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Dienstag, 21. Juni 2022

Neu in Herdecke: Rilasso

Update: Das Restaurant ist geschlossen. Seit März 2024 befindet sich hier die "Enoteca Vincenzo" von Vincenzo Mazza.

Pasquale Oppido und Luca Palmieri relaxt im neuen Rilasso

Den Dortmunder Süden auf der Wittbräucker Straße zu „erfahren“, ist für den kulinarisch orientierten Kurzreisenden ein faszinierendes Erlebnis. Wie Perlen an der Kette reihen sich an der kilometerlangen Landstraße hochwertige Ausflugslokale und Hotels aneinander, die man nur mit dem Mut zur Lücke alle aufzählen kann. Vorbei geht es z. B. am l’Arrivée (mit den Restaurants Vivre und Rustique), an Überacker, Overkamp, Dieckmann’s, dem Thai-Restaurant Blue Elephant und den Bonsmann’s Hof, bis man schließlich in Herdecke ist und sich an der dortigen Dortmunder Landstraße abrupt entscheiden muss, ob man links oder rechts weiter fährt. Der erfahrene Genießer weiß natürlich genau, dass er sich rechts halten muss. Schließlich residierte hier nach knapp einem Kilometer in einer Art Relais-Station fast zwanzig Jahre lang Raffaele Micelli mit seinem „Da Raffaele“, nachdem er zuvor in Dortmund-Wichlinghofen, natürlich an der Wittbräucker Straße, seinen Ruf als exklusiver Edel-Italiener begründet hatte.


Eleganz in grau und violett

Als Raffaele Anfang des Jahres in den Ruhestand trat, dauerte es nicht lange, bis ein würdiger Erbe gefunden war: Pasquale Oppido von der Dortmunder Gastro-Institution Rilasso. Das Stammhaus dieses Namens befindet sich Do-Aplerbeck, wo Pasquale schon seit Jahren populäre italienische Küche anbietet. Doch sein Herz schlägt auch für die feine Küche, und so entschloss er sich vor fünf Jahren, in Do-Hohensyburg im Schatten der Spielbank mit dem damaligen Sternerestaurant Palmgarden (und, nebenbei bemerkt, über einen Abzweig von der Wittbräucker Straße aus zu erreichen) ein weiteres Rilasso zu eröffnen, dort aber auf die allseits beliebte Pizza und überbackene Lasagne zu verzichten. Sein Stiefsohn Luca Palmieri, der damals im Palmgarden im Service arbeitete, stieg in den Betrieb ein. Das kam so gut an, dass Pasquale sich jetzt entschloss, mit diesem Edel-Rilasso umzuziehen und in die Fußstapfen vom Da Raffaele in Herdecke zu treten.


Wieder dabei: Audrey Hepburn

Vorfreude aufs Essen


Pasquale und Luca stehen bereit

Pasquale und Luca verbreiten auch im neuen Domizil jene Relaxtheit, die der italienische Name des Restaurants bedeutet. Die Räume wurden nach dem Vorbild in Hohensyburg neu gestylt und wirken in ihrer violett-grauen Farbgestaltung sehr elegant. Auch die Foto-Porträts von Marlon Brando als Pate und Audrey Hepburn als Holly Golightly wurden mitgebracht. Von der Terrasse aus hat man einen weiten Blick fast bis ins Ruhrtal mit Hengstey- und Harkortsee, und in der landschaftliche Idylle ahnt man kaum etwas von der noblen Wohngegend rund um den Golfplatz in der Nachbarschaft.

Feine Weine im Rilasso

Vor allem Lucas weltläufige, in der Sternegastronomie geschulte Ansprache der Gäste trägt zu der lockeren Atmosphäre bei. Wenn er Weine empfiehlt, tut er das mit Wissen und Eleganz. Überhaupt ist die Weinauswahl gar nicht so italienlastig, wie man denken sollte. Vielmehr gibt es, wie in der Spitzengastronomie überhaupt, internationale Weine, viele aus Übersee, aus Kalifornien oder Chile.


Feinste Produkte

Beim Plaudern vor unserem Pressemenü mit drei Kollegen zeigte uns Pasquale stolz einen Hummer, der mit Linguine und dem Thunfisch-Rogen Bottarga auf der Tafel mit den Tagesgerichten stand, und erzählte von der Küche seiner Heimat Kalabrien, die ihn so inspiriert. Doch bei den Gängen, die er dann auffahren ließ, musste ich meine dabei eintstandenen Erwartungen umswitchen. Es waren nicht die Perlen der italienischen Regionalküche, die auf den Tisch kamen, sondern jene Edel-Standards, mit denen Italien die internationale Küche bereichert hat und bei denen luxuriöse Produkte wie Rinderfilet oder Trüffel auf betörend einfache Art präsentiert werden. Die Herausforderung für die Küche besteht dann darin, die Erwartungen des Gastes zu erfüllen und gleichzeitig den Gerichten einen unerwarteten Kick zu geben – etwas, das Pasquale und seinem Koch ausgezeichnet gelang. Entweder bekamen die Gänge durch raffiniertes Abschmecken oder herrliche Saucen eine Note jenseits des Erwartbaren, oder sie waren in der Präsentation farblich auf die Einrichtung des Restaurants abgestimmt. In dieses Konzept passten dann auch die extravaganten Weine aus Italien, Kalifornien, Chile und Deutschland, die Luca dazu servierte.

Noch muss der Juni-Mond über Herdecke zunehmen

So erwies sich die Korrektur meiner Erwartungen als ein luxuriöses Pseudo-Problem, das Paquale als aufmerksamen Gastgeber allerdings nicht verborgen blieb. So überraschte er uns am Ende, zum zweiten Dessert sozusagen, noch mit einer Portion soulfood alla mamma: Pulpo mit weißen Bohnen und Tomatensauce.
 


Presse-Menü „Rilasso“
9.6.2022


Wilder Spargel, Vitello Tonnato und
Thunfisch-Tatar mit Barläuch-Crème

Das frühsommerartige Farbenspiel in grün-rosa spiegelte die geschmackliche Vielfalt der einzelnen Komponenten. Der elegante zartgrüne wilde Spargel, eigentlich die Blütenstaude des Pyrenäen-Milchsterns, hatte knackige Spargelnoten. Der Kalbfleisch-Anteil am Vitello-Tonnato war ein gehöriger Brocken, der dem Antipasti-Klassiker eine ganz andere Textur gab als die normalen dünnen Scheiben. Überzeugend frisch abgeschmeckt war das Thunfisch-Tatar, dem die hellgrüne Barlauch-Crème auch noch einen optischen Kick gab.

2021 Terlaner, Kellerei Terlan, Südtirol
Die frische Cuvée aus Weißburgunder, Chardonnay und Sauvignon blanc mit ihren hellen Frühsommer-Aromen war ein ideale Ergänzung.


Carpaccio mit Taglierini und Trüffeln
Carpaccio ist eine Erfindung von Giuseppe Cipriani von Harry’s Bar in Venedig als Diät-Gericht für eine reiche Stammkundin. Im Rilasso wurde den dünn aufgeschnittenen rohen Rinderfiletscheiben die nötige Umami-Dosis durch darüber gehobelten Trüffel und Parmigiano Reggiano verpasst – und durch ein Pasta-Röschen Taglierini, die mit einer wunderbaren Trüffelsauce getränkt waren. Eine betörende Variante des Klassikers.

2019 Bourbon Barrel Aged Chardonnay,
Weingut Robert Mondavi, Kalifornien

Der in Whisky-Fässern gereifte Chardonnay ist ein überbordendes Beispiel dafür, wie in der Neuen Welt mit dem Fassausbau experimentiert wird. Die rauchige Note steigerte die Umami-Charakteristik des Gerichts exponentiell.


Zitronensorbet mit Prosecco


Adlerfisch mit Zitronengrassauce und violettem Blumenkohl
In den letzten Jahren hat das feine weiße, dem Wolfsbarsch ähnliche Fleisch des Adlerfischs auch die Speisekarten der gehobenen Gastronomie in Deutschland erobert. Das Rilasso präsentierte es manchmal recht glasig gegart ganz klassisch mit Zitrusaromen in der Sauce. Ein optisches Highlight war der Blumenkohl in Rilasso-Violett.

2021 Samas Isola dei Nuragi, Cantina Agricola Punica, Sardinien
Der sardischen Chardonnay spiegelten die cremige Textur des Fisches, der sahnigen Sauce und der Pioppino-Pilze. Die tropischen Aromen ergänzten die Zitrusnote der Sauce.



Rinderfilet mit Kartoffelpüree, wildem Broccoli und Rotweinsauce
Ein solider Fleischgang wie aus dem Bilderbuch. Wilder Broccoli gab den italienischen Touch. Der Clou: Die Kapern in der Rotweinsauce, die fast wie Rosinen wirkten.


2018 Galantas Cabernet Franc Gran Reserva,
Weingut Haras de Pirque, Chile

Die an klassische Bordeaux-Weine erinnernde Gran Reserva aus Cabernet Franc und etwas Carmenère, ein Joint Venture mit Antinori, war der ideale Begleiter zum Fleischgang.



Mascarponecrème mit Obstsalat und Amarenasauce
Eine italienische Nachtisch-Freude.


Auslese Nachtgold, Peter Mertens, Mosel
Ein zum Dessert passender süßer Eiswein.



Nachschlag
Pulpo auf weißen Bohnen

Ein Teller Soulfood, das auf der Zunge zerging. 
 
 
Ristorante Rilasso. Dortmunder Landstraße 45, 58313 Herdecke. Tel: 02330/9269926. Do -Mo ab 17:30 Uhr. rilasso.de

Der Genießer bedankt sich für die Einladung.
Dank auch an Michael Alisch für die Organisation.

Mittwoch, 5. Juli 2017

Neu in Herdecke: Proto im Schiffwinkel

Der Oktopus vom Hengsteysee

Der Schiffwinkel ist eine traditionsreiche gastronomische Adresse in Herdecke. An der gleichnamigen Straße am Nordufer des Hengsteysees, direkt am Stauwehr, liegt ein Ausflugslokal, das einst unter dem einfacher auszusprechenden Namen Schiffswinkel ein Gourmetrestaurant und dann unter verschiedenen Betreibern eine italienische Pizzeria beherbergte. Von der großen Terrasse hat man einen wunderbaren Blick auf die aufgestauten Wasser der Ruhr und das darüber thronende Kaiser-Wilhelm-Denkmal der Hohensyburg.

Der Schildermaler muss noch mal ran.

Seit Anfang Juni befindet sich hier das griechische Lokal „Proto im Schiffwinkel“. Der 27-jährige Betreiber Andreas Deseris ist zum eigentlichen Straßennamen „Schiffwinkel“ zurückgekehrt, um sich von seinen Vorgängern zu unterscheiden – eine Maßnahme, die der Schildermaler des neuen Schriftzuges übersehen hat. Künstlerpech!

Andreas Deseris mit Großvater

Für Andreas ist es das erste Restaurant, das er betreibt, doch er bekommt Unterstützung von seinem gastronomieerfahrenen Vater. So sind die neu ausgestatteten Gasträume auch betont familiär gehalten. Neben zahlreichen griechischen Promis umfasst die große Bildergalerie an den Wänden auch viele Familienfotos, darunter das des Großvaters, der Anfang der 1960er Jahre als „Gastarbeiter“ nach Deutschland kam. In Griechenland war die Familie Deseris in der Landwirtschaft tätig und produzierte Käse aus Schafsmilch, eine kulinarische Tradition, auf die Andreas sehr stolz ist.

Leckeres Fleisch, tadellos gegrillt

Die Speisekarte des Proto umfasst zahlreiche klassische griechische Vorspeisen in Portionsgrößen, an denen man sich schon allein satt essen kann. So ergab bei einem spontanen Besuch am letzten Samstag eine Portion Oktopus mit Zitronen-Oliven-marinade (10,90 Euro) mit einer Portion gegrillter Auberginen und Zucchini samt Tatziki (6 Euro) ein komplettes Abendessen. Beim gestrigen großen Pressetermin wurden dann die typisch griechischen Platten aufgetragen. Überbackener Schafskäse in verschiedenen Variationen, gegrilltes Souvlaki, Bifetki, Schweinefleisch und Hähnchenbrustfilet, Kalamari, Lachs, Fischfilet und Gambas, farbenfrohes gegrilltes Gemüse, Pommes und Reis. Alles war tadellos gegrillt und herzhaft gewürzt, dass die hungrigen Pressevertreter freudig zulangten.

Schöne Terrasse, gut besucht

Der Blick über den Tellerrand zeigte, wie sehr diese typische Griechen-Küche auch die Erwartungen der anderen Gäste erfüllte, die sich im Laufe des Abends bei bestem Sommerwetter auf der großen Terrasse einfanden. Eine Auslastung, die für die Zukunft des Proto optimistisch stimmt. Wer weiß, vielleicht kann sich Andreas dann auch den Wunsch erfüllen, die Karte etwas experimenteller und moderner zu gestalten. Bei den Weinen hat er jedenfalls angefangen. Zum Essen spendierte er eine Retsina, der zeigte, was in diesem griechischen Allerweltswein stecken kann.

Proto im Schiffwinkel, Herdecke, Im Schiffwinkel 36. Tel. 02330/2155, Mo-Sa 12-15 und 17-23 Uhr, So 11.30-22 Uhr. Speisekarte auf Facebook.

Das Stauwehr im Glas

 Gebackener Schafskäse

Tja, was ist das?

Mezedes an der Ruhr

Fisch für alle

Gegrillte Gemüse

Kalamari

Lockendes Souvlaki

Klassische Schönheit: Rosha serviert

 Griechischer Mokka

Trinkgeld mit Retsina der Extraklasse

Noch etwas Brot zum Sattwerden?


Samstag, 9. Oktober 2010

Mittwoch, 6. Oktober 2010

Aus dem Archiv: Da Raffaele - Allein unter Stammkunden

Der Text erschien erstmals in "Dortmund genießt 2011"
Das Restaurant gibt es nicht mehr. Seit 2022 residierte unter dieser Adresse das "Rilasso" (klick hier)",
seit März 2024 befindet sich hier die "Enoteca Vincenzo".

Es hat so seine Vor- und Nachteile, wenn man sich sofort, wenn ein Restaurant am frühen Abend öffnet, zum Essen einstellt. Vorteil ist, dass man Einblicke in die mentale Vorbereitung des Betriebes gewinnt, die am späteren Abend nicht mehr möglich sind. So auch bei meinem Besuch des „Da Raffaele“. Koch und Patron Raffaele, mit schwarzem Piratentuch und grauem Bärtchen eine charmante Erscheinung, kommt immer wieder aus der Küche, um immer wieder darin zu verschwinden, der Bedienungsengel und Tochter des Hauses spricht auf der Terrasse temperamentvoll ins Telefonino, der Kellner hantiert scheppernd mit irgendetwas hinter der Theke herum, und irgendwann eilt Mama herbei, um sich ebenfalls eine Küchenschürze umzubinden. Die familiäre Geschäftigkeit, mit der das Abendgeschäft beginnt, steht im liebenswerten Kontrast zur coolen Ausstattung des kleinen Lokals.

Raffaele ist seit Jahrzehnten eine konstante Größe in der gehobenen Dortmunder Gastronomie. Erst im alten „Da Raffaele“ auf der Wittbräucker Straße, dann in der „Spaghetti Factory“ an der B1, wo er fast übererfolgreich einen Ausflug in die Massenverpflegung mit Kultcharakter wagte, und seit 10 Jahren nun im neuen „Da Raffaele“ in Herdecke, wo er sich wieder der weitaus angenehmeren Edel-Gastronomie widmet. Das fast einsam, weit ab vom Schuss gelegene Ristorante strahlt noch immer die gleiche Eleganz wie bei der Eröffnung aus. Dominiert von den tiefrot gestrichenen Wänden mit großformatigen Bildern, laden kleine, schön weiß eingedeckte Tische wie in einer Trattoria zum unkomplizierten guten Essen ein. Bei soviel individuell entworfener Stylishkeit musste ich schmunzeln, als ich auf einem robusten Steakmesser, das mir gereicht wurde, den Schriftzug „Ikea“ entdeckte. Die Dortmunder (und Hagener) Stammgäste scheuen den Weg in die ländliche Idylle in Herdecke nicht, und schnell ist der Rand der Dortmunder Landstraße mit Cabrios, SUVs und Limousinen zugeparkt.

Ich wunderte mich schon, dass wirklich jeder Gast, der nach und nach eintrudelte, mit Namen angesprochen und Küsschen bzw. Handschlag begrüßt wurde – und dann so seltsame Gerichte wie Spiegelei oder nur in Butter geschwenkte Nudeln bekam. Bis Raffaele mit einer männerfaustgroßen weißen Trüffel aus der Küche kam und jedem ein Portiönchen auf die warme Mahlzeit hobelte, nicht ohne zwischendurch auf einer kleinen Waage sorgsam auszuwiegen, um wieviel Gramm die aromatische Knolle jeweils geschrumpft war.

Warum hatte man mir das bei meiner Bestellung bloß nicht gesagt, dass es auch Trüffel gab, die auf der Karte nicht angezeigt waren? So hatte ich meine Mahlzeit schon fast hinter mir, als Raffaele endlich zu mir kam und mir den 172 Gramm schweren Edelpilz unter die Nase hielt. Schon fabelhaft gesättigt, musste ich mich mit dem Duft begnügen, der den Raum erfüllte. Das war halt der Nachteil, den ich hatte, als ich so früh gekommen war.


Das Essen, das ich zu mir genommen hatte, war aber auch nicht ohne. Raffaele pflegt eine italienische Gourmetküche, die internationales Format hat, bestens symbolisiert durch den Wein, der mir empfohlen wurde. Der 2007er Mediterra stammte zwar vom toskanischen Erzeuger Poggio al Tesoro, war aber eine Cuvée aus den Trauben Cabernet Sauvignon, Merlot und Syrah, die in Europa für französische Weine typisch sind. Je mehr Luft der Wein im Glas bekam, desto mehr entfaltete er seinen kräftigen Cassis-Duft.

Nach dem Amuse bouche, einem Ausflug in die japanische Küche, der aus Thunfisch-Ragout mit Ingwer auf Sprossen und Sojasauce bestand, wurde es dann aber echt italienisch. Der Aufstrich, der zum knusprig aufgebackenen Brot gereicht wurde, war reiner Mascarpone. Da ich Lust sowohl auf eine Vorspeise als auch einen Pastagang vor dem Hauptgang hatte, ließ ich mir beides als kleine Portion servieren: knackig gebratene Scampi auf angenehm säuerlich abgeschmeckten Linsen und Salat (13 Euro, kleine Portion 6,50 Euro) und feine Bandnudeln in Steinpilzrahmsauce (14 Euro, kleine Portion 10 Euro), deren Steinpilzaroma durch eine stimmige Würzung hervorgelockt wurde. Der Hauptgang, der mir empfohlen worden war, hätte genauso als französisch wie italienisch durchgehen können: irischer Lammrücken auf Flageolet-Bohnen mit Kartoffelpüree (22,80 Euro). Das Fleisch war natürlich rosa gebraten und zerging auf der Zunge, die kleinen blassgrünen Bohnen in cremiger Sauce eine wunderbare Ergänzung dazu. Als Dessert gab es ein Moccaparfait (8,50 Euro) mit frischen Früchten, das wunderbarerweise nicht zu süß war.

Als ich „Da Raffaele“ verließ, schwelgten die Stammgäste immer noch in ihren Trüffeln. Ich aber freute mich, dass ich in diesem noblen Laden so preisgünstig essen konnte. Keines der Hauptgerichte auf der Karte erreichte die 30-Euro-Marke, das schottische Rib-Eye-Steak vom Grill mit Gemüse „Donald Russel“ war mit 28,50 Euro das teuerste. Der Wein, von dem ich immerhin eine Drittel Flasche verkonsumiert hatte, kostete gerade einmal 7,50 Euro. Davon könnte sich manch anderer Edelitaliener in der Metropole Ruhr ruhig eine Scheibe abschneiden.
-kopf

Herdecke, Dortmunder Landstr. 45
 

Dienstag, 17. Januar 2006

Aus dem Archiv: Bonsmann’s Hof - Westfälische Elegie

Der Text erschien erstmals in "Dortmund geht aus 2006/2007".

Es ist jetzt zwölf Jahre her, seit ich das Landhotel Bonsmann’s Hof zum ersten Mal als Restauranttester besucht habe, und mir kommt es vor, als ob die Zeit stehen geblieben sei. Noch immer beherrscht ein beruhigendes Lindgrün den großen, nach Art des niederen Landadels fein eingerichteten Gastraum im Anbau des 200 Jahre alten Fachwerkhauses. Der davor gesetzte Wintergarten hat hingegen ein rustikales, bäuerliches Ambiente. Alles strahlt mit der gedämpften Aura des viel Benutzten, aber liebevoll Gepflegten. Die tief stehende Wintersonne scheint durch die Fenster und verbreitet eine geradezu elegische Atmosphäre, die im Gegensatz zur Geschäftigkeit des jugendlichen, familiär gewandten Servicepersonals steht. Auch der große Parkplatz vor dem Haus macht deutlich, dass hier in der Regel mehr los ist als an diesem Montagmittag. Besonders sonntags kommen viele Stammgäste wegen der besonderen Menükarte und haben ihre festen Tische.

Bonsmann’s Hof ist Mitglied der Aktion „NRW kulinarisch“ und hat sich der westfälischen Küche verschrieben. Neben der Standardkarte, die auch den Bedürfnissen des Hotelbetriebs Rechnung trägt und eine knappe englische Übersetzung aufweist, gibt es eine wechselnde Saisonkarte. „Gut durch den Winter“ lautet deren Motto beim Testbesuch Anfang des Jahres und bietet deftige Gerichte wie „Kümmelsteak vom westfälischen Landschweinrücken auf geschmortem Wirsing mit Bratkartoffeln“ (EUR 14,00) oder „Knuspriger Gänsebraten (nur von ganzen Gänsen) mit Grünkohl und Bratkartoffeln“ (EUR 19,00). Ich entscheide mich für „Zarte Lammfilets auf Dicke Bohnen mit Bratkartoffeln“ (EUR 22,50) und bin überrascht. Nicht die geringste mediterrane Assoziation drängt sich auf. Die drei Lammfilets, von denen nur das dickste innen rosa ist, stellen sich westfälisch stilecht als knoblauchfreie Zone dar, und auch bei den Würzkräutern der Bohnen handelt es sich nicht etwa um die südfranzösischen Garrigue-Aromaten Thymian oder Lavendel, sondern um Petersilie und das gute alte Bohnenkraut, durch das Bohnen einfach nur nach Bohnen schmecken. Der offene badische Spätburgunder(0,2 l EUR 4,90), den ich mir dazu bestellt habe, passt ganz passabel, doch bietet die umfangreiche Weinkarte eine ganze Reihe weiterer deutscher und internationaler Spezialitäten, darunter gleich zwei sündhaft teure Bordeaux’ mit dem klingenden Namen Rothschild: den Mouton und den Lafite. Als Vorspeise hatte ich mir die hübsche „Suppentrilogie“ (EUR 7,50) bestellt, und in drei Mini-Löwenkopfterrinen samt Sesamstange und Kaffeelöffelchen wurden eine „Festtagskraftbrühe“ mit Eierstich und Gemüse, eine Fischrahmsüppchen mit Safran und Fenchel und eine Zucchinicremesuppe serviert. Ein gelungener variantenreicher Einstieg.
-kopf

Herdecke, Wittbräucker Str. 38
Fon 0 23 30.7 07 62
Mi-Sa 12-15 & 17.30-22 Uhr, So 12-15 & 17.30-21 Uhr. Mo, Di geschlossen.
https://bonsmannshof.de/

Dienstag, 7. Juni 1994

Aus dem Archiv: Bonsmann’s Hof

Der Text erschien erstmals in „Ausgehen im Ruhrgebiet 1994/1995“.

Wenn man die A 45 Richtung Herdecke verlässt, stößt man bald auf die Wittbräucker Straße, die sich gut ausgebaut durch eine liebliche Hügellandschaft bis in das Ruhrtalstädtchen am Hengsteysee schlängelt. Hier reihen sich einige Ausflugsgaststätten aneinander wie die Perlen an einer Kette, und ganz typisch ist da „Bonsmann’s Hof“. Das Hotel-Restaurant im Fachwerkhaus bietet seinen Gästen eine bodenständige Küche.

Der ziemlich große Gastraum ist edel, leicht nostalgisch mit dunklem Holz möbliert, ein Tischlein mit hochprozentigen Obstwässerchen fördert den Appetit. Die Karte bietet in solider Zubereitung für jeden Geschmack etwas: „Gebratene Geflügelleber in Calvadosrahm mit Apfelstücken“, „Filetsreifen Asia pikant“ oder „Züricher Kalbsgescchnetzeltres mit Champignons und Kräutern“, Lammcarrée und Entenbrust. Auf der Tageskarte finden sich auch Fischgerichte.

-kopf

Herdecke, Wittbräucker Str. 38
Fon 0 23 30.7 07 62
Mi-Sa 12-15 & 17.30-22 Uhr, So 12-15 & 17.30-21 Uhr. Mo, Di geschlossen.
https://bonsmannshof.de/