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Boîte aux lettres 8

Donnerstag, 7. Juli 2016

*... gleichzeitig waren sie auch als Gegenstände bedeutungsvoll: sie spazierte gerne mit Büchern unter dem Arm durch die Straßen. Sie waren für sie das, was der elegante Spazierstock für den Dandy des vergangenen Jahrhunderts war. Doch sie unterschied sich von den anderen. (Der Vergleich zwischen Buch und dem eleganten Spazierstock des Dandy ist nicht ganz richtig. Der Stock war das Erkennungszeichen des Dandy und machte ihn auch modern und modisch. Das Buch unterschied Teresa von den anderen, machte sie jedoch altmodisch ...)* (Milan Kundera *Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins*).

*Altmodisch* riecht nach Mottenpulver, nach Patchouli und trockenem Staub. Unbeeindruckt davon trage ich dieses Wort wie eine Zierde. Rümpften nicht alle meine Lieblinge die Nase ob des Zeitgeistes. Und wenn ich nur Oscar Wilde rausgreife, der Harry vor über hundert Jahren sagen läßt: *Heutzutage kennen die Leute von allem den Preis und von nichts den Wert.*

Und doch fühlten sie sich, notabene, als Kind ihrer Zeit - lose verbunden, getrennt von ihr durch ein Unbehagen. So gehts, wenn man am Rande steht, hinter der Welle. So gehts, wenn man anstelle in ein Smartphone zu sehen, lieber Briefkästen sammelt, diese altmodischen Reliquien aus einer anderen Zeit....

Boîte aux lettres 7

Freitag, 4. Dezember 2015


Schöne Post fand sich ein im Briefkasten - nicht nur inhaltlich auch konzeptuell eine famose Idee. Als Lesemädchen, das von Kindheit an seinem Umfeld gerne durch Lesen flüchtig wurde, erfreue ich mich nach wie vor selbst haptisch an Buchseiten. Oder gar über den Olymp: handgeschriebene Briefe.

*Einen guten Gedanken den wir lesen, etwas Auffallendes das wir gehört, tragen wir wohl in unser Tagebuch. Nähmen wir uns aber zugleich die Mühe, aus den Briefen unserer Freunde eigentümliche Bemerkungen, originelle Ansichten, flüchtige, geistreiche Worte aufzuzeichnen, so würden wir sehr reich werden.* (Goethe *Wahlverwandtschaften*).

Eine Brücke, die sich schlägt, denn Sätze, die mir tief einleuchten, bleiben mir für immer erhalten. Und ich weiß, wem es ähnlich geht Stepanini.

Ihre schattenreiche Bilder erinnern mich dank ihrem ersten dunklen Eindruck an die Melancholie eines französischen chansons, dazu die leise angeschlagenen Töne - diesen hier etwa, von Françoise Hardy.
 
Mutmaßlicherweise weil Stepanini diesen Wermutstropfen in sich trägt, der in seiner kleinen Bitterkeit selbst den größten Glücksmoment noch etwas mehr Tiefe zu verleihen vermag? Bestimmt aber weil sie schaut und neugierig ist und sich Fragen stellt und weil sie Gedankenfinderin ist, Satzfinderin.

*in Artikeln, in der Sonntagszeitung,in Zeitschriften oder einfach in Gesprächen [...] Aber so eine kleine Perle zu finden, sie aus dem Kontext zu heben und ihr so eine ganz neue und eigene Bedeutung zu geben, ist ein herrliches Gefühl. Es erhebt. Der Satz, der alleine stehen darf. Der beste Finderlohn.* (archiv/e - Ausgabe 01 - Stepanini)

Gerade in den unruhigen Zeiten genieße ich den Ausflug in ihr (Blog)Reich der Schöngeisterei - als würden sich meine Sinne in einen zarten Kaschmirschal kuscheln. Und ihr verdanke ich einen Satz, den ich mein Leben lang nicht mehr verlieren werde, einen wunderherrlichen Satz aus einem eben solchen Buch. Merci fürs Zusenden und überhaupt, liebe Stephanie:

*Ich will gerne den Kopf verlieren, aber ich will den Augenblick begreifen, da ich den Kopf verliere, und die Erkenntis des abdankenden Bewußtseins so weit wie möglich treiben. Man soll sein Glück nicht in Abwesenheit erleben.* (Marcelle Sauvageot 'Fast ganz die Deine'). 

Boîte aux lettres 6

Donnerstag, 18. Juni 2015

Die Drôme aus einem ganz eigenen Blickwinkel: die Briefkästen seiner Bewohner. Eigentlich beginnt der Briefkasten ja langsam ein Gegenstand aus einer anderen Zeit zu werden. Zugegebenermaßen bin ich eine ganz lausige Brieffreundin (verständnisheischend zwinkere ich vorallem gerade Richtung Svea).

Für mich völlig unvorstellbar, wie es noch vor 200 Jahren Menschen gab - wie etwa mein Goethe - die ein phänomenales, literarisches Werk hinlegten, dabei keine Gelegenheit zum (beschwerlichen) Reisen ausließen und obendrein wirklich ausführliche Brieffreundschaften pflegten. Die HATTEN mehr Zeit als wir heute.

Sowieso und überhaupt ist jeder viel mehr Kind seiner Zeit ist, als man sich das so vorstellen kann. Am Habib und mir - zusammen trotz bekanntermaßen größerem Altersunterschied als der einer Generation - spüren wir tatsächlich soetwas wie einen kulturellen Unterschied. Obwohl wir JETZT zur gleichen Zeit leben, sind wir in unterschiedlichen groß geworden. Das prägt wahrnehmbar verschieden.

Wie eklatant anders allerdings Menschen aus sogenannten Naturvölkern gegenüber denen der Industrieländer ticken, ist mir zum ersten Mal in ganz neuem Ausmaß bewußt geworden, durch das Buch, welches ich die Tage, als die Hitze uns in die Bewegungslosigkeit drückte, im Schatten der Eiche las: *Vom Geist Afrikas*. Der Lebenslauf des Schriftstellers Malidoma Patrice Somé macht es ihm möglich mit den Augen eines Weißen (Studium an der Sorbonne) auf seine Herkunft zu sehen, und umgekehrt verwoben mit der Magie und den Ritualen seines Stammes die Welt der Weißen zu beurteilen.

Der Habib, der Afrikaliebhaber, kennt ja nun große Teile unseres Nachbarkontinents durch viele, viele Reisen - ich selbst habe Afrika bisher nur etwas beschnuppert in Tansania. Von all meinen Reisen fühlte ich mich dort aber besonders fremd, fühlte die *Andersartigkeit*. Was Malidoma Patrice Somé schreibt über die Art und Weise der Initiation der jungen Männer seines Stammes, klingt völlig fancy - nicht ansatzweise nachvollziehbar. Aber dabei auch schon wieder so abstrus, dass man es eigentlich nicht erfinden kann. Folgt man seiner Geschichte, dann wird bewußt, dass diese Menschen wie in einer Parallelwelt zu unserer leben. Mit das spannendeste finde ich sein Urteil, dass wir Weißen uns mit dem Geist der Maschine verbunden haben. Was macht das mit unserem Denken? Und sind wir überhaupt in der Lage, unser Denken denkerisch so fundamental in Frage zu stellen? Eben nicht nur kritisch zu überlegen, WAS wir denken, sondern WIE?


boîte aux lettres 5
boîte aux lettres 4
boîte aux lettres 3
boîte aux lettres 2
boîte aux lettres 1

Boîte aux lettres 5

Freitag, 7. Juni 2013

Wer meint, da alle Menschen mit gleichen Sinnen ausgestattet sind, müßten sie folgerichtig daher das Gleiche wahrnehmen, der sollte die Insassen eines Busses etwa nach einer Stadtrundfahrt nach ihren Eindrücken befragen. Er wird soviel Geschichten erhalten wie Sitze besetzt waren - vorausgesetzt das Auge wurde nicht durch Band oder Reiseleiter gelenkt.

*Was man halt so im Kopf hat* sagt der Habib gerne und meint damit das zentrale Nervenganglion, das die Fühler ausrichtet.

Sind wir en route dann achte ich gerne auf Briefkästen (oft). Ich mag Briefe. Leider wurde ich nicht in die Epoche geboren, in der man sich noch regelmäßig Zeit für seine Korrespondenz genommen hat. Ich glaube, dass es für das eigene Bewußtsein durchaus hilfreich sein kann, Geschehnisse für ein Gegenüber zu formulieren. Und natürlich ein ganz eigener, intimer Austausch mit einem Menschen ist. Heute schreibt man ins Virtuelle für Viele auf ein Mal. Und dennoch freue ich mich sehr, wenn ich *schöne Post* im Briefkasten haben - an mich ganz alleine adressiert. Und anderen muß es in der Drôme genauso gehen. Sonst würden sie nicht versuchen, genau diesen einen schönen Empfang zu bereiten!

Ach und ob wohl jemand eine Idee hat, zu welchem Briefkasten der Monsieur des letzten Bildes zuzuordnen ist?