Frau Bushcook kam für fünf Tage von der Isar an die Elbe geschwebt, um ein paar Exemplare aus ihrer winzigen Kochbuchsammlung signieren zu lassen und an unserem Persien-Kochtreffen teilzunehmen. Dementsprechend straff war unser Programm, und wieder mal stellten wir fest, dass der Tag zu wenig Zwischenmahlzeiten hat. Mehr als zwei Top-Lokale pro Tag schaffen wir nicht, selbst, wenn wir uns Mühe geben. Ja, ich weiß, das sind Luxusprobleme, aber wann bitte bieten Sterneköche endlich Frühstücksmenüs an?! Mir ist es zwar egal, ob ein Lokal einen Stern hat oder nicht, solange die Küche ehrlich ist und lecker, aber wenn man sich systematisch durch Lokale mit Stern, Fernsehköchen und / oder Kochbüchern arbeitet wie Bushi, kann man ja nicht einfach irgendwo an der Straße frühstücken.
Nach einem Nachmittag voller persischer Gastfreundlichkeit bei Heidi und ihrer entzückenden Emmi ging's Freitag nach einer kurzen Pause ins Sgroi nach St. Georg. Die Sizilianerin Anna Sgroi ist eine der wenigen Autodidakten, denen es gelingt, einen Michelin-Stern zu erkochen. Vor etwa zehn Jahren eröffnete sie ihr Lokal unweit des Hauptbahnhofs in der Langen Reihe. Das Lokal ist so wie Sgrois Küche: Puristisch im besten Sinne, hell, warm und liebevoll eingerichtet.
Wir entscheiden uns für das Menü - ich musste etwas überzeugt werden, denn es war mir einerseits zu sommerlich und andererseits gab's auf der Karte so viel, dass ich gerne probiert hätte ... Ich jammere auf hohem Niveau ...
Wilde Garnelen im Zucchiniblatt mit Steinpilzen und Frisée
Ravioli von violetten Artischocken mit Tomaten und Kräutern
Gegrillte Medaillons vom Seeteufel mit gedünsteten Blumenkohlröschen und Sardellenfilets
Milchferkel aus dem Ofen mit Bohnencasserolle
Sizilianische gefrorene Cassata mit karamellisierten Orangenfilets
Pralinenauswahl zum Espresso
Meine Lieblingsgänge waren die Garnelen, die so liebevoll mit Zucchini umwickelt waren, dass ich erst dachte, da kämen Würmchen oder Drahtspulen auf den Tisch, und die Ravioli, bei denen mir auffiel, welche geschmackliche Ähnlichkeit es zwischen Artischocken und Topinambur gibt. Das Gericht schmeckte nämlich fast so wie meine Ravioli mit Topinambur-Füllung, nur dass ich es in diesem Leben vermutlich nicht mehr schaffe, solche grandiosen Ravioli zu machen wie Anna Sgroi und ihr Team. Und die Cassata ließ mich vergessen, dass ich keine Cassata mag. Die war großartig.
Auf die Weinbegleitung musste ich aus gesundheitlichen Gründen weitestgehend verzichten, aber als uns ein von Papa Sgroi selbstgemachter Malvasia aus einer entzückenden, mit Blumen bemalten Flasche angeboten wurde, konnte ich auch nicht Nein sagen.
Insgesamt war es ein runder, harmonischer Auftakt in unser verlängertes Wochenende.
„Die Damen hätten hier auch jede einen eigenen Ständer“, meinte der arg junge Kellner im Literaturhauscafé, als wir zu zweit den Achtertisch im Erker besetzten mit der Begründung, hier hätten wir jede ein eigenes Fenster. Okay, ich kapituliere. Diese Tage sollten einfach zotig werden …
Bei der Frühstückswahl herrschte schnell Einigkeit: Zwei Mal Hamburger Hafen, bitte. Der Fisch war lecker, teilweise allerdings seltsam wässrig. Kann es sein, dass der Räucherfisch eingefroren war? Ich hätte im Lokal fragen sollen …
Zu meiner Freude war der Besuch noch nicht im Literaturhaus gewesen und zeigte sich dann auch gebührend beeindruckt vom prächtigen Festsaal mit seiner schmucken Decke.
Gestärkt ging’s dann auf den Zwutsch. Ich hatte im Vorbeifahren in der Papenhuder Straße das Koch + Design Haus entdeckt und wollte da schon lange mal hin, also musste der Besuch mit. Aber was so 'n echter Foodie ist, wehrt sich da kaum mit Händen und Füßen ;o) Schnell landeten Hasenformen und Messbecher an der Kasse, kamen wir mit der netten Inhaberin ins Plaudern. Auf meinem Wunschzettel steht jetzt diese Muskatmühle von Chef’n, eine Firma, die ich in Dänemark kennenlernte, und deren Produkte ich sehr mag. Lieber hätte ich spontan die handschmeichelnde Holzmühle, die Barbara Engelhard uns empfahl, gekauft, aber verschwindende Muskatmühlen-Teile und Holz in der Spülmaschine sind ständige Streitthemen zwischen dem Gatten und mir. Das Chef’n-Modell scheint da ein Kompromiss zu sein: Ist SM-tauglich und besteht nur aus einem Teil; es kann also nichts (vorzugsweise der Behälter mit der Muskatnuss) verschwinden.
Statt weiter nach Winterhude ging’s auf Wunsch des Besuchs von der Uhlenhorst zurück nach St. Georg, auf die Lange Reihe. Zwei weitere Neu-Entdeckung warteten auf Nummer eins: Koppel 66 und das Geburtshaus von Hans Albers kannte sie noch nicht. Der Junge von St. Pauli ist nämlich in St. Georg geboren. Außerdem fuhr der Schlachterssohn nie zur See, sondern allenfalls zur Alster. Oder zum Starnberger See.
Fester Anlaufpunkt für Nummer eins ist das Lagerhaus, wo sie die Verkäufer schon mal zum Schiffchenversand an die Isar zwang, was nachhaltig beeindruckte. So nachhaltig, dass man mir beim Nachkauf ein halbes Jahr später noch sagen konnte, welche Schiffchengröße verschickt wurde … Auch heute sollte Nummer eins wieder zu großer Form auflaufen. Diesmal aber nicht im Lagerhaus. Dort wurden nur garantiert flugtaugliche Amuse-Schieferplatten erstanden, kehrten wir auf einen Espresso in die Tages-Bar ein. Schade, dass wir noch satt vom Frühstück waren, denn die Königsberger Klopse sahen verführerisch aus.
Auf dem Weg zu Mutterland, das der Besuch auch noch nicht kannte, blieb dieser plötzlich wie von der Tarantel gestochen stehen und zeigte schnappatmend auf ein Edelstahltablett im Fenster: "Die Größe suche ich schon lange!" Ehe ich es mir versah, landete ich im Mahtabi. An diesem indischen Supermarkt ging ich bestimmt schon dutzende Male vorbei, aber hinein zog es mich bislang nicht. Was für eine Entdeckung! Die Auswahl ist unbeschreiblich! Und ich habe jetzt unbändige Lust, bei einem unserer nächsten Hamburg kocht!-Treffen indisch zu kochen.
Nachdem sie am Vorabend schon einen schüchternen Koch nachdrücklich dazu brachte, ein vor langer Zeit erschienenes Kochbuch zu signieren, traumatisierte Nummer eins nun nachhaltig den armen Mahtabi-Verkäufer. Er ging auf der Suche nach dem richtigen Tablett erst fünf Mal in den Keller, bis er sich seinem Schicksal ergab und ins seit Jahrzehnten organisch gewachsene Schaufenster kletterte, um der Deko das gewünschte Tablett zu entreißen. Zum Glück war der alte, biegsame Herr von zartem, kleinem Wuchs – ich sah ihn schon von einem vor dem Schaufenster wachsenden Regalen vereinnahmt und sich nie wieder befreien könnend, wäre er auch nur einen Zentimeter größer oder breiter gewesen.
Und als er erleichtert für das befreite Tablett kassieren wollte, fiel ich ihm auch noch in den Arm, um Nummer eins in den Rest des Ladens zu zerren – weiter als bis zu den direkt am Eingang liegenden Tabletts war sie nämlich noch gar nicht gekommen. Angesichts von Granatapfelpulver, schwarzem Kardamom, getrockneten Berberitzen, getrockneten Limonen und Unmengen unterschiedlicher Sorten Linsen ertönten aus allen Ecken des Ladens spitze Schreie des Entzückens, bevor wir unsere Beute zur Kasse schleppten.
Der erleichterte Verkäufer zog es vor, die Frage „Können Sie mir einen Kollegen in München empfehlen, der einen genau so schönen Laden hat wie Sie?“ trotz nachdrücklicher Wiederholung nicht zu verstehen. Hilft ihm aber nichts. „Sag einfach, was Du brauchst. Ich spring schnell vorbei, kauf’s und schick’s Dir“, meinte ich. Nummer eins und ich haben nämlich eine Elbe-Isar-Elbe-Connection für Porzellanschiffchen, signierte Kochbücher, leere Gläschen, Bier, Arrak und nun halt auch indischen Krams.
Nach einem kurzen Abstecher zu Mutterland beschlossen wir dann auch erst mal, es für heute gut sein zu lassen und uns etwas auszuruhen, bevor’s von der Alster zu abendlichen Weinprobe an die Elbe ging. Aber das ist eine andere Geschichte …