gatte ist noch unterwegs. Ich schäle schon mal die Kartoffeln für's Abendessen, und als ich damit fertig bin, kommt der Gatte mit den noch fehlenden Wurzeln. Das Abendessen wandert in den Ofen. Ich beginne mit dem nächsten Abschnitt des Verspätungsschals.

Abendessen, stricken, Krimi und Heute Show gucken, dann mit dem Mitternachtskrimi im Radio ins Bett, und das war's dann auch schon wieder mit diesem Tag. Das erste Vierteljahr 2019 ist schon wieder vorbei - viel zu schnell.

Das Rezept zum Tag gibt's wie üblich in der Kombüse.

Montag, 9. April 2018

Wandbild an der Martha-Muchow-Bibliothek (Universität Hamburg)

Montags gegen Nazis
Heute um 17.30 Uhr trifft sich das demokratische Hamburg vor Saturn am Beginn der Mönckebergstraße, um vereint gen Dammtor zu laufen, denn: Wir haben uns da was eingetreten. Es ist braun. Es riecht nach Faschismus, Nationalismus, Antisemitismus und Rassismus. Es trifft sich montags am Dammtor, hinterm Bahnhof, eingepfercht in Gattern, umringt von Polizei und der Gott sei Dank immer noch demokratischen Mehrheit dieser Stadt. Es ist eine krude, gefährliche Mischung aus Türstehern, Hooligans, Faschisten, Reichsbürgern und AfDlern, garniert mit ein paar spießbürgerlichen Sahnehäubchen aus dem Hamburger Umland.

Wir hatten schon mal Faschismus in Deutschland. Mein Bedarf daran ist hinreichend gedeckt. Ich muss keinen faschistischen Staat erleben. Mir reichen die Erinnerungen an den, den es zwischen 1933 und 1945 gab.

Ein Wandgemälde, gestaltet vom Hamburger Künstler Philipp Kabbe, erinnert an Martha Muchow.
Montags erinnere ich daran, was passiert, wenn es mit der Demokratie bergab geht und wie es anfing, denn die Nazis fielen ja nicht 1933 vom Himmel. Die krochen schon Jahre vorher aus ihren Löchern, wurden nicht rechtzeitig aufgehalten, auch, weil man sie nicht ernst nahm, dachte, es wird schon nicht so schlimm.

Wurde es aber.

In loser Folge gibt's hier also montags Kunst und Denkmäler gegen Faschismus, Nationalismus und Rassismus. Orte, die daran erinnern, gibt es in unserer Stadt genug, denn wie gesagt: Wir hatten das schon mal. Alle Beiträge aus dieser Reihe findest Du, wenn Du hier klickst.

Detail des Wandbildes.
Die Bibliothek der Fakultät für Erziehungswissenschaft, Psychologie und Bewegungswissenschaft der Universität Hamburg in der Binderstraße 40 / Von-Melle-Park 8 ist nach Martha Muchow benannt. Im Von-Melle-Park gibt es ein Wandgemälde, das an die Psychologin und Pädagogin erinnert, in der Bibliothek eine Ausstellung.

Muchow wurde am 25. September 1892 in Hamburg geboren, wuchs in Rothenburgsort und Eimsbüttel auf. Im Alter von 21 Jahren legte sie ihre Lehramtsprüfung ab und arbeitete in den folgenden Jahren als Lehrerin im dänischen Tønder, in Barmbek und Eimsbüttel. Nach drei Jahren als unbezahlte wissenschaftliche Hilfskraft, eine Tätigkeit, die sie neben dem Lehrerberuf ausübte, begann sie 1919 als eine der ersten Frauen das Studium der Psychologie, Philosophie und Germanistik. 1920 wurde sie vom Schuldienst beurlaubt, konnte sich nun ganz auf die akademische Laufbahn konzentrieren. 1923 promovierte Muchow.

Die Leitung des Philosophischen und Psychologischen Instituts hatte der Psychologe William Stern inne, mit dem Muchow eng zusammenarbeitete. Sie vertrat eine fortschrittliche Pädagogik. Ab 1926, als die Hamburger Universität die Ausbildung der künftigen Volksschullehrer übernahm, arbeitete Muchow im Pädagogischen Institut mit. Die Lebenswelt des Kindes in der Großstadt war ihr Forschungsschwerpunkt. Ab 1930 gibt es erste akademische Würdigungen ihrer Arbeit. Im gleichen Jahr wurde sie als eine der ersten Frauen zum Wissenschaftlichen Rat ernannt.

Schon vor Machtübernahme der Nationalsozialisten geriet das Psychologische Institut ins Visier der Faschisten, auch, weil es mit William Stern und Heinz Werner von zwei Juden geleitet wurde. Beide wurden am 7. April 1933 ihrer Ämter enthoben. Martha Muchow, die aus einer evangelischen Familie stammte, also nicht unter die NS-Rassengesetze fiel, war nun faktisch Leiterin des Instituts.

Martha Muchow.
Sie geriet selbst auch rasch ins Visier der Faschisten: Einerseits galt sie ihnen wegen ihres Engagements in der Jugendbewegung als Marxistin, andererseits wegen ihrer vertrauten Zusammenarbeit mit William Stern, den sie auch nach seiner Entlassung täglich besuchte. Die Nazis hielten ihren Einfluss auf zukünftige Pädagogen und Psychologen für unheilvoll und einer deutschen Staatsauffassung zu wider laufend.

An ihrem 41. Geburtstag, dem 25. September 1933, wurde Muchow die Institutsleitung entzogen, wurde sie in den Schuldienst zwangsversetzt. Zwei Tage später unternahm sie einen Selbstmordversuch, dem sie vier Tage später erlag. Ihr Bruder Hans Heinrich Muchow, der sie, durch Stern alarmiert, fand und vergeblich versuchte, sie zu retten, wurde vom Blockwart gezwungen, am Tage ihrer Beerdigung die Hakenkreuzflagge zu hissen. Stern gelang die Emigration.

Nach Martha Muchow wurde 2010 ein Weg auf der Uhlenhorst benannt.


Affiliate links zu den Werken von und über Martha Muchow:

Samstag, 20. Januar 2018

Samstagsplausch KW 03/18: "Maria Stuart" im Ernst-Deutsch-Theater

Inzwischen bin ich vier Wochen in der neuen Abteilung und durfte das erste Mal dienstlich ins Theater gehen, in das Drama "Maria Stuart" von Friedrich Schiller, das gerade im Ernst-Deutsch-Theater aufgeführt wird. Zu meinen Aufgaben gehört nämlich auch der Verkauf von Theaterkarten an Schulklassen und Jugendgruppen. Um beraten zu können, muss eine aus dem Team in neue Inszenierungen gehen (und anschließend den Rest des Teams über ihre Eindrücke informieren).

"Maria Stuart" läuft noch bis 18.02.18 im Ernst-Deutsch-Theater.

Das Drama spielt 1587. Maria Stuart, einst Königin von Schottland, ist seit 19 Jahren wegen des Verdachtes auf Beihilfe bei der Ermordung ihres Gatten in England inhaftiert und versucht während dieser Zeit mehrfach, ihren Thron wieder zu erlangen, zum Teil mit Hilfe der englischen Königin Elisabeth I., ihrer Halbschwester. Die Handlung setzt kurz vor Marias Hinrichtung ein.

Regisseurin Mona Kraushaar reduzierte die auftretenden Personen auf neun, strich das Drama auf zweieinhalb Stunden zusammen und schuf eine sehr dichte, auf die Sprache Schillers konzentrierte Inszenierung. Das Bühnenbild ist sehr reduziert, besteht fast zwei Dutzend Neonröhren und einer ansonsten leeren, schwarzen Bühne (gestaltet von Katrin Kersten). Ebenso karg sind die Kostüme: Maria (Julia Richter) und Elisabeth (Jele Brückner) sind schwarz gekleidet, die Männer überwiegend tragen schwarze Anzüge.

Es ist unterm Strich ein unwahrscheinlich intensiver Theaterabend. Schillers Drama berührt Themen, die bis heute aktuell sind: Wie gehen wir mit Verantwortung, mit Macht um? Wem sollen wir glauben? Was ist Schein, was ist Sein?

Intensiv war der Abend auch, weil ich Kollegin I aus der alten Abteilung mitnahm. Vor und nach dem Stück und in der Pause schüttete sie mir ihr Herz aus über die Situation in meinem ehemaligen Team. Kollegin II, die ja einen großen Anteil daran hatte, dass ich mir eine neue Stelle suchte, kann sich nun ungebremst ausleben. So leid mir Kollegin I tut, weil sie gerade alles auffangen muss, so sehr musste ich doch auch lachen angesichts der Situation dort.

Bislang war es ja ein leichtes, mir die Schuld an der schlechten Stimmung, an den Konflikten im Team zu geben, aber nun bin ich weg, und die Stimmung, die Konflikte werden nicht besser. Richtig wohl fühlten sich alle nur, als Kollegin II drei Wochen im Urlaub war. Solange keiner der Vorgesetzten Kollegin II ihre Grenzen aufzeigt, wird sich das auch nicht ändern. Das Team wurde sogar von Abteilungsfremden darauf angesprochen, wie gut die Stimmung plötzlich sei, wenn Kollegin II nicht da ist.

Meine Stelle ist noch nicht nachbesetzt. Alle Bewerberinnen waren ungeeignet. Die Freundin, die Kollegin II unbedingt auf meiner Stelle haben wollte, bewarb sich noch nicht mal. Eine Kollegin aus einer anderen Abteilung, die vom Team angesprochen wurde, ob sie sich nicht bewerben wolle, sagte ab, nachdem sie eine Woche als Vertretung von Kollegin II zur Probe arbeitete.

So ist mein Chef nach wie vor ohne Sekretärin, überarbeitet und entsprechend missgestimmt (ich war erschrocken darüber, wie schlecht er trotz Urlaubs aussieht, als ich ihn gestern im Fernsehen sah).

Ich hingegen bereue meinen Weggang nicht. Zwar vermisse ich Kollegin I, meinen Chef und manchmal sogar den Stress, aber die neuen Kollegen und Chefinnen sind nett, die Arbeit ist interessant, macht Spaß und die Teilzeit tut mir sehr gut. Außerdem darf ich während der Arbeitszeit ins Theater. Was könnte ich mehr wollen?!

Dieser Beitrag geht rüber zum Samstagsplausch bei Andrea.

Mittwoch, 16. September 2015

Blogger für Flüchtlinge: Mein Vater und das Feuersturm-Denkmal auf der Uhlenhorst

Heute stelle ich Dir einen für mich ganz besonderen Ort vor: Es ist das Feuersturm-Denkmal auf dem Grünstreifen zwischen Hamburger Straße und Oberaltenallee, das an die Nächte der „Operation Gomorrha“, dem sogenannten Hamburger Feuersturm im Sommer 1943, erinnert.

Das Feuersturm-Denkmal vor dem Mundsburg Center. 
Es ist kaum noch vorstellbar, dass die Gegend rund um das Einkaufszentrum „Hamburger Meile“ bis zum Zweiten Weltkrieg dicht bebaut war mit Wohnungen, Geschäften, Kinos, Lokalen … Es gab lichtarme Höfe, kaum Grünflächen und viel zu viele Menschen auf engem Raum (bei "Hallo Barmbek" gibt es eine Reihe von Bildern aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg, ebenso auf der Homepage der "Mundsburg Tower", und vor dem Mundsburg Center steht eine Infotafel der Geschichtswerkstatt Barmbek mit vielen Fotos).

Ein Anziehungspunkt war das Karstadt-Kaufhaus an der Ecke Adolph-Schönfelder- und Hamburger Straße. Vom Lokal auf der öffentlichen Karstadt-Dachterrasse in 26 Metern Höhe, überragt von einem fast ebenso hohen Turm mit blauer Lichtsäule, hatte man zu Friedenszeiten einen wunderbaren Blick über die Stadt – so ähnlich, wie ich heute aus meinem Büro.

Das Feuersturm-Denkmal. 
Mit dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 endeten die Friedenszeiten.

Zwischen 24. Juli und 3. August 1943 bombardierten amerikanische und britische Flugzeuge Hamburg. Etwa 35.000 Menschen starben. Darunter waren 370 Menschen, die vor dem Angriff in der Nacht vom 29. auf den 30. Juli  in einen öffentlichen Luftschutzraum des Karstadt-Warenhauses flüchteten. Den Bombenhagel überlebten sie, aber sie waren verschüttet. Durch schwelende Kohlenvorräte gelang Kohlenoxyd in den Bunker. Als Rettungskräfte einen Tag später zu den Verschütteten durchdrangen, konnten sie nur noch Tote bergen.

Jeden Tag komme ich mindestens zwei Mal an dem kleinen Denkmal vorbei. Es wurde 1985 zum Jahrestag der Bombardierung eingeweiht, geschaffen von der Hamburger Bildhauerin Hildegard Huza, und zeigt einen in einer Mauerecke kauernden Menschen. Es steht an einem Platz, an dem bis zur Zerstörung im „Feuersturm“ ein beliebtes Café war.

Detail.
Warum ist mir dieses Denkmal so wichtig?

Ganz einfach: Es erinnert mich jeden Tag an meine Familiengeschichte. Im Sommer 1943 war mein Vater 22 Jahre alt, seit vier Jahren Soldat, durchaus begeistert von der nationalsozialistischen Ideologie in den Krieg gezogen, und gerade auf Heimaturlaub bei seiner Familie, unweit der Hamburger Straße, wo sie in einer Wohnung zur Miete lebte.

Die Nächte (und teilweise auch Tage) des „Feuersturms“ verbrachte er mit Nachbarn, seinen Eltern und der zweijährigen Schwester im Keller des Mehrfamilienhauses, Schutz vor den Bomben suchend. Als das Bombardement aufhörte, war der Kellerausgang verschüttet. Als die „Operation Gomorrha“ beendet war, waren 90 % des Stadtteils zerstört.

Der Eilbeker Weg, die Gegend, in der meine Großeltern wohnten, nach den Bombardierungen im Sommer 1943 (Quelle: Imperial War Museum / Royal Air Force)
Erst, als ich schon lange erwachsen war, mein Vater verstorben, erfuhr ich von meiner Tante, dass mein Vater in Eilbek aufwuchs, dass es ihm gelang, sich einen Weg aus dem Keller zu bahnen und sich mit Eltern und Schwester zum Eilbekkanal durchzuschlagen. Dort hatte er ein Kanu liegen, das in dieser schicksalshaften Nacht auch tatsächlich noch da war, von niemand anderem gekapert wurde, mit dem sich die Familie über die Flüsse Wandse und Rahlau nach Rahlstedt durchschlug. Die Fahrt führte vorbei an brennenden Menschen und Häusern, vorbei an Leichen, die im Kanal schwammen.

An meiner damals 43jährigen Großmutter gingen die Ereignisse dieser Nacht nicht spurlos vorbei: Sie bekam schlagartig graue Haare und war bis an ihr Lebensende schwer traumatisiert. „Oma ist im Krieg verrückt geworden“, hieß es in der Familie. „Man kann sie nicht alleine lassen. Sie lässt sogar Wasser anbrennen.“

Das Feuersturm-Denkmal. 
Meine Großeltern blieben nach der Befreiung weiterhin in Rahlstedt. Sie wurden bei einer Direktorenfamilie, deren Haus nicht zerstört war, einquartiert, in einer Altrahlstedter Villa, die noch heute steht. Mein Großvater baute nach der Befreiung ein Haus auf einem Grundstück ein paar Straße weiter – „er baute“ heißt tatsächlich, dass er selbst Stein auf Stein setzte, den Keller aushob und so weiter.

Mein Vater, schon erwachsen, blieb in der „Notunterkunft“ – notgedrungen, denn seine Eltern hatten in dem neuen Haus kein Zimmer für ihn vorgesehen, aus welchen Gründen auch immer (es gibt niemanden mehr, den ich fragen könnte).

Vielleicht war Liebe im Spiel: Die Frau, mit der mein Vater verlobt war, bevor er meine Mutter kennenlernte, war die Tochter der Familie, bei der meine Großeltern, mein Vater und seine kleine Schwester Zuflucht fanden. Die Großeltern setzten große Hoffnung in diese Liaison, hätte die Verbindung doch Wohlstand und gute Verbindungen in die böbere Hamburger Gesellschaft auch für sie bedeutet.

Allein: Mein Vater lernte auf der Arbeit eine junge Frau ohne Schul- oder Berufsabschluss kennen, geflüchtet aus Ostpreußen, untergekommen auf St. Pauli, arm wie eine Kirchenmaus, zudem mit gerade mal 19 Jahren nach damaligem Gesetz noch minderjährig und 17 Jahre jünger als er. Sie sollte meine Mutter werden.

Detail.
Die Eltern meines Vaters waren schockiert, umso mehr, als er für diese Frau zweifelhafter Herkunft Hals über Kopf die Verlobung mit der wohlhabenden Tochter aus gutem hanseatischen Hause löste und stattdessen schnurstracks mit dem Flüchtlingsmädchen zum Standesamt marschierte (und: Nein, sie mussten nicht heiraten, ganz sicher nicht. Sie wollten einfach).

Als Kind habe ich mir nie vorstellen können, dass meine Großeltern väterlicherseits mal woanders als in Rahlstedt gewohnt haben könnten. Ich war noch klein, als meine Großmutter starb, kann mich kaum an sie erinnern, und mit den leise geraunten Bemerkungen der Erwachsenen über den Krieg konnte ich erst recht nichts anfangen.

Meine Mutter erzählte mir später, dass es sie bei jedem Besuch viel Kraft kostete, mich ihrer Schwiegermutter zu entreißen, denn Oma verwechselte mich mit dem Säugling, mit dem sie damals die Bombennächte überlebte und wollte mich nicht hergeben – dass meine Tante längst erwachsen war, als ich geboren wurde, dass sie manchmal sogar neben ihrer Mutter stand, wenn meine Eltern mit mir wegfahren wollten, blendete sie aus.

Oft besuchten wir meine Großeltern väterlicherseits aber ohnehin nicht, denn durch die Heirat war das Verhältnis von meinem Vater zu seiner Familie zerrüttet (und das ist im Großen und Ganzen bis heute so geblieben, aus vielerlei Gründen). Im Unterbewusstsein hat dieses Gezerre aber auch beim mir Spuren hinterlassen – Trennungen von meinen Eltern waren lange Zeit der problematisch für mich.

Jedes Mal, wenn wir zu meinen Großeltern fuhren, fuhr mein Vater immer stur die B75 entlang, durch Eilbek hindurch. Warum er diesen Umweg fuhr, wurde nie thematisiert – oder falls doch, dann damit begründet, dass mein Vater nun mal nicht gerne Autobahn fährt. Heute ist mir klar, dass er durch seine Kindheitsstraßen fuhr, durch Straßenzüge, die inzwischen größtenteils ganz anders aussehen als vor dem „Feuersturm“.

Er hat zwar oft über den Krieg gesprochen, aber eigene Erlebnisse dabei außen vor gelassen. Dass er anscheinend als Jugendlicher so gerne paddelte, dass er sich ein eigenes Kanu zulegte, erzählte er nie. Paddeltouren machten wir nie.

Das Feuersturm-Denkmal.
Als Kind habe ich mir keine Gedanken darüber gemacht, warum nicht – es gab genügend andere Unternehmungen. Obwohl: Unter den  Kunden meines Vaters war ein Kanuverleih, und da hätte es schon nahe gelegen, dass wir mal eine Tour machten – so, wie wir andere seiner Kunden auch mit Aufträgen bedachten. Im Nachhinein denke ich mir, es hängt mit seinen Erlebnissen im „Feuersturm“ zusammen, dass ihm nicht mehr nach Paddeln war.

Wenn ich heute an dem Feuersturm-Mahnmal vorbeifahre oder -gehe, halte ich ganz automatisch einen Moment inne, denke an meinen Vater, an die Flucht durch die zerstörten Straßen und über die Kanäle und an das Glück, im Frieden leben zu dürfen – ein Glück, das viel zu wenig Menschen haben.

Die Geschichte meines Vaters  ist einer der Gründe, warum ich die Initiative "Blogger für Flüchtlinge" unterstütze.