In Bochum gibt es seit etwa zwei Jahren wieder eine Synagoge. Zu bestimmten Festen wird von den Gemeindemitgliedern mit viel Erfolg ein „Tag der offenen Tür“ gefeiert mit Führungen durch das schöne Gebäude und einer reichhaltigen Auswahl an „koscheren Speisen“.
Jetzt, beim Aussortieren einiger Post Entwürfe stolperte ich über einen Post, den ich vor langer Zeit halbfertig schrieb.
Dazu inspirierte mich ein Artikel, den ich in der „Schneckenpost“ -
so hieß früher das Slow Food Magazin- aus dem Jahre 1997, zu dem Thema „Koscherer Wein“.
Da es ja auch viele Weinspezialisten in der Bloggerszene gibt, habe ich mich mit dem Autor des Artikels, Herrn
Prof. Dr. H. Laberenz in Hamburg in Verbindung gesetzt um mich zu vergewissern, dass ich den Bericht veröffentlichen kann. Und ich kann. Dafür bedanke ich mich sehr herzlich bei ihm.
Nachstehend der von ihm am 23.09.09 überarbeitete und autorisierte Bericht, bei dessen Lesen ich viel Vergnügen, aber auch jede Menge neue Erkenntnisse wünsche.
Koscherer Wein
von Prof. Dr. Helmut Laberenz
Zwei schöne mundgeblasene Weingläser aus Israel, jedes Stück einzigartig, aus hauchdünnem Glas, grün, brau und cognacfarben, schimmernd wie Perlmutt, entdeckt in einem kleinen, unscheinbaren Laden in der Ottenser Hauptstrasse in Hamburg. Dazu eine Flasche „Rabbi Jacob“, abgefüllt in Casablanca. Ein nettes Weihnachtsgeschenk für eine Liebhaberein israelischer Glasarbeiten. Die Gläser sind herrlich anzuschauen, der Wein ist trocken und vollmundig – kein großer Wein, aber ein guter. Nur, was bedeutet der Hinweis „koscher“ auf dem Etikett?
Der Blick in das Deutsche Wörterbuch verrät „koscher (hebr.-jidd.) Adj.: den jüdischen Ernährungsvorschriften entsprechend“. Jüdische Ernährungsvorschriften. Ja richtig, vage Erinnerungen tauchen auf. Gläubige Juden halten bestimmte Vorschriften ein, unkoschere Nahrung nehmen sie nicht zu sich – sie würden ihnen nicht schmecken, ja sogar Ekel erregen. In dem Roman „Der Medicus“ habe ich doch etwas darüber erfahren, wie Tiere geschlachtet werden müssen, damit ihr Fleisch koscher ist. Und wo habe ich nur gelesen, daß Fleisch und Milchprodukte nicht kombiniert werden dürfen? Aber wann ist Wein, dieses himmlische Getränk, koscher? Gibt es vielleicht koschere und unkoschere Traubensorten oder sind besondere Verarbeitungsmethoden im Einsatz?
Eine Nachfrage im Bekanntenkreis erbringt erste Antworten. Wein aus dem gelobten Land sei koscher, egal von welcher Traube. Und es soll dort wunderbare Tröpfchen geben. Aber Marokko ist nicht Israel, wie kann ein Wein aus Casablanca koscher sein oder werden? Die Diskussion geht weiter, der Winzer müsse ein Jude sein, die Weinfässer oder die Weinberge müssen von einem Rabbi gesegnet sein, Vermutungen schwirren durcheinander.
Bestimmte Rahmenbedingungen für den koscheren Wein kristallisieren sich schnell heraus. So werden Trauben bei neuen Weinstöcken erst nach dem vierten Jahr geerntet und in jedem siebten Jahr, dem Sabbatjahr, wird auf die Lese verzichtet, damit die Rebstöcke sich nutritiv und organisch regenerieren können.
Zwei Monate vor der Weinlese darf keine organische Düngung in den Weinbergen mehr stattfinden, und alle Erntegeräte und Gefäße müssen vorher unter der Aufsicht eines Rabbi gründlich gesäubert werden. Jegliche Zufuhr von Enzymen oder Bakterien sind beim Vinifizieren untersagt, die Fermentation darf ausschließlich durch die, auf der Haut der Trauben befindlichen, Hefepilze angeregt werden. Bei der Abfüllung ist zu beachten, daß lediglich Papierfilter verwendet werden, und daß eine Wiederverwendung der Flaschen untersagt ist. Von einhundert abgefüllten Flaschen muß eine zu Gunsten der Armen abgegeben werden, darf also nicht verkauft werden.
Ausgerechnet am 24. Dezember trifft die letzte Ergänzung per e-mail aus Jerusalem ein. Sie beruft sich auf eine Auskunft eines Professors vom „Jewish History Department“ der Bar Ilan Universität, der als profunder Kenner in Weinfragen beschrieben wird. Danach liegt der entscheidende Unterschied zwischen koscherem und unkoscherem Wein in der Religion der weinproduzierenden Menschen. Der koschere Wein wird ausschließlich von Juden hergestellt, und er kann auch nur von diesen verwendet werden. Wenn ein Christ, Atheist oder Moslem eine solche Flasche öffnet, Wein aus dieser Flasche trinkt oder auch nur die geöffnete Flasche berührt, so verliert der Wein seinen Kashrut, er wird unkoscher.
Die Wurzeln dieser Vorschrift liegen in einer Zeit, in der die Religionen sich stark voneinander abgrenzten, Assimilation oder gar Mischehen mit aller Kraft vermieden werden sollten. Selbst das Teilen einer Flasche Wein erschien damals schon zu viel der Annäherung. Traditionelle Juden werden der in der Öffentlichkeit auch heute im Zweifel darauf bestehen, daß sie eine geschlossene und versiegelte Flasche serviert bekommen, die sie selbst öffnen und aus der sie selbst nachschenken. Schade, so werden Juden und Nicht-Juden niemals gemeinsam eine Flasche Wein leeren können.
Doch halt, wo ein Wille ist, ist auch ein Weg – und wenn es nur ein Schleichweg ist. Wird nämlich koscherer Wein aufgekocht, so verdirbt er zwar – aber er bleibt koscher. Serviert man nun andersgläubigen Menschen einen derartig „abgekochten“ Wein –
zum Trinken wohlbemerkt, nicht in einer Soße – dann besteht wohl kaum die Gefahr einer zu intensiven Annäherung oder gar Assimilation. Wer möchte schon einen derartigen Trank in geselliger Runde „genießen“?
Doch Louis Pasteur hilft uns noch weiter. Die Pasteurisierung wird von vielen Juden als gleichwertig zum Aufkochen angesehen, auch wenn der Wein dabei nicht im eigentlichen Sinne gekocht wird. Der behandelte Wein verliert zwar an Aroma, aber er wird nicht gänzlich ungenießbar – und er bleibt koscher, auch wenn Andersgläubige die geöffnete Flasche berühren oder aus ihr trinken. Durch ein spezielles Verfahren (Blitz-Pasteurisierung) gelingt es heutzutage, den Aromaverlust sehr gering zu halten. In den USA werden derartige Weine (Carmel Weine) anscheinend auch in guter Qualität im Handel angeboten, die einen gemeinsamen Genuß über religiöse Grenzen hinweg erlauben. Na dann Prost!
P.S.: Wer demnächst in die Staaten reist, möge mir doch bitte ein Glas dieses Carmel Weines auf mein Wohl leeren – in welcher Gesellschaft auch immer.
Shalom!
Nicht zuletzt hat mich
Tobias daran erinnert, mit seinem 15ten Kochevent Israel.